• Am Nullpunkt des Texts: Was geht verloren, wenn nicht mehr mit der Hand geschrieben wird?

    Im folgenden Interview-Essay beschäftigt sich der Autor Hartmut Abendschein mit Fragen handschriftlichen Schreibens unter den Bedingungen des “digital shift”. Den ersten Teil des Essays können Sie hier lesen. Die Fragen stellten Stefan Ruess, Sabine Jansen und BH Franzen.

    Kannst Du den logozentrismuskritischen Ansatz noch genauer erläutern? Welche Grenzen offenbaren sich dabei bei einer rein maschinellen Schrifterzeugung und -darstellung?

    Dies lässt sich schön mit einer Passage einer Arbeit von Tim Hoinkis (Lektüre. Ironie. Erlebnis. System- und medientheoretische Analysen zur literarischen Ästhetik der Romantik.) in Beziehung setzen:

    „An der Schwelle zum 19. Jahrhundert dagegen kann ein romantischer Ästhetiker wie Friedrich Schlegel schon einen ganzen Aufsatz der Unverständlichkeit widmen und dieses Phänomen nicht nur ironisch feiern, sondern ins Zentrum der ästhetischen Theorie rücken. Und das Bemühen der Autoren, gezielt unverständliche Texte zu produzieren – d.h. daß um 1800 gerade umgekehrt das unverständliche Schreiben zur ästhetischen Norm avancieren kann -, kann nun schon zum Thema der Literatur selbst werden. In gelungener Ironie stellt uns ein aufmerksamer Beobachter der zeitgenössischen literarischen Schreibpraxis – Jean Paul – einen Autor – das vergnügte Schulmeisterlein Maria Wutz (1790) – vor, der aus der Not heraus, auf der semantischen Ebene keinen unverständlichen Text zustandezubringen, darauf zurückgreift, auf der Ebene der Materialität des Mediums – der Schrift – einfach „Unleserlichkeit“ herzustellen (dies gelingt ihm aber nur im Medium der Handschrift (Hervorhebung, H.A.), im gedruckten Text dürfte dies kaum noch eine erfolgreiche Option sein). An die Stelle der Unverständlichkeit tritt einfach die Unleserlichkeit.“

    Will man diese Praktiken also in einen anderen Jargon übersetzen, käme man vielleicht zu dem Befund, dass prä- oder frühromantisches bis hin zu romantischem Schreiben vor allem auf Operationen am Signifikat, dem aber selbst gewisse Flexibilität (Stichwort: progressive Universalpoetik) bescheinigt wird, ausgerichtet ist. Mit dem Einbezug oder der Verlegung des Augenmerks auf Schriftlichkeit, die in bewusster Unleserlichkeit zwangsläufig Bedeutungsunsicherheit in poetologische Konzepte integriert, werden Operationen am Signifikanten wieder mit in den Schreibprozess hineingenommen.

    Oder etwas drastischer formuliert: Eine so avanciertere Zeichentheorie versucht durch Wiedereinbeziehung handschriftlicher Signifikationseffekte Verantwortlichkeiten in der Beziehung Idee/Ausdruck umzuverteilen, was aber wie selbstverständlich und theoretisch auch in vorgängigen Konzepten romantischen Schreibens angelegt ist. Binnenspannung und Bedeutungsoszillation in einer so als Zeichensystem gedachten Produktionsanordnung ist also unter „romantischen“ Gesichtspunkten in gewisser Weise vollumfänglich nur unter Einbeziehung von Manuskriptur denkbar. Typographika, später, verweisen in dieser Folge – wir haben uns längst daran gewöhnt –, doppelt auf ein Präzisions- aber auch Amputationsverhältnis, das selbst im unverständlichsten Falle eine Lesbarkeit impliziert, die so vielleicht gar nicht intendiert ist. Dies zu relativieren, wäre auch eine Aufgabe einer Kritik am Typozentrismus.

    Emblematik, Allegorese

    Cy Twombly wurde bekannt dafür, dass er das Malen, Zeichnen und Schreiben als eine künstlerische Bewegung oder Geste begriffen und mit dieser experimentiert hat. Spielt so ein Verständnis von Produktion in der Ichschrift eine Rolle?

