• Listig-agiler Einzelkämpfer: Wie passen eine Comic-Figur und rechter Terror zusammen?

    Klubs und Netzwerke, Rockkonzerte und Ferien-Camps, Partei-Mitglieder und Terroristen – die rechtsextremistische Szene scheint inmitten unserer Gesellschaft eine eigene Kultur aufgebaut zu haben. Kaum jemand nimmt Notiz. Kaum jemand versteht die Zeichen. Auch das Bekenner-Video des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) lässt uns ratlos zurück: eine Comic-Figur und rechter Terror muten einfach nur befremdlich an. Doch: WAS BLEIBT von den kulturellen Spuren des Terrors? Der Künstler und Musiker Wolfgang Müller steht uns Rede und Antwort.

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    Was war Ihre erste Reaktion auf das Bekenner-Video des NSU, indem der rosarote Panther den Reiseführer durch das Terror-Kabinett mimt?

    Kalter Größenwahn.

    Wie passen die Comic-Figur des rosaroten Panthers und der rechte Terror zusammen?

    Diese Form der Mimikry ist Schutz und Angriffstarnung zugleich: Wir sind überall und keiner kann uns was…

    Was lehrt uns der Blick auf vergleichbare „Unterschriften des Terrors“?

    Im Projekt Galerie Eisenbahnstraße (Westberlin 1987) stellten wir eine Arbeit des Künstlers Ueli Etter aus, in der das RAF-Kürzel auf seinen Ästhetiken untersucht wurde. Die Schriftzeichen waren farblos, eingeprägt auf Bütten. Die RAF entschied sich seinerzeit auf den Bekennerschreiben für die Schrifttype „American Superstar“ von der Firma Letraset. Was uns wichtig schien, war zu erforschen, ob selbst eine vorrangig oder ausschließlich politische Motivation – ob sie will oder nicht – Ästhetiken mit sich transportiert.

    Wie ist das Video des NSU einzuordnen?

    Der Panther gilt als listig-agiler Einzelkämpfer, der bei Gefahr in seinem Milieu verschwindet, dem dunklen, undurchdringlichen Dschungel – um überraschend plötzlich und gezielt zuzuschlagen. Er ist von außen unsichtbar, nur sein scharfer Blick, seine gelb-schwarz funkelnden Augen tauchen aus dem Dunkel auf. Er ist schwer zu ergreifen, zu fangen und hat eine ungestüme und doch geschmeidig-elegante Animalität – wie eine modernisierte Maskulinität.

    Das NSU-Video präsentiert sich hier als Lehrmaterial für einen Kampf, der Rassenreinheit impliziert. Mit dem Kampf als permanente Spur, statt expliziter verbaler Forderungen. Der Kult der Tat als Selbstzweck.

    Inwiefern sprengt dieses Video unsere kulturelle Kompetenz? Welche Rückschlüsse auf das Kompetenz-Defizit lässt die massenmediale Rezeption dieses Videos zu?

    Ich glaube nicht, dass das Video unsere kulturelle Kompetenz sprengt. Es sprengt lediglich die Vorstellung von Rechtsextremismus als Retro und Wiederholung von längst Vergangenem. Die Massenmedialität ergibt sich ja unmittelbar aus dem obszönen Überschuss von Aufmerksamkeitsökonomien. Das sind alles keine Randphänomene.

    Was sagt uns dieses Video und dessen Rezeption im Hinblick darauf, was die Gesellschaft als Ganzes dazu lernen muss, um mit dem Rechtsextremismus in „ihrer Mitte“ aufgeklärt umzugehen?

    Der Blick muss weg von der Symbolfixierung hin zum Inhalt gerichtet werden: Rassismus und Gewalt in Wort und Tat, Kult der virilen Kraft und reinen Tat im Namen nationalrassischer Größe.

    Wie kann der Bildungsrückstand in der Gesellschaft überwunden werden?

