• Virtuelles Schattenboxen

    Man hoert viel vom Informationskrieg im Internet. Manipulierte Propaganda allenthalben, Blogger in Lebensgefahr, Regierungen die Demokratien durch Beschraenkungen des Internets verhindern wollen. Das alles waehnt man weit weg.

    Vielleicht interessant, aber letztlich hier in Deutschland nicht von Belang. Weit gefehlt! Auf Einladung eines atheistischen Freundes sah ich mich auf seinem Youtube Channel um. Er ist einer jener Juenger Richard Dawkins, die zu grossem Eifer neigen und mit kraftvoller Aggression die Fackel der Religionsfeindlichkeit in vermeintlich finstere Gedankengewoelbe glaeubiger Menschen werfen.

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    Nennen wir ihn einmal Auseinandersetzungsfreundlich. Egal ob in der U-Bahn oder im Netz. Zu meinem Erstaunen fand ich nicht nur ein Gespinst wahnsinnigster Videos vor, nein auch ein nicht fuer moeglich gehaltenes Universum politisch-weltanschaulich-religioeser Wirrheiten. Fast eine virtuelle Geisterbahn menschlich-psychologischer Untiefen, die jeden einigermassen gesund temperierten Menschen erschaudern lassen muss. Mein Einstieg in diesen bunten Jahrmarkt der Desinformation, war mit Beginn der israelischen Angriffe auf Gaza gut gewaehlt. Die Draehte gluehen, eine jede Seite draengt danach die andere zu uebertreffen.

    Dabei beschraenkte ich mich auf deutschsprachige Kanaele und stiess auf Vertreter jeder noch so grotesken Idee. Die Kommentarfunktion eines jeden Kanals wird dabei als Kommunikationsmedium ersten Ranges genutzt. Mittels Freundanfragen schmiedet man Buendnisse zur Verbreitung des jeweiligen Unsinns. Atheisten und PI-Vertreter greifen Hand in Hand die islamische Seite an. Natuerlich von Zionisten unterstuetzt. Christen reiben sich zwischen kreationistischen Positionen, Islamophobie und allgemeinem Mitgefuehl auf. Die Antifa wacht ueber allem, stets bereit auf Verfehlungen des Gegners zu warten. Also vor allem verbotene Symbolik, wie Hakenkreuze oder aehnlichem.

    Ultimative Drohung gegen unliebsame Benutzer ist das Melden des jeweiligen Videokanals an Youtube, falls man denn Verstoesse gegen deren Richtlinien beweisen kann. Dafuer gibt es schwarze Listen und ein funktionierendes Netzwerk. Wirklich Glaeubige jeder Farbe, wissen das heilige Recht allerdings noch sehr viel ausgepraegter auf ihrer Seite. Drohungen mit dem jeweiligen Fegefeuer sind sehr schnell, umgehnd und portofrei erhaeltlich. Koransuren, Bibelzitate und Thorainterpretationen machen die Runde, oft unzureichend und zusammenhanglos zitiert. Aus der Entfernung betrachtet, sieht man die virtuellen Streiter der drei abrahamitischen Weltreligionen, in einem seltsamen Gleichklang aus Hass und totaler Uebereinstimmung. In ihrem Schlachteneifer bleibt das ihnen selbst gaenzlich unbemerkt.

    Nun ist das grundsaetzliche intellektuelle Niveau jenes digitalen, kruden Schlachtfeldes, aeusserst uneinheitlich. Es scheint sich jedoch nicht um eine interne Auseinandersetzung des Mensaclub zu handeln, soviel ist sicher. Unterhaltsam ist es, wenn sich das mehrstuendige Kopfschuetteln und die Fassungslosigkeit ueber den propagandistischen Eifer und den immensen Zeitaufwand Einzelner gelegt hat. Dann entdeckt man, im Falle eines derart robusten Humors wie dem meinigen, durchaus lustige Perlen grossartigen Irrsinns. Wer jemals Zweifel an der Existenzberechtigung von Klischees hatte, wird dort online eines besseren belehrt.

    Es gibt Nazis, die ein dutzend Konten gleichzeitig eroeffnen, jeweils mit Namen und historischem Foto einer verfemten NS-Groesse versehen. In der kurzen Lebensdauer bis zur Sperrung ihres Kanales, bombardieren sie dann die Kommentarbereiche ihrer Gegner mit >Mein Kampf<-Zitaten und Beschimpfungen. Das kulminiert bisweilen in solch abgedrehter Sprachmeisterschaft, wie die eines jungen Herren, der es schafft jede geschriebene Zeile in einer selbsterfundenen Lautschrift zu publizieren. Diese imitiert die schnarrende Diktion Adolf Hitlers, mit oesterreichischem Akzent und der Phonetik einer Schellackplatte. Sehr interessant! Die Spuren der organisierten, antifaschistischen Kaempfer enden leider haeufig ebenso Klischeehaft im Umfeld von Ex-SED Kadern oder DKP-Veteranen. Samt Bildern sowjetischer Kriegsschiffe, Lenins Katzen sowie Fotos sowjetischer Sozialismusfolklore. Islamistische Aktivitaeten, liegen hingegen oft in der Obhut junger, prekaerer Herren mit Migrationshintergrund, das macht das Entziffern ihrer Anliegen haeufig recht schwer. Eine Naehe zu Jugendkultur und HipHop hilft schon sehr beim Entschluesseln ihrer Botschaften. Erstaunlich sind die sehr individuellen, verbalen Steigerungen eindeutig intimer Angebote zum Geschlechtsverkehr mit den jeweiligen Muettern der Kontrahenten. Scheint ein Fetisch der Herren zu sein.

    Am Ende macht man, bei intensiver Recherche in den menschlichen Untiefen dieses digitalen Informationskrieges, einige Grundlegende Erfahrungen: Wer geglaubt hat, der Mensch sei an sich gut, edel und aufrecht, wenn man ihn nur liesse, der sieht sich binnen 24 Stunden eines Besseren belehrt. Wer nun meint, eine dialektische Auseinandersetzung sei Standard in unserer Welt, sieht sich rasch getaeuscht. Das Zeitalter der Aufklaerung mag in den Geschichtsbuechern schon lange abgearbeitet sein und als Basis westlich orientierten Denkens gelten. Fuer 90 Prozent der Online-Menschheit trifft es aber gleichwohl nicht zu.

    Die Dunkelziffer unzureichend therapierter und medikamentoes schlecht eingestellter Menschen, scheint auch in unserem Gesundheitssystem recht hoch zu liegen. Mich hat beim Studium von Kommentaren zu eigenen Texten bisweilen schon ein ungutes Gefuehl beschlichen. Doch seit meinen Youtube Abenteuern, betrete ich Teile des Internets nur noch mit geistiger Splitterschutzweste. Und ein chinesisches Lebensgefuehl wurde mir nonchalant und ganz nebenbei auch noch serviert: Dieser Kanal ist in deinem Land nicht verfuegbar!, so heisst es dann, wenn man einem Link zu merkwuerdigen Ansichten folgen will. In den meisten Faellen angeblich mit in Deutschland verbotener Nazisymbolik, aber weiss man das wirklich? Frei entscheiden darf ich darueber nicht. Weder hier noch in Schanghai!


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