• Feldstudien: Wie der Künstler Masaki Fujihata den Blick auf die Weltgesellschaft neu öffnet

    Sind wir auf dem Weg zur Weltgesellschaft? Yvonne Spielmann meint: die westliche Perspektive verstellt uns den Blick auf den großen Zusammenhang. Wie wir uns von dieser Sichtweise lösen können, zeigt die Medienforscherin und Berliner Gazette-Autorin anhand der Feldstudien von Masaki Fujihata.

    Im Zeichen von Globalisierung und Digitalisierung hat sich im Bereich der Medien- und Kulturpraxis eine Intensität, Geschwindigkeit und Dichte an Verknüpfungen entwickelt, die es sinnvoll erscheinen läßt von einem globalem Maßstab, einem Weltmaßstab zu sprechen. Dieses Verständnis wird jedoch vorrangig aus westlicher Perspektive, genauer in US-amerikanisch geprägten Bereichen der Soziologie und Cultural Studies vorangetrieben, etwa von Autoren wie Fredric Jameson und Saskia Sassen. Das Problem dabei ist die US-amerikanische beziehungsweise westliche Perspektive auf den „Rest“ der Welt.

    Überhöhung der eigenen Perspektive: Vom Ethnozentrismus zum Neo-/ Postkolonialismus

    Der aus Jamaica stammende Stuart Hall, der in Großbritannien die Cultural Studies begründet hat, hat das Verhältnis vom Westen zum Nicht-Westen auf den Punkt gebracht: Die Vielfalt von Produktion, Praxen und kulturellen Kontexten ist, so Stuart Hall, eben nur so lange akzeptabel, wie dies die Mechanismen und Gesetze der Kapitalmärkte und Kulturindustrien nicht stört.

    Vielfalt, multikulturelle Erscheinungen, globaler Mix aus Stilen und Gewohnheiten sind ein Plus, solange der kommerzielle oder staatliche Spielraum akzeptiert bleibt. Dieser Spielraum untersteht westlich-kapitalistischen Interessen unterscheidet sich nur wenig von anderen Formen des Kolonialmus.

    Diese Haltung ist neuerdings als Neo-/Postkolonialismus von Kulturkritikern beanstandet worden, die im Westen leben und arbeiten, aber aus anderen Kulturen stammen. Sie kritisieren die Nivellierung von Differenz und die damit einhergehende Verschleierung von realen Machtverhältnissen – ein Prozess, der sich nicht zuletzt im Zugangscode zum Computer, der Blockade von Internet-Ports und der korporativ-kommerziellen Struktur von Internetfirmen wie Google und Facebook niederschlägt.

    Um es noch konkreter zu machen: Wer wie ich die typischen Mischungsformen der digitalen Medienkultur untersucht, erkennt: Eine Vereinheitlichung, Standardisierung der Formate, Anwendungs- und Netzwerkprogrammierung erfolgt aus westlicher Dominanz. Das wird wenig reflektiert. Internet, Facebook und andere große Kulturtechniken entstammen allesamt westlichen Denk- und Kontrollmustern und setzen einen Weltmaßstab auch für den „Rest“ der Welt. Auch wenn sich längst herumgesprochen hat, dass der Datenraum kein freier, unkontrollierter Ort, sondern reguliert und standardisiert ist, so sind die dabei wirksamen kulturellen Determinationen wenig ersichtlich.

    Wechsel der Perspektiven

    Um dies anschaulich zu machen, ist es hilfreich künstlerische Arbeiten aus nicht-westlichen Kulturkontexten heranzuziehen. Sie setzen andere Maßstäbe und zeugen von einem anderen Umgang mit Technologie. Die Beispiele digitaler Medienpraxis aus dem Kulturraum Japans scheinen besonders interessant, weil sie auf komplexen hybriden Vermischungen westlicher Modernitätseinflüsse beruhen.

    Ein Beispiel für solche kulturellen „Vermischungen“ ist die Aneignung westlicher Fassaden für moderne Häuser, die im Inneren unverändert mit Tatami-Räumen ausgestattet sind. Hier erkennt man die nicht-westlichen Entwicklungen von Modernität in Japan. Bei dieser Form geht es viel mehr um Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander und die Vernetzung von nichtzusammenhängenden Elementen. Diese Hybridation von verschiedenen Kontexten geschieht, ohne dass dies zu konflikthaften Medienformen führt – beispielsweise Montage oder Collage.

