• Weltbuergerlichkeit

    Nach 100 Seiten: Ryszard Kapuscinskis Buch „Notizen eines Weltbuergers“ machen mich zunehmend zwiespaeltiger. War ich anfangs noch angeregt und erfreut ueber die an erlebten Einzelheiten reichen Kleinerzaehlungen aus Weltteilen hinter dem US/EU-Limes; so wird dieser Genuss zunehmend ueberlagert von ueberraschend einfaeltigen und unhintergruendigen Denkfiguren, mit denen er diese vielen Erfahrungen in – oft dichotom, linear-progressiv oder linear-dissiminativ gedachte – Theorieansaetze ueberfuehrt.

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    Kann seine Umgebung derart von seiner Autoritaet eingeschuechtert gewesen sein, kann er selbst gegen Ende seines Lebens so voreingenommen von seiner eigenen Konzeptualisierungsfaehigkeit gewesen sein, dass er kaum faehig war, widerspruechlicher, eingefalteter und verwirbelt-ueberraschender zu denken? Oder mangelte ihm schlicht der Austausch mit derart verwirbelter und vielfaeltliger denkenden MenschInnen? (Memo an mich selbst: Wie schreibe ich in dreissig Jahren? Wie schreibe ich jetzt im Vergleich zu 2002?)

    Nach rund 300 Seiten und etwa 600 Eintraegen: Er hat es am Ende dann doch nochmal gerissen. Nach zwei Wochen fast schon rasender Lektuere (fuer meine Verhaeltnisse) verblasst der Eindruck einzelner, ressentimentgeladener, auch bornierter Halbsaetze und Denkfiguren (>Je mehr Elektronik, desto weniger menschliche Kontakte gibt es.<; einem aelteren, ein gutes halbes Jahrhundert durch die Welt gereisten Menschen ist dies leicht zuzugestehen.

    Es bleibt vor allem die wunderbar reiche und durchaus bewusst widerspruechliche Sicht auf die maehliche Aenderung einer westeuropaeischen Vorherrschaft auf diesem Planeten hin zu einem vielstimmigen, auch west-feindlichen Gespraech- und Handlungs-Madrigal. Das – folgt man dem Ende seiner Notizen – kuenftig nur noch vielfaeltiger und wiederspruechlicher und ueberraschender aus allen nicht-westeuropischen Kulturen her gepraegt werden wird.

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    Ich war immer noch ein Europaeer, aber ein entthronter Europaeer. […) Der Westen (…) moechte sich mit einem Limes, wie einst Rom, oder mit einer unueberwindlichen Grenze der Apartheid abschotten, wobei er allerdings vergisst, dass die >Barbaren heute mehr als 80 Prozent der Menschheit ausmachen!<


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