• Wellenlaufen, Untergluckern

    Wasser ist vor allem nass, und wenn man auf einem Kanal wandeln moechte, dann ist die Aussicht darauf, in eine dreckige Bruehe zu fallen, wenig erfreulich. 2006 erfand Yoav Rosen ein Paar Schuhe, mit denen Menschen ueber’s Wasser gehen koennen. Seine Firma „Wavewalk“ verkauft Kajaks und entwickelt „mikronautisches“ Design. Seinerzeit erregte diese Entdeckung Aufsehen – Leonardo war zuvor daran gescheitert. Mich aergerte die Neu-Erfindung, da sie mein „Instabilitaetsprojekt“, fuer das ich mit klonkigen Objekten ueber Kanalwasser in Birmingham laufen wollte, in Frage stellte. Das Projekt wurde abgesagt.

    Vielleicht gab’s auch aber andere Gruende: Die Verletzungsgefahr durch Metallteile unter Wasser, wie Fahrraeder etwa. Leonardo hatte sich wohl mit Wasser befasst und Kanaele entworfen – aber ob er die Moeglichkeiten der Abfallbeseitigung unter Wasser in Betracht gezogen hat? Sein Wasserbuch handelt eher von Strudeln und Stroemungen, vom Sog, der ins Wankeln bringt. Andererseits sind da Vincis Buecher in sich selbst wankelhaft, mit Alltagsnotizen oder Einkaufslisten gespickt. Kunst und Leben: fluide Systeme, die staendig neu durchdacht werden muessen, damit der Mensch nicht untergeht.

    Gesellschaftlich ist fluide Existenz nicht mehrheitsfaehig. Ehe, Kindererziehung, Arbeit, Wohnort, soziale Netzwerke – das Solide ist gefragt; vielleicht, um die Gefahren des Fluessigen zu umgehen. Mannigfaltig sind diese. Wenn es friert, wird das Wasser fest, bleiben die Fuesse stecken, nichts geht mehr. Wenn es wieder warm wird und der Fuss frei, gluckert der Koerper unter oder treibt. Wer absaeuft, kann schlecht rufen, atmen oder twittern: nur mit Schwimmweste ist das moeglich. Deshalb wohnen die meisten lieber auf festem Grund mit Familie. Daran ruetteln auch keine neuen Technologien.


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