    Um es ikonographisch zu betrachten: Bevor die handschriftlichen Blätter als solche und hier mit einem Transkriptionsapparat (Bsp.: Blatt ist021 (Transkription): Über das Gemüt) versehen und versammelt wurden, wurden diese systematisch im Weblog zugänglich gemacht, mit dem Hinweis, der allenfalls „unlesbaren“ und viel zu kleinen Schrift habe man sich auch mit einem graphischen Blick zu nähern. Die Handschriftenblätter seien auch abstrakte Bildwerke, die seriell und ähnlich, aber mit signifikanten Differenzen, auch als Bildkunst rezipiert werden müssten.

    Die Anspielung wurde beim Wort genommen. So gab es also eine geduldige Kommentatorin, die immer wieder die „Textgraphik“ als „Gemälde“ gedeutet hat und damit dem Gesamttext eine erweiterte oder ganz andere Möglichkeit von Rezeptionsrichtung gab. Ohne nun aber Qualität und Richtung dieser Betrachtungen selbst zu beurteilen, denn mir geht es hier eher um Mechanismen und Strukturen, muss diese Form als eine Lektüremöglichkeit (oder: Betrachtungsweise) mit in den Kanon von Näherungsoptionen für solcherlei Experimente aufgenommen werden, die ja in ihrer rückwärtsgewandten Experimentalität eigentlich auf einen künftigen sinnlichen Verlust hinweisen.

    Die Struktur einer Ichschrift-Seite, wie hier in den Bildbeispielen und im Weblog gezeigt, entspricht also annähernd den Kompositionsprinzipien emblematischen Kunstschaffens, bestehend aus a) knapper Überschrift (inscriptio, Motto, hier: Titel) und b) dem Bild (pictura, hier: der Text als graphisch verstandene, mehr oder minder abstrakte, zu interpretierende Einheit) und c) der Unterschrift (subscriptio, hier: der OCR-Text).

    Die Ichschrift, so begriffen als „skripturale Emblematik“, die sich damit wieder einer charakteristischen Vorstellung einer „Einheit von Kunst und Wissenschaft“ nähert, die sich – auch als Zeicheneinheit verstanden – im Binnenverhältnis in wechselseitiger Weise verbindet und interpretiert, wird so den Bedeutungsvorrat – durchaus auch kontrastiv – ergänzen und macht explizit das Spannungsverhältnis einer „Bildhaftigkeit von Zeichen“ und seine Umkehrung bewusst.

    Au / tog / ra / phie

    Im Moment und Akt des Schreibens entstehen, diesem Verfahren nach, gleichzeitig zwei unterschiedliche Urschriften bzw. Exemplare eines Textes – dasjenige auf Papier und ein rein Digitales. Welches wäre das “ursprüngliche” oder “Original”?

    Wie in keinem anderen vergleichbaren Kunstwort ist die Aura der Autographie eingeschrieben. Im Falle der Ichschrift ist eine aus jener Perspektive zu betrachtende, wortwörtliche wie übertragene Bedeutung für das Verstehen dieses Verfahrens notwendig. Die Schrift verzweigt und überträgt sich im Moment des Schreibaktes in zwei mediale Typen. Sie wird einerseits ein „Handfestes“, Materielles (die Schrift des Kugelschreibers auf dem Papier, die Gravur ins Papierfleisch) und gleichzeitig wird die Bewegung in Farbe, Gravur bzw. der Code in ein (Ur-)Digitalisat verwandelt. Zudem ist ein spezieller Effekt zu beobachten: Bei der Übertragung der Datei in eine entsprechende Software ist gut zu beobachten, wie sich die Schrift-Bewegung noch einmal vor dem Betrachter aufbaut, diese also – als diachrones Zeichenbild – nachgebildet wird.

    Es wäre also buchstäblich zu unterscheiden bzw. zu fragen, welcher der beiden Originaltypen der ursprünglichere, in diesem Falle potentiell auratischere ist. Eine „Reproduzierbarkeit“ im Benjaminschen Sinne wäre im Falle manifester Schrift, die zwar einmalig ist, doch beliebig vervielfältigt (entauratisiert) werden kann, gegeben. Das Digitalisat aber, das ebenso reproduzierbar und in sich schon Kopie im Moment der Versendung (z.B. qua Weblog und im Moment des Auftauchens in diversen Readern und Archiven) ist, schliesst eben eine andere, weitere Qualität (die der Bewegung) mit ein.

