• Die Nachrichten – heute mit John Cage

    Es muss nicht immer die Tagesschau sein, die die Welt erklärt. Warum nicht mal dem Komponisten John Cage lauschen? Ungeahnte Verknüpfungen sind da vorprogrammiert.

    Vor einiger Zeit sah ich beim Fahrradfahren einen Mann auf einer Parkbank sitzen, mit einem Transistorradio als Kumpan. Osteuropäische Radiostimme. Sofort dachte ich, es sei derselbe Mann, der vor Monaten abends im Vorraum der Postfilliale stand, das Radio auf der Fensterbank, die Plastiktüte zu seinen Füßen, den Blick auf die Straße gewandt.

    Diese Situation hat sich in ein inneres Bild gewandelt, das meine Arbeit anregt. Beim Hören der Aufnahme Indeterminacy – Unbestimmtheit – denke ich daran zurück.

    John Cage berichtet in diesem Vortrag von einem Konzert, bei dem Christian Wolff seine Kompositionen bei offenem Fenster vortrug. Ein Zuhörer bat hinterher, die Kompositionen noch einmal bei geschlossenem Fenster hören zu dürfen. Wolff antwortete, das dies nicht wirklich nötig sei.

    Von draußen tönt das stinkende Geheul des Bundesbankiers, der sich um seinen materiellen Wohlstand nicht sorgen muss. Es quäkt die Aussiedlertante über „polnische Mobilmachung anno damals“. Von Ferne dröhnen Burkaverbote und Kulturkürzungen. Vom Internetz heisst es, es sei jetzt ‚erwachsen‘ geworden.

    Das Ehepaar Steinbach und Sarrazin, so möchte ich lesen, schwatzt beim Urlaub an der Küste Hollands mit seinem Hotelier auf Niederländisch über das deutsche Mörder-Gen, das Rom eroberte und zwei Weltkriege verzapfte. Sind beide auch Millionäre wie die große Mehrzahl (18 von 23!) britischer Kabinettsmitglieder, die extreme Sparmaßnahmen einführen? Ich schließe das Fenster und öffne die Balkontür. Dort ist es lauter.

    In Cages Buch Silence, sind viele Geschichten aus „Indeterminacy“ nachzulesen plus weitere wie jene über Dr. Suzuki, von dem er zitiert, er habe Erleuchtung im Zen gefunden. Er sei aber genauso unglücklich wie vorher.

    Erwachsensein ist ein merkwürdiges Attribut. Damit verbinde ich Aussagen über vermeintlich „ewige Teenager“; dass ‚man‘ irgendwann Familie gründe, Kinder habe und ja, dann wird ‚man‘ halt konservativer. Aufs Netz bezogen: Jetzt wird richtig verdient und so.

    Eigentlich erstaunlich, dass „Erwachsensein“ positiv konnotiert ist, wo wir doch alle nur Trottel sind. Nochmal John Cage: ein Komponist, von der Bösheit der Welt erzürnt, rief aus, Sie meinen es gebe nicht zuviel Übel auf der Welt? Nein, es sei genau die richtige Menge.


1 Kommentar zu Die Nachrichten – heute mit John Cage

  • Horst A. Bruno alias Brunopolik am 19.09.2010 14:57
    John Cage lauschen heißt auch, dem Schweigen und dem Nichts lauschen! So wohnte ich einst solch einem Konzert mit drei Interpreten und zwei Zuhörern (einer davon ich) bei. Es dauerte ca. 10 Minuten und war "Schweigen". Ein bleibender Eindruck, vielleicht sogar stärker als eine der Mahler-Synphonien oder Goreckis 3. Der Klagelieder. Danke für den Beitrag.

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