• Die Leere nach dem Riss

    Fredric Jamesons Essayband The Cultural Turn – Selected Writings on the Postmodern, der acht Texte von 1983 bis 1998 versammelt, ist von grossem Wert fuer alle Nachgeborenen, die gerne wissen wuerden, was sich die Grossvaeter, Onkel und Vaeter eigentlich damals gedacht haben (natuerlich auch die weiblichen Anverwandten), in jener wilden Zeit, die wir unscharf trotz allem die 80er nennen koennen. (Auch geeignet fuer jene, die es einfach vergessen haben, weil das ganze Jahrzehnt fuer sie ein grosser Kokainkater war.)

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    Zu Beginn steht der Text Postmodernism and Consumer Society. Die Konsumgesellschaft und ihre kulturellen Implikationen toeten das Subjekt und bringen die Erkenntnis der Nicht-Einzigartigkeit, des Nicht-Individuums, weder jetzt noch gestern noch morgen. Welche aesthetischen Konsequenzen das hat, so Jameson, kann man an der Verdraengung der Parodie durch das Pastiche erkennen.

    In beiden Faellen imitiert man individuelle Handschriften. Doch wo die Parodie einen satirischen Impuls hat, und sich zum Ziel setzt, die Abweichung des Parodierten von der scheinbar vorhandenen Norm zu zeigen, wird sie durch das Pastiche ersetzt, das sich jener Stil als blosse kalte Maske bedient, ohne Impuls – Parodie ohne Humor. (Wie Family Guy.) Moeglich geworden durch die zunehmende Zerfaserung der Stimmen in der Postmoderne, bis jeder Kuenstler und jede Gruppe ihre eigene kleine Insel besetzt. Und hier irrt Jameson.

    Denn schon Yoknapatawpha County ist nur von Faulkner begehbar, ebenso wie nur Proust die Madeleine schnuppern kann. Diese Heterogenitaet ist keine Erfindung der Postmoderne. Worin auch die andere Erkenntnis besteht: Es gibt nichts mehr zu sagen, alles wurde schon er-und gefunden. So bleibt nur die Wiederholung, oder Rueckkehr. Daher: Nostalgie. (Und wieder irrt Jameson, wenn er Chinatown zum Ausdruck jener Nostalgie erklaert.)

    Und zum Schluss dieses Beginns steht eine offengelassene Frage: There is a way in which postmodernism reinforces the logic of consumer capitalism; the more significant question is whether there is a way in which it resists that logic. Wir koennten diese Frage heute beantworten. Wir koennten auch einfach Jeff Koons fragen. Meinetwegen sogar Damien Hirst. Vielleicht wissen sie die Antwort – wenn sie sich erinnern koennen.


5 Kommentare zu Die Leere nach dem Riss

  • krystian am 05.11.2009 10:28
    ehrlich gesagt, ich verstehe nicht ganz deine einwände: warum irrt jameson? und gleich zweimal?
  • Fabian W. am 05.11.2009 13:29
    1. Irrtum: Ersteinmal ist der Impuls einer Parodie nicht automatisch, die Abweichung des Parodierten von der Norm, vom 'Richtigen', vom 'Guten' zu zeigen. Der Kern einer Parodie kann auch einfach sein, die Wesensart des Werks eines Künstler genau einzufangen. Jameson selbst stellt fest, wie stark einzelne Autoren (in diesem Fall der Moderne) beispielsweise eine eigene Sprache entwickelt haben: Lawrence und seine Naturmetaphorik, oder eben Faulkners Sätze. Diese Erkenntnis beweist, dass die vermeintliche Zerfaserung der Stile und Stimmen einfach schon immer da war, ja eigentlich ein Grundbestandteil der Kunst ist. Und ganz nebenbei steht sie im krassen Gegensatz zur Erkenntnis der 'Nicht-Indivualität', die Postmoderne Theoretiker auszumachen glauben.
    2. Irrtum: 'Chinatown', würde ich behaupten, ist sich gar nicht bewusst, dass er in den 30ern spielt, und auch noch ein Film Noir ist. Ironie und Distanz, die die Form des Zu-sehr-dabei-seins annimt, sind Grundeigenschaften von Werken, die nostalgisch sind oder Nostalgie hervorrufen wollen. Beides ist nicht gegeben.
  • Joerg Offer am 06.11.2009 19:43
    "Ihr Amerikaner redet immer und redet und redet, sagt, laß mich noch dies sagen, laß mich noch jenes sagen...Schluss!.....Es war die Lachsschaumspeise!"
  • Fabian W. am 06.11.2009 19:48
    Aber von der hatte ich noch gar nichts! Ich bin mehr der Spam-Typ.
  • Joerg Offer am 06.11.2009 21:08
    Spam Typ? Das ist der soziale Tod!

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