    Eine textkritische Befragung von Urschrift (Autograph) sollte künftig also theoretisch und technisch das Vorhandensein einer doppelten Schrift mit einschliessen. Was den Benjaminschen Aura- und Werkbegriff angeht, sehe ich die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer De- bzw. annähernden Rekonstruktion des Aurabegriffes im Zeitalter der Abbildungsoptionalität originärer Schreibbewegungen. Eine Reproduktion eines Ensembles aus originärer (manifester) Handschrift und Urdigitalisat (mit weiteren Originalitätseinschreibungsparametern wie Time-Stamps, DRM-Wasserzeichen) mag zwar unter erschwerten Bedingungen möglich sein, durch den sinnlichen Doppelcharakter eines so verfassten autographischen Dokumentes gerät dennoch zumindest die Idee oder der Begriff der (einen) „Spur“ ins Wanken bzw. in Bewegung und verändert möglicherweise die Distanz zu einer als idealauratisch gedachten Werkrezeption, wie man sie von Projekten beispielsweise einer Kafka-Faksimileeditionen (www.textkritik.de) kennt.

    Und ICH?

    Du sprichst von gleichzeitig existierenden, gleichberechtigten, unterschiedlich ausgeprägten Formen von Textoriginalität bzw. -authentizität. Liesse sich so ein Konzept auf einen weiteren Subjektbegriff übertragen?

    Verfolgt man nun so ein Aufschreibeprojekt und akzeptiert man, dass sich eine Aufspaltung in zwei Originalskripturen, die manifeste Schrift und jene digitale Urschrift, die eine Bewegung gespeichert hat, ereignet, kann man vielleicht behaupten, dass eine Faksimilierung solch eines Ich-Dokuments durch die blosse Existenz jenes zweiten Originals noch weniger realisierbar scheint.

    Damit hat solch eine Einsicht in eine erweiterte Nichtfaksimilierbarkeit des Selbsts auch rückwirkend Einfluss auf einen wie auch immer modellierten Subjektbegriff. Ein Schreibprozess oder eine Textproduktion dieser Art könnte also als eine bedingt subjektrekonstruierende Massnahme verstanden werden.

    Das Thema dieser Arbeit umkreist die These, dass durch eine Medienüberspringung oder „Auslassung“ eines handschriftlichen Schreibprozesses (z.B. durch eine direkte Textprozessierung am Computer) Bedeutungsverlust am Text anfällt, was natürlich augenfällig und banal klingen mag. Zudem, so vielleicht die unmittelbar anschliessende These, kann festgestellt werden, dass durch solch eine Überspringung eine Einbusse an gespeicherter Subjektivität im Text zu verzeichnen ist. Einerseits kann also dieses Verfahren bewusst machen, dass Bedeutungsverlust durch (nichthandschriftliche) Textproduktion schon vor der Niederschrift eines Textes, stattfindet, andererseits wird damit eine theoretische Erhärtung jenes Selbstbegriffs, gleichgültig wie unscharf dieser zunächst sein mag, eingeleitet, der sowohl konstituierend für Textsubjektivität ist, als auch – im Moment des Schreibens, in dem Ich nur Textich ist – „reine Subjektivität“ als Bestandteil dessen formuliert.

    Noch nicht angesprochen wäre damit allerdings das Binnenverhältnis der Doppelschrift, bezogen auf die obige Differenz: Die Frage also, ob nun manifeste Schrift auch Zeichen jenes „Ichs“ ist und das Urdigitalisat die Anteile eines Rests von „Selbst“ verkörpert, oder ob eine umgekehrte Speicherung oder gar wechselseitige Verkörperung stattfindet.

    Die Zuneigung der Texte

    Die jeweils erste Passage eines Ichschriftelements ist also immer ein fremder Text, der von Dir verhandschriftlicht wurde? Nach all den Hegemann-Debatten: Ist so eine Form der Aneignung nicht etwas problematisch?

    Mittelbar mit der Konstruktion von Identität hat dieses textgenerische Verfahren einen Effekt auf die Beziehung von Fremdtext in homogenisierter Schriftästhetik, der in einen Korpus integriert wird, und eigenem Text. Die Homogenisierung des ursprünglich Heterogenen, wie in einem solchen Schreib- bzw. Schriftakt stattfindend, also des Abschriebs von Fremdtext und dessen Hinzugliederung zu eigenem Text, kann auch eine punktuelle Umcodierung von autorschaftlichen Textverhältnissen bedeuten. Vielleicht muss also auch eine Frage lauten: Schreibe ich einen Autoren (einen Text) um? Eigne ich ihn mir an? Werde ich Teil von ihm? Oder: Werde ich selbst Teilurheber dieses vormals fremden Textes (mehr noch als bei einfacher und üblicher Zitation), wenn dies über handschriftliche Aneignung geschieht?

