• Das Kapital in der Handtasche

    Haben Sie schon mal Das Kapital von Marx gelesen? Ich ja – neulich im Theater. Waehrend der Vorstellung wird der erste Band von Das Kapital an die Besucher verteilt, so dass fast jeder eines auf dem Schoss hat. Das Licht geht an, die Seitenzahl wird angesagt, und der ganze Saal blaettert. Wir lesen ueber Akkumulation, vogelfreie Proletarier und kapitalistische Exploitation. Zwischendurch spielt ein Blinder Platten mit lustigen Liedern, die verheissungsvoll auf zukuenftig zu erwerbende Produkte hinweisen. Er ist eigentlich Call-Center-Agent und laesst uns am naechsten Morgen sagen: Last night a DJ saved my life!.

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    Das Rimini-Protokoll hat es wieder einmal geschafft: die Vorstellungen im HAU2 waren ausverkauft. Wer sonst kriegt die Googlegeneration dazu, sich freiwillig durch dicke Waelzer zu muehen? Wer schafft, es dass man bei linken Sachen auch lachen darf? Dass die Geschichte der Alt-Maoisten, der 68er, der KPDler und der Revoluzzer, die laengst abgelutscht und durch war, wieder spannend wird? Rimini Protokoll zeigt acht unterschiedliche Menschen auf der Buehne, ob jung, ob alt, ob Ost, ob West, ob blind, ob sehend, ob Proletarier oder Akademiker – sie alle haben Marx gelesen und erzaehlen ihre persoenliche Geschichte.

    Das Stueck spuert auf, wo zwischen den Menschen Marx steht und wie er sie beeinflusst oder nicht. Sascha zum Beispiel ist jung, angehender Medienkaufmann und Revolutionaer. Gleichzeitig liest er Marx, ist von Che beeinflusst und reckt die Faust kampfesbereit alle fuenfzehn Minuten hoch. Vielleicht auch gleichzeitig eine Turnuebung, wenn man den ganzen Tag am Computer sitzt und Medien bearbeitet? Alle Protagonisten haben eine Beziehung zu Marx. Einer sieht sogar so aus wie Marx: Thomas, der nicht muede wird, zum Lesen von Marx zu animieren, den schweren Band Das Kapital hochhaelt und erreicht, dass man den Saal mit dem festen Vorsatz, mindestens diesen ersten Band zu lesen, verlaesst. Mindestens.


2 Kommentare zu Das Kapital in der Handtasche

  • sebastian am 08.11.2007 00:45
    Naja, klar. Und dann folgen die sämtlichen 20 Bände der Marx-Engelschen Gesamtausgabe.. . :D
    Haben die in dem Stück auch diejenigen beeinflussten gezeigt, die sich zu einem real-existierenden Sozialismus animiert fühlten?
    Wie real war das Bild, das durch die acht Dargestellten entstand?
    Und: wurde zu einem historisch-hinterfragenden Umgang bezüglich der Wirkung der Marxschen Theorien angeregt?

    Fragen über Fragen *lach!*
  • mit menschen aus dem alltagsleben zu arbeiten, auf der bühne, wie mit echten schauspielern - das ist beachtlich, zumal, wenn es wirklich professionell ist, ich meine, wenn dabei ein richtig gutes, rundes theater-stück entsteht, wie es der fall zu sein scheint.

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