• Von Sozialschmarotzern, Flaschensammlern und Juergen

    Ich hatte mein Portemonnaie verloren. Vielleicht stahl man es mir. So meine Hoffnung. Wahrscheinlich aber habe ich es einfach nur verbaselt, Schusseligkeit, eigene Bloedheit also. Es war zum Schreien. Ich verlor mein Portemonnaie schon oefter, drei mal lief es mir schon nach. In Mexiko Stadt sogar wortwoertlich. Ich musste schnell Geld abheben und rannte zu einer Bank in der Naehe des Restaurants, in dem der Kellner auf die Begleichung der Rechnung wartete. Ploetzlich wurde ich von einem jungen Mann verfolgt, der mir schreiend und wild gestikulierend folgte. Ich rettete mich voll Angst bis in die Bank, wo er mir wortlos, mit boesem Gesicht, mein Portemonnaie in die Hand drueckte.

    Es musste mir beim Spurt aus der Tasche gefallen sein. Das zweite Mal hatte man es an der Kasse eines dieser typischen, etwas prolligen Multiplex-Kinos abgegeben, in dessen Vorfuehrraum es mir beim heftigen Knutschen mit dem Nachbarn aus der Tasche gerutscht sein musste. Kann mich beim besten Willen nicht an den Film erinnern. Beim dritten Mal liess ich es auf einem oeffentlichen Muenzfernsprecher mitten in der Stadt liegen, muss zu Zeiten gewesen sein, als ich noch kein Handy hatte, ein polnischer Student brachte es mir an die Haustuer.

    Nie fehlte auch nur ein Centavo, ein Cent oder ein Pfennig und jedes mal blieb ich beschaemt zurueck mit meinen Vorurteilen und meiner Arroganz. Aller guten Dinge sind drei. Man soll das Glueck nicht herausfordern. Was einem wirklich verlorenem Portemonnaie folgt, ist klar. Saemtliche Papiere muessen neu ausgestellt werden, man muss die Karten sperren. Mir war klar, dass ich meine BMW-Visa-Karte verlieren wuerde. Beim Sperren und wieder beantragen wuerde auffallen, dass die alte klapprige BMW, die ich bei Vertragsabschluss fuhr, schon lange nicht mehr existiert, zumindest aergere ich mich nicht mehr mit diesem Ungetuem barocker Motorradbauunfaehigkeit ab.

    Ich fahr wieder eine MZ! Jedenfalls darf ich damit keine BMW-Visa Karte mehr haben, die ist echten BMW-Fahrerinnen vorbehalten. Ich werde zukuenftig keine Rabatte auf Benzinkaeufe mehr bekommen, werde meine Rechnungen sofort begleichen muessen und nicht irgendwann im naechsten Monat und eine Auslandskrankenversicherung brauche ich auch. Die war bisher Bestandteil der BMW-Visa Karte und sehr praktisch. Einmal hatte ich ein Loch im Zahn, mitten im brasilianischen Urwald. BMW hat das uebernommen.

    Auch ein gebrochenes Bein wurde in Peru von BMW geschient und wuchs dank aufopfernder Pflege des Chefarztes ganz wunderbar gerade wieder zusammen. Ich war eine Sozial-Schmarotzerin gewesen, am Tropf von BMW, dabei zu allem UEberfluss auf einer MZ sitzend. Ironie des Schicksals. Der BMW-Konzern, Totengraeber des ostdeutschen MZ-Werks in Zschopau, nach der Wende im Aufsichtsrat damit beschaeftigt, die innerdeutsche Konkurrenz zu zerschlagen, wurde jahrelang von einer MZ-fahrenden BMW-Visa Card Inhaberin ausgebeutet und geschaedigt. Damit wuerde es nun vorbei sein, die Karte war auf ewig verloren. Dank Juergen Trittin kam aber alles anders.

    Er hat das Pfand eingefuehrt auf Flaschen, die bisher achtlos weggeworfen wurden und damit meinen Sozialschmarotzerstatus gerettet. Genau genommen hat er nur das fortgefuehrt, was bereits Klaus Toepfer auf den Weg brachte und auch Angela Merkel nicht hatte stoppen koennen. Sei’s drum, er hat’s gemacht. Flaschen werden natuerlich weiterhin achtlos weggeworfen, auch wenn dafuer Pfand bezahlt wurde. Pfandschlupf nennt das der Handel und reibt sich ob uebervoller Kassen die Augen. 2005 betrug der Pfandschlupf 1,2 Mrd. Euro, weil lediglich 10 Prozent der Flaschen einfach weggeworfen wurden. 2006 sind es nur noch ungefaehr 2 Prozent gewesen.

    Jemand hatte da eine Marktluecke erkannt. Flaschen werden nun oefter zurueckgebracht. Zum Beispiel von Matze. Matze ist 35 und Flaschensammler in Berlin. Er fand mein Portemonnaie in einem Papierkorb und steht nun vor meiner Tuer. Ich bin erleichtert. Das Portemonnaie wurde also geklaut, soviel steht fest, sonst haette es nicht in einem Papierkorb gelegen, ausserdem war das Geldfach leer. Es war also nicht meine Schusseligkeit, die mich zwischenzeitlich ohne Portemonnaie und Auslandskrankenversicherung dastehen liess, sondern die Gewandtheit eines Diebes. Chapeau! Ich hatte es nicht gemerkt.

    Die Arschtasche ist also doch nicht so sicher wie ich immer glaubte. Fuer das Wegwerfen des Portemonnaies allerdings gehoert Dir in die Eier getreten, Freundchen. Geld rausnehmen ist ja im Zweifel OK, gehoert ja sozusagen zum Geschaeft. Aber wegwerfen und anderer Leute enorm viel Aerger in Kauf nehmen ist asozial. Auch wenn die Beklaute (nunmehr wieder) eine BMW-Sozialschmarotzerin ist. Matze kam extra zu mir nach hause! Einen Finderlohn wollte er nicht. Auch keine Bierflasche, voll versteht sich, er sei kein Trinker und fuer ein Bier sei es um 18:00 Uhr noch zu frueh. Ich wurde knallrot. Das Angebot, ihm einen Kuchen zu backen wies er lachend ab. Ich war kurz davor, beleidigt zu sein.

    Wo sollte ich hin mit meiner Freude? Ihm einen Kasten leerer Flaschen aus der WG anzubieten, traute ich mich nicht. Ein Griff in die Haushaltskasse bescherte 30 Euro, Was kostet eigentlich ein neuer Perso? fragte ich ihn, und steckte das Geld in seine Brusttasche. Er nahm es raus und warf es an mir vorbei in meinen Flur. Gut, dann lege ich ab heute meine Schlupfflaschen oben auf den Papierkorb!“ „Wuerde ich gerade an Deiner Stelle nicht machen, sagte er, wies auf das Portemonnaie in meiner Hand und ging lachend die Treppe runter. Matze, Juergen, ich danke Euch auf diesem Wege von ganzem Herzen.


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