• Chilenisches Wasser

    Fluesse sind in den Staedten ein Leitfaden fuer die zerbrochenen Kommunikationsrouten der Stadt. Der Mapocho Fluss war der Grund, warum die Spanier das Santiago de Chile-Tal als Gruendungsort fuer die heutige Hauptstadt gewaehlt haben. Der Fluss ist heute eine braune, halb-lebendige Grenzlinie, in der sich die Geschwindigkeit des Alltags und die Anonymitaet einer unentschlossenen Geschichte konzentrieren. Wasser ist Treffpunkt, Gleis, Kanal, Spur. Santiago de Chile ist ein Ort der Konzentration von Kapital und Unterschieden zwischen dem Zugang zu solchem Kapital, im oekonomischen, kulturellen, sozialen und politischen Sinn.

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    Jedes Objekt beinhaltet sein Gegenteil, jeder Ort ist ein Widerspruch per se. Die Einwohner wissen das, und irgendwas konzentriert sich im Wasser: Wasser ist Ungleichheit und gleichzeitig Balance der gegenteiligen Kraeften einer Stadt des Wahnsinns. Der Plaza Italia ist ein Ort, an dem Autos und Wasser eine aehnliche Lautstaerke schaffen. Dieser geographische und gesellschaftliche Knotenpunkt ist die Divisionslinie zwischen Armut und Reichtum, zwischen den zwei Santiagos, wie der chilenische Schriftsteller Pedro Lemebel meinte.

    Die Aktionsgruppe CADA (Colectivo de Acciones de Arte) hat trotz Repression neue Kodifizierungsmoeglichkeiten des kuenstlerischen Diskurses gefunden: Anfang der 80er hat sie ein Transparent mit dem einfachen Text No + Icon von einer Pistole an den Rand des umbetonierten Flusses gehaengt. Die Installation des Werkes war eine kuenstlerische Aktion, die Polizei kam bereits nach einigen Minuten, um das Stueck sich bewegenden, mutigen, leisen Stoffes zu entfernen. In der Vergaenglichkeit der Aussage lag ihre Kraft.

    Ein spanischer Spruch sagt Viel Wasser ist unter die Bruecken geflossen, um auszudruecken, dass Zeit vergeht. Heutzutage sind Aktionen und Interventionen am Mapocho Fluss relativ ueblich. Die Institutionalisierung eines Kulturapparats hat dazu beigetragen, dass die Struktur von Eingriffen in den oeffentlichen Raum groesser, panoramischer und diverser wird. Aber es scheint etwas zu fehlen, und das Kollektiv >La Perrera< (Der Hundezwinger) und die Buergerbewegung ANDHA weisen darauf hin: Die Probleme der Einwohner einer Megastadt und ihr Recht auf Wohnen, welches durch eine progressive Verschuldung mit Kreditinstitutionen verhindert zu werden scheint. Die Mitglieder von ANDHA campen seit laengerem am Rande des Flusses, und La Perrera performte am 29.05.09.


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