    Fujihatas Visualisierung des Nicht-Greifbaren

    Ich möchte ein Beispiel aus der Medienkunst benutzen, um meinen Punkt zu verdeutlichen und die partizipatorisch-interaktiven Feldstudien von Masaki Fujihata vorstellen. Fujihata ist einer der Begründer digitaler Medienkunst in Japan. Hier ist sogleich Vorsicht angebracht. Denn das Wort Kunst hat im Kulturkontext Japans eine andere Konnotation und ist stärker mit Handwerk, Technik und Präzision, Kompetenz verbunden und nicht mit einem gesellschaftlichen Teilbereich namens Kunst wie im Westen.

    In seinen Feldstudien erforscht Fujihata mit GPS, Positionsdatenerfassung und Videokamera die Wege von professionellen Übersetzern, die er in Genf zu Fragen ihrer Herkunft, Heimat und Sprache interviewt. Fukihata wählt mit Bedacht die kleine Schweizer Stadt aus, ist sie doch, wegen der vielen UN-Behörden, ein kulturell stark gemischter Ort.

    Der Medienkünstler, der aus Japan nach Genf kommt, ist an diesem Ort genauso ein Fremder wie die von ihm interviewten Übersetzer aus Afrika, Südamerika und verschiedenen europäsichen Ländern. Um diese Zusammenhänge, kulturelle Differenz und dialogische Nähe zu vermitteln, ist Fujihata als Gesprächspartner in die aufgezeichneten Interviews integriert, die später im Cyperspace zu Panoramen geformt und anhand der tatsächlichen Bewegungslinien vernetzt werden. Das heißt, Personen die zu verschiedenen Zeiten an gleichen Orten waren, sind im Datenraum verbunden, was eine hybride Konstellation von physikalisch nicht möglichen Verbindungen anzeigt.

    Der Betrachter der dreidimensionalen Installation kann zwischen den Panoramen und ihrer Innen- und Außenansicht navigieren und dabei Nähe oder Distanz zu den real-virtuellen Vorgängen selbst wählen. Daraus ergibt sich eine andere Art der Kartographie und ein anderer Maßstab. Dieses Modell beruht auf subjektiven Erfahrungen und persönlich-aktiver Teilhabe und unterscheidet sich vom vermeintlich ‚objektiven‘ Maßstab der Computerprogramme.

    Mikro-Makro: Von Genf zum Weltmaßstab

    Für Fujihata bietet diese Art der Vermischung von realen und virtuellen Begegnungen eine Möglichkeit, ein anderes Modell für wissenschaftlich-künstlerische Forschung zu setzen, das es erlaubt, dem Weltmaßstab mit verschobenen Perspektiven und der Wertigkeit eigener, persönlicher Aktivität zu begegnen.

    Weil die Feldstudien Fragen der interkulturellen Kommunikation zum Thema haben, zeigen sie auch: Der jeweilige Ort der Begegnung kann ein mögliches Zentrum, einen Ausgangspunkt bilden, von dem aus vielfältige Vernetzungen möglich sind. Jene halten sich nicht – und das ist der entscheidende Kommentar zur globalen Vernetzung – an die standardisiert-kommerzielle Einteilung von Zonen.

    Anm. d. Red.: Lesen Sie mehr dazu in unseren Dossiers zu den Themen Japan und Globalisierungskritik. Alle Fotos in diesem Beitrag stammen aus den Feldstudien Masaki Fujihatas.


5 Kommentare zu Feldstudien: Wie der Künstler Masaki Fujihata den Blick auf die Weltgesellschaft neu öffnet

  • Silvia am 24.11.2011 05:40
    danke!
  • Melchior am 24.11.2011 12:10
    Gibt es noch mehr Infos darüber, warum der Künstler das Format der Feldstudie wählt- das würde mich persönlich sehr interessieren!
  • von der Autorin:
    es gibt eine ausführliche Diskussion von Fujihatas Feldstudien in meinem Buch "Hybridkltur", Suhrkamp 2010.
  • Mir scheint´s, es geht mir ähnlich wie Masaki Fujihata.
    °
    Habe mir übrigens heute - vor der Lektüre dieses Artikels - das Buch bestellt. Aufmerksam geworden vor einigen Wochen per:
    Stefanie Rentsch: [Rezension zu:] Spielmann, Yvonne: Hybridkultur (suhrkamp taschenbuch wissenschaft), 2010. In: H-ArtHist, 09.12.2011. Letzter Zugriff 02.10.2014. .
  • Zu dem spannenden Beitrag ein real-virtueller Versuch von Begegnung in solcher ART - Kunst hat das Potential, Utopien zu schaffen - und die sind (über)lebensnotwendig. Brücken durch Kunst!

    http://andere-poetry.blog.de/2014/10/06/geschnitten-reis-19514063/

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