• Verlustgeschichtsschreibung

    Die Krise der Musikindustrie hat auch den Musikjournalismus erfasst. Blogs mit ihrer rasend-schnellen Informationsdistribution wie auch die Allverfuegbarkeit von Musik in Downloadportalen und Sharingsystemen, oft schon Monate vor dem eigentlichen Veroeffentlichungstermin, haben zu einem Einflussverlust des klassischen Schreibens ueber Pop gefuehrt.

    Die Folgen dieser Entwicklung sollten auf der Veranstaltung Kapitulation? Zur Krise des Pop-Journalismus diskutiert werden. Die Heinrich-Boell-Stiftung bat Tobias Rapp, Pop-Redakteur der taz, Sascha Koesch von der de:bug, Sonja Eismann von intro und Spex und last but not least, Dennis Kastrup (popnutten.de, motor.fm) zum Gespraech.

    .

    Inhaltlich war die Rede von Atomisierung in Sub-Sub-Szenen, politischer Aufladung, von Genderissues (die ob der ungleichen geschlechterspezifischen Redeverteilung eher performativ adressiert wurden), dem Verschwinden des Verrisses bis hin zum immer wieder aufgegriffenen Faktor Zeit im Umgang mit dem Schreiben ueber Pop. Letzteres schien so etwas wie der Nodal Point der Diskussion zu sein. Zum einen natuerlich im Sinne der oben bereits angerissenen Verschnellerung von Informations- wie auch Musikbeschaffung durch das Netz, zum anderen aber auch im Sinne einer radikalen Aktualitaet als einer Grundbedingung dessen, was Pop eigentlich ausmacht. In den durchaus diskutierwuerdigen Worten Tobias Rapps: Es ist geil, weil es neu ist!

    Der Schluessel zur Veranstaltung lag aber vielleicht eher woanders. Angefangen vielleicht bei der fehlenden Definition dessen, was Pop-Journalismus eigentlich ist. Denn im Grunde genommen wurde hier eher ein bestimmtes Paradigma des journalistischen Schreibens verhandelt, das in Deutschland eng mit dem Namen Spex verbunden ist – ein subjektives, sich anverwandelndes und politisch sich positionierendes Schreiben. Die Verlustgeschichte, von der gerade bei Moderator Jan Engelmann immer wieder die Rede war, ist letztlich die Geschichte nicht des Verlusts des Schreibens ueber Pop per se, sondern einer spezifischen journalistischen Aesthetik und Politik, wie sie waehrend der 90er Jahre den linken deutschen Pop-Diskurs gepraegt hat. Sei schlau und kleb die Bilder ein, heisst es dazu auf Tocotronics letzter Platte, die auch dieser Veranstaltung den Titel gab.


3 Kommentare zu Verlustgeschichtsschreibung

  • Das Fazit erinnert mich ein wenig, an die Diskussion, die wir im Anschluss an meinen Deleuze-Beitrag hatten:)
    http://www.berlinergazette.de/?p=405
  • ihr scheint Euch ja alle einig zu sein... Mich würde interessieren, was für Symptome dafür gibt, dass Pop der letzten 10, 15 Jahre als eine solche Verlustgeschichte begriffen werden muss. Gibt es nicht auch Leute, die wie Ulf Poschardt, Pop als emanzipatorisches, politisches Projekt feieren wie noch nie? Vielleicht müsste man auch klären, was Pop ist? Und was links? Ich habe das Gefühl, da hat auch jeder so seine eigene Definition...
  • @Samson: Wenn ich mir so manch eine Definition von "Links" anschaue, dann steht es unter dem Strich für "das Gute". Wer sich rechts ansiedelt, dürfte dies ebenfalls für sich in Anspruch nehmen. Da wir uns, wie viele behaupten, in einem post-politischen Zeitalter befinden, in dem Links und Rechts anachronistische Programme beziehungsweise Zuschreibungen geworden sind, wäre es wohl ganz klug - zumindest wenn man dem Zeitgeist Widerstand leisten will - nach Definitionen zu suchen, die mit konkreten Inhalten aufgeladen ist.

Kommentar hinterlassen