• White Stripes am Ende: Abschied von kalten Apfelblüten-Nächten

    Man hat sie mit Led Zeppelin und Jimi Hendrix verglichen. Fußball-Fans haben das Hauptriff ihres Lieds „Seven Nation Army“ zu einem Klingelton der Euphorie gemacht. Nun heißt es Abschied nehmen: Die White Stripes haben sich getrennt und Berliner Gazette Autorin Tina Strauch trauert.

    Mich bringt nichts so schnell nichts aus der Ruhe. Vor einigen Jahren habe ich mit einer Freundin ein Fußballländerspiel der deutschen Mannschaft bei der Europameisterschaft gesehen. Sie interessierte sich nicht so sehr für das Spiel wie ich und während sie über Gott und die Welt redete, schossen unsere Jungs den entscheidenden Siegtreffer. Ich hörte ihr zu, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – es gibt nämlich nur eine Situation, die mich völlig aus dem Konzept bringt.

    Sobald im Radio ein Song der White Stripes ertönt, kann ich keinem Gespräch mehr folgen. Mein Körper beginnt sich zu bewegen und ich muss jeden Takt mitverfolgen. Hinzu kommt der unbedingte Drang, meine Mitmenschen an diesem Vergnügen teilhaben zu lassen. Und so kann ich nicht anders, als wenigstens ein kleines, leises „White Stripes!!!“ hervor zu bringen. Das Detroiter Ex-Ehepaar wird wohl auch noch in Zukunft im Radio zu hören sein, allerdings nicht mehr mit neuen Titeln.

    Ade, größte Lieblingsband aller Zeiten, ade

    Ja, ich weiß, es hat sich schon lange abgezeichnet, lag in der Luft und war jedem klar, aber gehofft habe ich trotzdem noch. Umsonst. Jetzt gehören die White Stripes nicht mehr Meg und Jack, sondern uns, den Fans – das verkündeten sie kürzlich auf ihrer Website. Erstmal klingt das ja ganz schön, aber bei genauerer Betrachtung ist es einfach nur schrecklich. Keine neuen Alben mehr und was noch viel schlimmer ist: nie wieder Live-Konzerte!

    Als ich die White Stripes auf VIVA das erste Mal live spielen sah wusste ich gleich, dass die Zeit, den Toten (vor allem in Gestalt von Kurt Cobain) hinterher zu trauern endgültig vorbei war. Da war einer, der war lebendig – und wie. Der lebte Musik und der meinte das ernst: die überdrehte Stimme, die sich überschlug und manchmal sich selbst verschluckte, diese Gitarre, der man förmlich anhören konnte, dass man sich an ihr gerade die Hände blutig spielte. Und dann diese Frau, die sich hinter langen, dunklen Haaren in ihrer eigenen Welt versteckte, die völlig unnahbar schien und die mit ihrem ganzen Körper Schlagzeug spielte.

    Ein Fan war geboren

    Seit diesem Tag war ich Fan. Ich beklebte mein Zimmer mit Bildern, kaufte mir ein rot-weiß gestreiftes T-Shirt und hörte De Stijl und White Blood Cells bis ich jede Zeile auswendig konnte. Das änderte mein Leben. Es änderte mich. Gerade als Teenager bedeutet einem die Lieblingsband ja meist mehr als nur die Musik, die man ständig hört. Es ist vor allem ein Lebensgefühl. Mit den White Stripes fühlte ich Leidenschaft, den Mut zu Überdrehtheit und die Lust an Inszenierung.

    Nach dem Besuch des Berlin-Konzerts 2005 ging ich noch Wochen später mit einem ernsten Gesichtsausdruck, aber schwingenden Schrittes durch die Straßen. Sie strahlten coole Beherrschtheit aus, ließen aber auf der Bühne alles raus. Das hat mich einfach nicht mehr losgelassen.

    Wenn ich sagte, welche Musik ich mag, habe ich mich stolz und selbstbewusst gefühlt. In der Schule sollten wir einmal im Musikunterricht unseren Lieblingssong mitbringen. Meine Lehrerin fragte, nachdem ich The Hardest Button to Botton eingelegt hatte, wem das Lied gefallen würde. Daraufhin meldete sich fast die ganze Klasse. Das war als hätten alle für mich persönlich gestimmt. Ich war noch den ganzen Tag völlig aufgekratzt.

    Ein bisschen kam dieser Stolz ins Wanken als Seven Nation Army in die Fußballstadien dieser Welt einzog. Dass auf einmal tausende Menschen „Daaaa Da Da Da Da Daaaa Daaaa“ im Chor brüllten, war mir ein Dorn im Auge. Was wissen die schon von meinen White Stripes?

    Und was ist jetzt mit mir?

    Nach der endgültigen Trennung stelle ich mir die Frage: Was passiert mit mir, jetzt wo es meine Lieblingsband nicht mehr gibt? Die Musik bleibt, natürlich. Aber sie entwickelt sich nicht weiter, im Gegensatz zu mir. Sie wird zum Soundtrack einer vergangenen Zeit. Mein Lebensgefühl wird sich ändern und es wird neue Musik dazu geben. Werden sich die White Stripes und ich jetzt voneinander entfernen? Kann das Ende einer Band auch das Ende eines Lebensabschnitts bedeuten? Wie auch immer: Danke Meg, Danke Jack für all die kalten Apfelblüten-Nächte!


5 Kommentare zu White Stripes am Ende: Abschied von kalten Apfelblüten-Nächten

  • Das Gefühl kann ich gut nachvollziehen. Aber was würdest du sagen, warum die Band sich getrennt hat?
  • Ein schöner Nachruf. Ich mag die White Stripes auch sehr, aber eigentlich noch mehr die Philosophie von Jack White, die so schön anachronistisch ist: Vinyls selber pressen, unabhängig von Musikverlagen sein und analoge Aufnahmen. Dass "Seven Nation Army" in Fußballstadien gegröhlt wird, findet Jack sogar gut, weil es somit zur Folklore wird und dafür sei Musik ja da.
    Ich denke, dass man von beiden weiterhin noch viel hören wird, wenn ich nun nur an The Dead Weathers oder Raconteurs denke. Mit "Under Great White Northern Lights" haben sie zudem ein sehr schönes Live-Album hinterlassen.
  • zeppo am 19.02.2011 13:27
    ich mag auch musik hören, yea. aber so innig werden mit einem performer, das kann ich nicht nachvollziehen, musik, das ist sound, gerade jetzt, wo der sound digital geworden ist, ist es ziemlich egal, wie die leute aussehen, die das machen, also identifiziere ich mich nicht denen, sondern da kommt ein gutes gefühl auf, stimmungen, atmosphären, glück, dann ist es auch schon wieder vorbei und manchmal bleibt eine erinnerung an so einen flüchtigen moment. so.
  • Soul Surfer am 19.02.2011 13:47
    ich habe nie verstanden, warum dieser Jack White bei dem Rolling Stones Film von Martin Scorsese mitgemacht hat, oder sagen wir: ich habe es ihm sehr übel genommen. Die ROlling Stones sind ja ganz okay heute noch, aber eben nur ein Abklatsch von ihrer großen Zeit damals, und dann holen sie sich alle möglichen Popstars auf die Bühne in diesem Film, ziemlich wahllos, ohne Geschmack, unter ihnen auch Jack White. Nicht cool.
  • Tina Strauch am 21.02.2011 13:45
    Hallo Max,

    für die beiden war ja immer klar, dass es sich bei der Band um ein zeitlich begrenztes Projekt handelt. Und ich denke, dass vor allem Jack sich gänzlich anderen Projekten widmen wollte.

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