    Nicht Zeichen, sondern vielmehr Rassismus und Hass-Sprache sind das Thema – nicht zu vergessen: die Repolitisierung nationaler Selbstgewissheiten wie Freiheit und Individualität.

    Anm.d.Red.: Wolfgang Müller lebt seit 1979 in West-Berlin, wo er 1980 „Die Tödliche Doris“ gründete. Mit seinem Projekt trat er von 1980 bis 1987 in West- und Osteuropa, Japan und den USA auf, u.a. im Museum of Modern Art, New York, den Wiener Festwochen, der Halla Gwardii in Warschau und auf der documenta 8 in Kassel.
    Mit „Geniale Dilletanten“ veröffentlichte er 1981 das Manifest der künstlerisch-musikalischen West-Berliner Subkultur. Seit den 1990ern ist Island das zentrale Thema seiner Kunst. In dem vorliegenden Interview stellte Krystian Woznicki die Fragen. Das Bild oben zeigt den Pink Panther; das Bild darunter ist ein Standbild aus dem Bekenner-Video des NSU. Mehr zum Thema in unserem Dossier Terror von Rechts.


5 Kommentare zu Listig-agiler Einzelkämpfer: Wie passen eine Comic-Figur und rechter Terror zusammen?

  • Eine verteufelt raffinierte Taktik, die vor allem das Medium Internet mit seiner Bild-, Fetzen- und Symbolsprache erst ermöglicht. Haben damit Inhalte heute überhaupt noch eine Chance?
  • "Paulchen Panther hat, wie man ihn kennt, die Pfoten in die Hüfte gestemmt und den Bin-ich-nicht-pfiffig-Blick. Auch steht er in Scheinwerferlicht. Dabei wird ihm gerade seine Unschuld geraubt, seine rosarote Lässigkeit: Für lange Zeit wird kein Wiedersehen mit der Zeichentrickfigur möglich sein, ohne dass sie in der Erinnerung der Betrachterin gleichsam beschmutzt ist durch den widerlichen Zusammenhang, das Babyrosa mit dem Blut der NSU-Opfer."
    http://www.berliner-zeitung.de/kultur/neonazi-gewalt-paulchen-panther-missbraucht,10809150,11146866.html
  • Marissa am 06.01.2012 10:28
    Können wir in Zukunft nie mehr ohne schlechtes Gewissen über Paulchen Panther sprechen?
  • Im Projekt Galerie Eisenbahnstraße (Westberlin 1987) stellten wir eine Arbeit des Künstlers Ueli Etter aus, in der das RAF-Kürzel auf seinen Ästhetiken untersucht wurde. Die Schriftzeichen waren farblos, eingeprägt auf Bütten. Die RAF entschied sich seinerzeit auf den Bekennerschreiben für die Schrifttype „American Superstar“ von der Firma Letraset. Was uns wichtig schien, war zu erforschen, ob selbst eine vorrangig oder ausschließlich politische Motivation – ob sie will oder nicht – Ästhetiken mit sich transportiert
  • fand gerade das hier zum Thema:

    "Die Presse rätselt, warum sich die Terroristen, die sich als Nationalsozialistischer Untergrund bezeichnen, ausgerechnet Paulchen Panther zu ihrem Maskottchen wählten. Bernd Wagner von Exit Deutschland gibt sich im Stern-Interview ratlos, der Zürcher Tagesanzeiger rätselt und klärt darüber auf, dass der rosarote Panther nicht im kriminellen Milieu wurzelt.

    Und in der BILD-Zeitung darf Professor Dr. Hajo Funke, Politikwissenschaftler vom Otto-Suhr-Institut in Berlin, erklären: “Das muss kein Zeichen für die Öffentlichkeit sein: In der Nazi-Szene gibt es auch eine innere Propaganda. Möglicherweise hatten Paulchen-Witze in dieser Gruppe einen Kultstatus für Insider.”

    Eine Blick in die Geschichte der Terror-Ikonographie legt jedoch eine andere Interpretation nahe: ..."

    http://www.security-informatics.de/blog/?p=508

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