    Wenn auch diese Frage grundsätzlich schwer zu beantworten ist, kann zumindest relativierend behauptet werden, dass durch eine handschriftliche Aneignung durch Abschrieb und damit Homogenisierung in / mit eigener Schrift eine – auch ästhetische – Werkvariante entsteht, die diese Gesamteinheit tendenziell in die Sphäre eigener Autorschaft von Fremdtext überführt.

    Man muss diesen Punkt vielleicht nur als Nuancierung von Zuneigung im Bewegungssystem von Textadressierungsverhältnissen gewichten, aber diese Nuance kann von Bedeutung sein, wenn es um Verlustbilanzierung geht. Auf inhaltlich-sprachlicher Ebene: Ein Amalgam von Metatext-Text-Elementen hat auch Auswirkungen auf den Gesamttext oder jenen, wie eben diesen. Ganz gegen mein ursprüngliches Vorhaben haben sich hier eine Sprache und ein Schreibverfahren etabliert, die manchem vielleicht als abgehobene, überflüssige, unverständliche oder spekulative Terminologisierung des Sprechens über die Verfahren vorkommt. Die Lektüre und Verarbeitung solcher Sekundärtexte, also auch: die inhaltliche und sprachliche Aneignung dieser Texte, nahmen und nehmen ihrerseits Einfluss auf mich. Ich befinde mich inmitten eines Ermächtigungsprozesses jener Sprachen über mein Schreiben über das Schreiben. Theoreme, wie dort aufgegriffen, schieben sich in meinen Blick auf das und beim Sprechen über das Verfahren und die Auswirkung solcher Textproduktion bzw. ihrer Unterlassung. Schlussendlich steht also auch diese Anfertigung unter einem Fremdautorschaftsverhältnis, nicht im Verhältnis 1:1, nicht in Form rigider Materialität, aber auf anderer Ebene ordnet sich mein Schreiben über mein Schreiben Diskursen zu, die ihrerseits wieder urheberschaftliches Land an meinem Text zurückgewinnen. So entsteht also etwas wie eine Tausch- oder Handelssituation von Adressierungen, die die “Besitzverhältnisse” von Text fluktuieren lässt. Und das kann weiter bedeuten, dass gerade diese Texteigenschaften damit auch ausgestellt werden.

    Die andere Wahrheit des Texts

    Und der OCR-Anteil im Gesamt? Das ist doch auch „Fremdtext“ oder autorschaftlich fraglicher Text. Wie wäre etwa dessen Qualität zu beschreiben?

    Analog zum Verhältnis des fremdautorschaftlichen Texts zum Textrest und deren wechselseitigen Bedeutungsspiels muss noch einmal auf das der Fremdleserschaft hingewiesen werden. Jenen Textanteil also, der in der Form einer Optical Character Recognition wieder im Ichschriftelement auftaucht. Das Verstehen, d.h. das Nicht- oder Missverstehen, ist also, je nach Tagesform der Handschrift, grösser oder kleiner, aber immer gegeben, da der Zustand wie diese beim „Training“ eingefroren wurde (auch: ein gewisser Nullzustand des potentiellen Texts), wohl kaum mehr erreicht werden kann. Typischerweise entstehen also Abweichungen, die aber wie selbstverständlich zum möglichen Apparat von Lektüre hinzugerechnet werden müssen. Diese „misreadings“ können und sollen auch unter dem Aspekt poetischer Produktivität gesehen werden, einerseits, weil diese Textabweichungen durch ihren spezifischen Rekurs (das Trainingsprogramm, die Aneignung meiner (Ur-)Schrift durch die Software) eine andere Wahrheit des Texts bedeuten, und andererseits diese Wahrheit der Misslektüre selbst wieder, nun auch als maschinelles Phänomen, das poetische Prinzip a) dieses Textes und b) dieser Anordnung bzw. c) des Schreibens insgesamt präsentieren.

