• Ziviler Ungehorsam und Commons: Darf das Teilen von Wissen als Verbrechen angesehen werden?

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    Kürzlich gewann der Verlagsgigant Elsevier vor Gericht gegen Library Genesis und Sci-hub, woraufhin unter anderem das Holländische Bildungsministerium zum Boykott von Elsevier aufrief und zahlreiche weitere Initiativen gegen diesen dramatischen Fall der Kriminalisierung des Teilens von Wissen aufkamen. Nun ruft eine Gruppe von Intellektuellen und Aktivisten rund um den Berliner Gazette-Autor Tomislav Medak zur Solidarität mit Library Genesis und Sci-hub auf. Und zur Verteidigung der Wissensallmende im Allgemeinen. Ein offener Brief.

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    In Antoine de Saint Exupérys Erzählung „Der Kleine Prinz“ trifft derselbe auf einen Geschäftsmann, der Sterne sammelt, mit dem einzigen Ziel, noch mehr Sterne kaufen zu können. Der kleine Prinz ist verstört. Er besitzt nichts außer einer Blume, die er jeden Tag begießt. Drei Vulkane, die er jede Woche kehrt. „Es ist gut für meine Vulkane und gut für meine Blume, dass ich sie besitze,“ sagt er, „aber du bist für die Sterne zu nichts nütze…“.

    Es gibt heute viele Geschäftsleute, die Wissen besitzen. Denken wir beispielsweise an Elsevier, den größten akademischen Verleger, dessen Gewinnspanne von 37% in einem deutlichen Kontrast steht zu steigenden Gebühren, immer mehr Verschuldung durch Studienkredite und Einkommen an der Armutsgrenze für Fakultätsangestellte.

    Das Geschäftsmodell der Urheberrechtsindustrie

    Elsevier besitzt eine der größten Datenbanken für akademisches Material, das mit derartig skandalös hohen Preisen lizensiert ist, dass sogar Harvard, die reichste Universität im globalen Norden, sich beschwert, sich das nicht länger leisten zu können.

    Robert Darnton, der frühere Direktor der Harvard Library: „Wir Fakultätsmitarbeiter machen die Forschung, schreiben die Artikel, begutachten die Artikel anderer Forscher, arbeiten als Redakteure, alles unentgeltlich… und dann kaufen wir die Resultate unserer Arbeit für ungeheure Preise zurück.“

    Trotz all der durch öffentliche Gelder geförderten Arbeit, von der wissenschaftliche Verlage profitieren – insbesondere Peer Review Verfahren, die ihre Legitimität produziert – sind Artikel in wissenschaftlichen Journalen so teuer, dass vielen Akademikern – und allen Nichtakademikern – weltweit der Zugang dazu verwehrt bleibt und sie zu nichts mehr als Merkmalen von Privileg verkommen.

    Die Klage wegen Urheberrechtsverletzung

    Elsevier hat vor kurzem in New York eine Klage wegen Urheberrechtsverletzung in Millionenhöhe gegen Science Hub und Library Genesis eingereicht. Das ist ein schwerer Schlag, nicht nur für die Administratoren der Websites, sondern auch vor tausende Forscher auf der ganzen Welt, für die diese Websites die einzigen brauchbaren Quellen für akademische Materialien sind. Soziale Medien, Mailinglisten und IRC Channels quollen vor Hilferufen auf der Suche nach Artikeln und Publikationen über.

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    Als der New York District Court die einstweilige Verfügung überbrachte, trat das gesamte Editorial Board des hoch angesehenen Journals „Lingua“ kollektiv zurück und gab als Grund Elseviers Weigerung an, eine Open Access Politik zu etablieren und die hohen Gebühren abzuschaffen, die von Autoren und akademischen Institutionen verlangt werden.

    Bürger reagieren auf das historische Gerichtsurteil

    Während ich diese Zeilen schreibe, ist eine Petition in Umlauf, die verlangt, dass Taylor & Francis den vormals unabhängigen geisteswissenschaftlichen Verlag Ashgate, den sie 2015 aufgekauft hatten, nicht schließt. Ihm droht ein Schicksal wie vielen anderen Kleinverlagen, die von der wachsenden Monopolisierung und Konzentration auf dem Verlagsmarkt überrollt werden.

    Das sind nur einige der Anzeichen dafür, dass das System kaputt ist. Es entwertet uns, Autoren, Redakteure und Leser gleichermaßen. Es parasitiert unsere Arbeit, es vereitelt unseren Dienst für die Öffentlichkeit, es verweigert uns Zugang.

    Wir sind in Besitz der Mittel und und Methoden, Wissen für alle und jeden zugänglich zu machen, ohne ökonomische Barriere und zu weit geringeren Kosten für unsere Gesellschaft. Aber das Closed Access Monopol in der akademischen Verlagswelt, ihre spektakulären Profite und zentrale Rolle in der Einteilung akademischen Prestiges triumphieren über das öffentliche Interesse.

    Was auf dem Spiel steht

    Kommerzielle Verlage verhindern effektiv einen offenen Zugang, kriminalisieren uns, verfolgen unsere Heldinnen und Helden, zerstören unsere Bibliotheken, wieder und wieder. Vor Science Hub oder Library Genesis gab es Library.nu oder Gigapedia; vor Gigapedia gab es textz.org; vor textz.org gab es wenig; und vor wenig gab es nichts. Das ist, was sie wollen: Die meisten von uns auf nichts zu reduzieren. Und dabei genießen sie die volle Unterstützung der Gerichte und Gesetze.

    (Mit TPP und TTIP auf dem Vormasch, werden künftig kein Domainregistar, kein ISP Provider, kein Host oder auch keine Menschenrechtsorganisation in der Lage sein, sich vor der Kriminalisierung durch die Urheberrechtsindustrien und Gerichten zu schützen – promptes Schließen von Webseiten wird zum Alltag.)

