Wenn es an der Haustür klingelt, ist es entweder der Postbote, der unsere Unterschrift will, der Vertreter eines namhaften Staubsaugerherstellers, der an unser Geld will oder die Zeugen Jehovas, die unseren Glauben wollen. Auf letztere hat der studierte Indologe und Freizeit-Hinduist Mario Laatsch lange gewartet. Jetzt endlich kam der Tag, an dem er ihnen, mit Räucherstäbchen und Mantras bewaffnet, entgegen treten konnte.
Es klingelte an meiner Tür. Durch den Spion sah ich zwei ältere Leute, einen Mann und eine Frau, die in altmodische Mäntel gewandet waren und ebenso altbackene Brillengestelle trugen. Die Frau hielt mit beiden Händen eine Zeitschrift in Brusthöhe. Die Herrschaften standen still und warteten schweigend. Ich wusste Bescheid. Endlich hatten sie mich gefunden, endlich könnte ich sie gebührend empfangen! In Gedanken hatte ich schon alles durchgeplant.
Auf Zehenspitzen eilte ich neckisch in mein Wohnzimmer, entzündete ein beißend riechendes Himalaya-Räucherstäbchen, nahm es mit zur Wohnungstür und schnappte auf dem Weg dahin noch die kleine indische Handglocke aus Messing. “Einen Moment, bitte!“, rief ich nach draußen.
Das Räucherstäbchen in meiner rechten Hand qualmte und stank. Ich öffnete und grüßte betont freundlich mit meditativ entrücktem Augenaufschlag: “Hari Om!“ – Kalt antworteten sie: “Guten Tag, wir wollen mit Ihnen über Gott sprechen.“ – “Gern. Über welchen zuerst?“ gab ich hinduistisch begeistert zurück.
Puja mit Glöckchen und auf Sanskrit
“Über unseren einen Gott, den christlichen.“, sagte mir der Mann mit fester Stimme. Anstatt nun in aussichtsloses Argumentieren zu verfallen (“Gott ist relativ.“ usw.), zückte ich sofort Stäbchen und Bimmel, und begann, auf der Schwelle zum Treppenhaus stehend, eine kleine Puja auszurichten, ein uraltes indisches Reinigungsritual. Zumindest tat ich so.
Hell und monoton bimmelte die Glocke, auf dass die Götter ihre Aufmerksamkeit auf diese unsere Zusammenkunft richteten. Gleichzeitig ließ ich das Rauchwerk im Uhrzeigersinn immer vor den Gesichtern der Herrschaften kreisen, nebelte die beiden richtiggehend ein, Runde für Runde.
Die Schwaden lullten die Hutkrempe des Mannes ein. Die Frau blickte kommentarlos und pikiert zu Boden. Durfte sie nichts sagen? Egal, da ich früher als Indologie-Student immer meine Hausaufgaben gemacht hatte, zitierte ich sechs, sieben Mal das längste Sanskrit-Mantra, das mir einfiel. In fehlerfreier Aussprache, bitteschön – meine beiden Gäste waren Zeugen!
Räuchergestank für das Seelenheil
Die Glocke läutete, das Stäbchen räucherte, ich betete in feierlichem Ton bei Vishnu und Shiva und Brahma für beider Seelenheil im nächsten Leben. Jedes Mal, wenn sich der Herr zu Wort melden wollte, bimmelte ich extra laut und hob die Stimme an – “Wenn ich mal…!“ … “Haben Sie – !“ … “Was soll denn…!“ … “Wollen Sie denn gar nicht…?“. Moment noch!
Ich war noch lange nicht am Ende der Show angelangt, doch schon nach knapp einer Minute des Bimmelns und Passivrauchens war es den beiden wohl zu götzendienerisch, sie wandten sich ab und gingen wortlos. Allein ließen sie mich auf meiner Schwelle zurück. Ich hörte auf zu bimmeln und schloss meine Wohnungstür. Es dauerte drei verdammte Stunden, bis sich der Räuchergestank verzogen hatte.
13 Kommentare zu
der autor sollte regisseur werden..
das obige ist natürlich nicht ernst gemeint ... denn lachen ist Religion.
Mich hat interessiert, ob und wie sie auf "fremdländische Götzenrituale" reagieren.
@Leander: Richtig kommuniziert habe ich ja nicht mit ihnen. Sie bekamen eine kleine Show, fanden die nicht besonders gut und gingen dann aus freien Stücken.