• Globalisierungskritik, wie weiter? Antwort #37

    Einen mit menschlichen Wanderungsbewegungen verbundenen glokalisierten Austausch von Wissen, Waren und Praktiken gibt es spaetestens seit den grossen Pilgerfahrten innerhalb der monotheistisch gepraegten Religionen. Neu ist im letzten Jahrhundert, dass wir uns der Alteritaeten durch die erhoehte Geschwindigkeit und Praezision der Bilderfluesse bewusster werden.

    Dennoch ist die Weltgesellschaft keine homo- gene, planetare Gemeinschaft – wie wir in unserem Buch >The Making of World Society< zeigen -, sondern eine heterogene, sozial und regional mehr denn je stratifizierte Konstruktion.

    Hier werden soziale Ungleichheiten groesser und die Ambivalenz kosmopolitischer Kompetenzen schaerfer. Zentren und Peripherien verschieben sich zwar im Rahmen von komplexen, schnellen, unkontrollierbaren Reskalierungspro- zessen, werden jedoch nicht verschwinden. Allein der selektive Zugang zu Bildung, Elektrizitaet (von Internet ganz zu schweigen) und Trinkwasser wird die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, den Regionen und den sozialen Schichten noch verstaerken. Eine Ausnahme sind neue Lebensplanungs- chancen fuer wenige Individuen, die uns die Illusion der unbegrenzten Moeglichkeiten aufrecht erhalten

    Sie sind nicht zuletzt Gegenbeispiele fuer eine ungebrochene Regel, die neue symbolische und materielle Ausdrucksformen findet. In der Verbindung von urbaner Soziologie, Cultural Studies und politischer Anthropologie koennen wir diese globalen Veraenderungen und ihre Rueckwirkungen lokal untersuchen. Mein Ansatzpunkt ist das ethnographische Skizzieren von festlichen Ereignissen als politischen Handlungs- raeumen im Migrationskontext, weil sich in diesem Moment neue Vergemeinschaftungsprozesse und politische Allianzen herauskristallisieren, die die Machtverhaeltnisse verschieben und in Frage stellen koennen.

    So sind beispielsweise der Koelner und Pariser Karneval, eine politische Demonstration wie der G8-Gipfel und seine Gegenbewegungen, und auch die Reise eines Cheikhs einer Sufi-Bruderschaft zu SenegalesInnen in New York immer politisch besetzt, und eine feine Analyse dieser Emergenzen im glokalen Kontext kann uns neue Aufschluesse ueber ineditierte
    Konfigurationen der Weltgesellschaften geben.

    [Anm.d.Red.: Die Verfasserin dieses Beitrags ist am EHESS Paris und am Transnationalisation & Development Research Centre, Universitaet Bielefeld taetig.]


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