• Welcome to Neukölln

    Eine kleine Straße mit Kopfsteinpflaster, alte Kastanien, deren Wurzeln den Bürgersteig ungerade machen, ein altes Haus mit gelber Fassade, eine große Wohnung mit einem sehr langen Flur, und meine Sachen, die seit kurzem hier herumstehen. Wir streichen die Wände, wischen den Fußboden, entfernen viele Spuren anderer Menschen, die hier mal gewohnt haben.

    Unter dem Heizungskörper finde ich eine alte D-Mark-Münze, auf dem hölzernen Hängeboden einen sehr kleinen silbernen Ring. Ich packe meine Teller und Weingläser aus, ich stapele meine Klamotten auf dem Boden, ich stelle meine Wörterbücher in das Bücherregal.

    Aus einer Kiste, auf der „Schlafzimmer“ steht, packe ich meine Träume aus und sortiere sie alphabetisch. Ich schlafe ein, wache erschrocken auf und weiß nicht, wo ich bin. Die leeren Kisten trage ich in den Keller. Auf dem Weg dahin treffe ich drei Jungs mit Gitarren und Schlagzeugelementen: eine amerikanische Band, wie sich herausstellt, Nachbarn vom 4. OG, „Welcome to Neukölln – come to our gig tonight!“

    Neukölln also

    Neukölln ist es also geworden, ein Bezirk, der „schon immer nach außen offen war und dessen Einwohner aus mehr als 160 Nationen kommen“, wie der Bürgermeister versichert.

    In den nächsten zwei Tagen treffe ich im Hausflur noch eine ältere polnische Frau, die seit 13 Jahren hier wohnt und deren Beine weh tun; ein kleines türkisches Mädchen, das mich fragt, ob ich ihre beste Freundin sein möchte, und ein junges englisches Pärchen aus East London.

    Eine interessante Mischung, noch nicht ganz gentrifiziert, sozial und ethnisch heterogen, ein bisschen wie die raue Gegend um den Londoner Stadtteil Bow/Mile End oder auch, wie Jacek Slaski neulich im „Tip“ schrieb, wie die Lower East Side vor 30 Jahren.

    „Viel besser als Prenzlberg“

    Es öffnen immer mehr neue Kneipen, Bars und Klubs. Ein türkischer Besitzer eines Spätkaufs erzählt, dass er eigentlich aus Prenzlauer Berg käme, hier liefe das Geschäft aber viel besser, da es im Norden fast nur noch Bioläden gäbe.

    Ich entdecke immer mehr in Neukölln und weiß inzwischen ganz genau, wo ich bin, auch wenn ich Mitten in der Nacht aufwache, in der nicht mehr ganz so fremden Wohnung mit einem langen Flur in einem alten Haus mit gelber Fassade.


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