    Die Abweichung als ästhetisches Surplus und – innerhalb eines Ichschriftelements – die Konfrontation zweier Textqualitäten, dieser Dualismus erinnert mich auch sehr an einen Chiasmus der Art: Das unlesbare Lesbare verschränkt sich mit dem lesbaren Unlesbaren. Diese Bereiche stellen also einen Dialog dar, der an populärpsychoanalytische Vorstellungen von Befragungs- und Wechselspielszenarien erinnert, deren Erkenntniswert allerdings jeder für sich selbst ausmachen muss.

    Zusammenfassend

    Mit dieser Schrift und ihren Teilen sollte weniger etwas bewiesen, als gezeigt werden. Die Handschrift als (auch persönliches) Thema, das aber in teilweise sehr unpersönlicher Art und Sprache bearbeitet wurde, führte zu einem heterogenen und gleichzeitig homogenen Anschwellen von Text.
    Ich versuchte, Fragen nachzugehen, die man vielleicht so (re)formulieren könnte: Geht etwas verloren, wenn nicht mehr – oder tendenziell: viel weniger – mit der Hand geschrieben wird? Was kann und wird sich verändern unter solchen Voraussetzungen?

    Die Antwort zur ersten Frage würde sicher lauten: Ja. Auch wenn der Verlust nur schwer zu objektivieren ist. Weiter interessiert haben mich allerdings Überlegungen zu diesem etwas, dessen Beschreibung, wie ich feststelle, sich sehr im Abstrakten und Nuancenhaften bewegt.

    Neue, andere Aufschreibesysteme schaffen Prädispositionen von Textualität. Man denke hier vielleicht an unterschiedliche Tastensysteme, Apparate oder auch schnell emergierende, massenmediale Kommunikationstechniken und -kanäle, die das Schreiben (und Lesen) generell verändern, die quantitative und qualitative Auswirkungen auf die Texterstellung zeitigen und die schon jetzt omnipräsent in den verschiedenen Arbeitswelten anzutreffen sind.

    Solche technischen Dispositive verdrängen also unsere Wahrnehmungsweise, auch die der Skulpturalität und spezifischen Bildlichkeit von Handschriftentext, und die Möglichkeiten von deren Verflechtung. Andere, multimediale Formen dagegen entstehen und werden weiterentwickelt werden.

    Und was das Lesen, Interpretieren und dessen (auch produktives) Scheitern angeht: Die (Miss)Lektüre von Handschrift, auch als récriture unter speziellen Bedingungen ästhetischer Differenz zu verstehen, wird allmählich und in dieser Form aus dem Denkkatalog hermeneutischer Textbegegnung fallen. Ein Spiel von und mit Text, nämlich mit den Möglichkeiten von Nichtlesbarkeit, die anderes, alternatives Lesen induziert, könnte bzw. wird verkümmern.

    Oder, im Falle beabsichtigter Unlesbarkeit, auch das kann ein Begehren (oder: eine Strategie) von Text und Autorschaft sein: Es können solche Effekte nur noch auf der Ebene normierter Signifikation gedeihen.

    Auch wenn Walter Benjamin den Begriff der Aura auf das Kunstsystem abgestellt hatte: Diesen hier wieder einzuführen und ihn auf veränderte, technische Rahmenbedingungen anzuwenden, kann die Bedeutung von Handschriftlichkeit aufwerten. Doch selbst diese Möglichkeit kann derzeit nur eine theoretische Möglichkeit sein und wird von anderen Entwicklungen in den Schatten gestellt.

    Schliesslich wollte ich im Anschluss an diese Überlegung zeigen, dass solch ein Ansatz auch unweigerlich Konsequenzen für einen (dahingestellt sei, ob nun idealistisch oder strukturalistisch formulierten) Subjektbegriff haben kann.

    Ganz generell müsste man sich darüber Gedanken machen, was es für den theoretischen und also abstrakten Begriff von Autorschaft und das breite Spektrum seiner Semantik bedeutete, wenn immer mehr Text nicht mehr „abgeschrieben“, sondern vor allem und z.B. durch Copy-Paste-Verfahren bewegt und verbreitet wird. Man müsste sich also auch unweigerlich mit Art und Menge von Adressierungsmöglichkeiten bzw. -funktionen von Text unter expliziter Nichtberücksichtigung von Handschriftlichkeit beschäftigen. Ein kleiner Impuls hierzu soll von diesem Ansatz ausgehen.


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