• Paradoxien der Uebersetzung

    Jean-Luc Nancy wurde 1940 in Bordeaux geboren und hat ueber 20 Buecher geschrieben. Kann man die Werkgeschichte dieses Philosophen als eine Uebersetzungsgeschichte erzaehlen? Diese Frage stellt sich spaetestens, seitdem sich die Buchkultur buchstaeblich globalisiert hat und mit Wittgenstein und Heidegger die ersten globalen Stars der Philosophie hervorgebracht hat. Und im Falle von Nancy?

    Er ist ein Denker, der Deutschland sehr nahe steht: geografisch und biografisch, kulturell und sprachlich – jedoch auch philosophisch. Wo aber ist Nancy deutlich umfassender als in Deutschland uebersetzt worden? In den USA. Seit den spaeten 1980er Jahren haben zahlreiche grosse Universitaetsverlage seine Schriften in englischer Uebersetzung in Umlauf gebracht (darunter die Verlage der Universitaeten von Stanford, Minnesota und Fordham).

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    In Deutschland dagegen ist die Uebersetzungs-Maschine erst vor einigen Jahren so richtig ins Rollen gekommen. Zu nennen sind hier profilierte Kleinverlage wie Diaphanes, Jutta Legueil, Brinkmann & Bohse, Merve und seit Neustem auch der Salon Verlag. Es gibt einige Erklaerungen fuer diese Diskrepanz. Ganz offensichtlich ist: Der Buchmarkt funktioniert in den USA anders als in Deutschland. Doch besonders bemerkenswert ist dies: die sogenannte >French Philosophy< wurde in den USA schnell zum Verkaufsschlager, in Deutschland dagegen wurde French Philosophy lange Zeit mit Argwohn bedacht. Im Kielwasser dieses Labels ist Nancy international beruehmt geworden, wie auch einige andere Denker aus Frankreich vor ihm.

    Aber dieses Label hat auch den Blick auf seine Arbeit verstellt. Er selbst kokettiert jedenfalls damit, ein Philosoph aus Deutschland zu sein. Der erste Nancy-Text, der ins Deutsche uebersetzt wurde, zaehlt heute zu Nancys meistdiskutierten Schriften: Die undarstellbare Gemeinschaft, ein Buch, auf das viele Denker mit einem Buch antworteten, darunter Maurice Blanchot, Georgio Agamben, Alphonso Lingis, Jacques Derrida und Roberto Esposito. Selbst in China hat man davon Kenntnis genommen. Juengst ist auf Mandarin eine umfangreiche Sammlung von Nancys Schriften zur Gemeinschaftsfrage erschienen. In deutscher Uebersetzung erschien zuletzt neben >Die Annaeherung< und >Nach der Tragoedie< auch seine umfangreiche >Dekonstruktion des Christentums<.


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