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    Im Fall Elsevier gegen Science Hub und Library Genesis sagte der Richter: „Einfach urheberrechtlich geschützte Inhalte auf einer Website im Ausland frei zugänglich zu machen, dient nicht den Interessen der Öffentlichkeit“. Alexandra Elbakyans ursprünglicher Claim setzt weit höher an: „Falls es Elsevier gelingt, unsere Projekte zu stoppen oder ins Darknet zu zwingen, demonstriert das eine wichtige Idee: dass die Öffentlichkeit kein Recht auf Wissen hat.“

    Wissensallmende und Digitalsierung

    Wir zeigen täglich und auf einer großen Skala, dass das System kaputt ist. Wir teilen unsere Schriften heimlich hinter den Rücken unserer Verleger, umgehen Paywalls zu Artikeln und Publikationen, digitalisieren Bücher und laden sie auf Bibliotheken hoch.

    Das ist die andere Seite der 37% Gewinnspanne: Unser Commons (Gemeingut) Wissen wächst in den Störungszonen eines kaputten Systems. Wir alle sind Hüter des Wissens, Hüter derselben Infrastrukturen, auf die wir angewiesen sind, um Wissen zu produzieren, Hüter unserer fruchtbaren aber zerbrechlichen Commons.

    Hüter zu sein heißt, de facto, herunterzuladen, zu teilen, zu lesen, zu schreiben, zu rezensieren, zu redigieren, zu digitalisieren, zu archivieren, Bibliotheken zu erhalten und zugänglich zu machen. Es geht darum, unser Commons Wissen zu nutzen – nicht zu besitzen.

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    Vor mehr als sieben Jahren schrieb Aaron Swartz, der kein Risiko scheute, dafür einzustehen, wofür wir Euch hier bitten, einzustehen: „Wir müssen Information, wo immer sie gespeichert ist, nehmen, Kopien machen und mit der Welt teilen. Wir müssen alles das, dessen Urheberrecht verfallen ist, ins Archiv übertragen.

    Gegen die Privatisierung von Wissen

    Wir müssen geheime Datenbanken kaufen und online stellen. Wir müssen wissenschaftliche Zeitschriften downloaden und sie in File Sharing Netzwerke hochladen. Wir müssen für Guerilla Open Access kämpfen. Wenn wir genug sind und auf der ganzen Welt verteilt, setzen wir nicht nur ein starkes Zeichen gegen die Privatisierung von Wissen – wir sorgen dafür, dass sie eine Sache der Vergangenheit ist. Seid Ihr dabei?“

    Wir befinden uns in einem entscheidenden Moment. Jetzt ist es Zeit anzuerkennen, dass allein die Existenz eines solch massiven Commons an Wissen ein Akt zivilen Ungehorsams ist. Es ist Zeit, aus den Verstecken zu kommen und diesem Widerstand unsere Namen zu geben. Ihr mögt Euch allein fühlen, aber wir sind viele.

    Die Wut, die Verzweiflung und die Angst, unsere Bibliotheken und Infrastrukturen zu verlieren, wie sie sich im Internet artikulieren, zeugt davon. Dies ist die Zeit für uns Hüter, Hunde, Menschen, Cyborgs, mit unseren Namen, Nicknames und Pseudonymen, unsere Stimmen zu erheben.

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    Teile diesen Brief – lies in öffentlich vor – lass ihn im Drucker liegen. Teile Deine Schriften – digitalisiere ein Buch – lade Deine Files hoch. Lass Dein Wissen nicht zerstört werden. Kümmere Dich um die Bilbiotheken – kümmere Dich um die Metadaten – kümmere Dich um das Backup. Begieße die Blumen – kehr die Vulkane.

    Anm.d.Red.: Dieser Beitrag ist kollektiv entstanden. Ko-Autoren sind Dušan Barok, Josephine Berry, Bodó Balázs, Sean Dockray, Paul Feigelfeld, Kenneth Goldsmith, Anthony Iles, Lawrence Liang, Sebastian Lütgert, Pauline van Mourik Broekman, Marcell Mars, spideralex, Tomislav Medak, Dubravka Sekulić, Femke Snelting. Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Paul Feigenfeld. Das englischsprachige Original dieses Briefs ist hier verfügbar. Die Fotos stammen von Mario Sixtus (cc by 2.0).


1 Kommentar zu Ziviler Ungehorsam und Commons: Darf das Teilen von Wissen als Verbrechen angesehen werden?

  • Ralf Hilgenstock am 27.12.2015 12:47
    Who feeds the science publishing companies?

    Das System Wissenschaftsverlag funktioniert nur deshalb, weil sie mit Material gefüttert werden und weil sie Abnehmer finden. Es gibt heute wenig gute Gründe aus technischer Sicht noch einen Verlag mit Fachbeiträgen zu füttern. Es stellt kein Problem dar, Fachwissen öffentlich zugänglich auf einer Webseite in einem Blog zu veröffentlichen.

    Warum veröffentlicht ein Wissenschaftler dann noch in einer renommierten Fachzeitschrift?
    Renommee, fachwissenschaftliche Anerkennung, ist gekoppelt mit der Veröffentlichungsrate in den renommierten Fachverlagen.
    Dies dürfte der Mechanismus sein, der den Verlagen die Grundlage für ihre Preispolitik erst schafft.
    Die Forderung sollte daher sein: entzieht den Verlagen das Renommee, füttert die Wissenschaftsverlage nicht mehr bis sie real begründete Leistungen und Preise aufrufen.
    Vielleicht ist das System der wissenschaftliche Reputation nicht nur Opfer sndern auch Täter.

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