• Verkauf dich selbst! – Der Film

    Vier Wochen Berliner, vier Wochen Tip, fuer Dussmann gibt’s zehn Euro und das alles nur acht fuenzig! Titto macht es nichts aus, dass die Menschen, die an ihm vorbeilaufen, seinen selbst komponierten Berliner-Song ignorieren. Aus voller Brust intoniert er die eine Strophe immer wieder.

    Titto ist einer von 300 Werbern, die taeglich versuchen, den Menschen in ganz Berlin, Gratis-Abos, Probelesen oder Supersonderaktionen der Berliner Zeitung schmackhaft zu machen. Es gibt Promoter, die bei dem diesem Job fast gar nichts verdienen. Bei Titto verhaelt es sich ein bisschen anders. Er ist einer der wenigen, die Erfolg haben. Seine Strategien, um Leute zu ueberreden sind sehr vielfaeltig. Sie sind meist komisch und auch ein bisschen wahnsinnig, der Zweck scheint die obskuren Mittel zu heiligen. Das einzige, was Titto will, ist, dass man ihm kurz zuhoert.

    Als Promoter spielt Titto eine Rolle, wie sie Steve Martin oder Eddy Murphy in einer Hollywood-Komoedie uebernehmen: Der Held schrubbt zwar eigentlich nur den Boden bei McDonald“s, versteht es aber, daraus eine aufsehenerregende und wuerdevolle Show zu machen. Das Kostuem fuer diese Show traegt er vermutlich auch im echten Leben: ausgewaschene Carharrt Baggy-Pants und Skater-Jacke. Die Frisur entspricht den MTV-VJ-Kriterien: Wild und doch im Zaum.

    Tittos Show beginnt morgens, gegen halb zehn am Hintereingang der Humboldt Universitaet. Der Campus ist an diesem klirrend kalten Novembermorgen mit Sonne durchflutet. Es ist Herbst, schon fast Winter. Die ersten Studenten treffen zu ihren Vorlesungen ein. Den Kaffeebecher in der einen Hand, mit der andern den Schlafsand aus den Augen reibend, versuchen sie an Titto vorbei zu kommen. Doch der ist hellwach, baut sich direkt vor einem verpeilten Studenten auf und jongliert mit drei Berliner Zeitungen. Der Student schuettelt geistesabwesend mit dem Kopf: Ich kann nicht lesen. Titto kontert: Berliner Zeitung: Jetzt auch auf Hoerspielkassette! Der freche Spruch bringt ihm kein Glueck.

    Eine Stunde spaeter ist der erste Studenten-Strom versiegt. Es ist immer noch verdammt kalt. Stille liegt Titto nicht so, er beginnt zu philosophieren: Weisst Du, mich kann jetzt keiner mehr veraeppeln. Auch nicht im richtigen Leben. Du hast hier taeglich mit Tausenden von Menschen zu tun, du stehst direkt vor denen und siehst die an. Ich seh das jetzt sofort, wenn einer mich verarschen will. Du kriegst hier ne derbe Menschenkenntnis. Seit acht Monaten ist Titto in Berlin und seit acht Monaten macht er diesen Job. Als er so einen Werber auf dem Alex gesehen hatte, fragte er einfach, ob er nicht auch mitmachen koenne. Er ist sofort voll eingestiegen und verdient sich nun so seinen Lebensunterhalt. Nur noch leichte Spuren eines Dialekts verraten, seine Herkunft. Eigentlich ist er aus der bayerischen Kleinstadt Aschaffenburg nach Berlin gekommen, um eine Ausbildung als Veranstaltungskaufmann zu machen, doch das hat bis jetzt noch nicht geklappt, also schlaegt er sich so durch.

    Dann kommt die naechste Rush Hour und Titto legt erneut los. Er stellt sich mitten in den Strom, singt, schreit, jongliert. Er macht Scherze, er verschenkt Zeitungen und irritiert seine potentiellen Kunden bisweilen. So stellt er sich vor ein junges Maedchen und sagt: Bitte einmal geistesabwesend mit dem Kopf schuetteln! Sie ist irritiert, schaut auf und … bleibt nicht stehen. Wieder kein Erfolg. Okay, der naechste Versuch: Ich wette Du brauchst keine Tageszeitung! Siehst Du, ein Punkt fuer mich, jetzt musst Du punkten! Leider auch diesmal kein Erfolg. Es ist Mittag und bis jetzt denkbar schlecht gelaufen fuer Titto, den Entertainer. Du musst es schaffen, die Wand der Ignoranz zu durchbrechen, meint er. Am Anfang war ich nur ein Marktschreier und bin nicht auf die Leute zugegangen, doch seitdem ich angefangen hab, mit den Zeitungen zu jonglieren, bleiben die Leute stehen und wundern sich. Das wichtigste ist, dass Du es schaffst, dass sie stehen bleiben und dir zuhoeren.

    Er weiss, dass er die negativen Reaktionen nicht persoenlich nehmen darf, aber manchmal fuehlt er sich eben doch angegriffen von Spruechen wie Kannst Du eigentlich auch was anderes als nerven? Da reagiert er auch schon mal heftig. Mit einem Auslaender gab es einmal eine haessliche Situation: Titto, provokativ wie immer, ging auf einen jungen Studenten zu und fragte: Und Du, kannst Du auch nicht lesen? Der Angesprochene fuehlte sich auf den Schlips getreten und meinte daraufhin nur Arschloch zu ihm. Titto reagierte nur mit: Ich bin kein Arschloch, aber ich habe eins, und Du kannst herkommen und es auslecken! Tags darauf entschuldigte er sich. Er sah ein, dass er doch zu weit gegangen war.

    Gegen 14 Uhr hat Titto endlich Glueck und schafft es, gleich acht Scheine zu schreiben. Das sind, wenn keiner der Studenten spaeter abspringt, immerhin 72 Euro. Es gab auch schon Tage, an denen es noch besser gelaufen ist. Zum Beispiel beim Erstsemester-Tag an der TU, da hat er zwanzig Scheine an einem Tag geschafft. Doch wenn Titto beispielsweise am Halleschen Tor in Kreuzberg stehen muss, dann hat selbst er keinen Erfolg: Da laufen am Tag dann ein paar hundert Tuerken an mir vorbei, aber keiner von denen will die Berliner Zeitung haben.

    Dass die Situation tatsaechlich einem Steve Martin- oder Eddy Murphy-Film aehnelt, wird durch den ploetzlich auf dem gesamten Campus erschallenden Otis-Redding-Klassiker Respect bestens untermalt. Aus den Boxen eines Autos droehnt der passende Soundtrack zur Titto-Show. Er geht darin vollkommen auf, tanzt wie wild und singt lauthals mit: All I’m asking is for a little respect!

    Kurz vor Feierabend verraet Titto dann noch mehr ueber sich. Er hat gerade bei MTV-The Trip mitgemacht, einer Reality-Show, bei der er von Gibraltar bis nach Berlin kommen musste, ohne einen Cent in der Tasche zu haben. Im Trampen hat er UEbung, einmal ist er drei Monate durch Neuseeland getrampt. Dieser Existenzmodus scheint fuer Titto kein Problem darzustellen. Er lebt das Leben, das TV-Formate wie The Real Life, Big Brother bis hin zu Popstars vorgeben: Du kannst alles schaffen! Du kannst sein, wer Du willst! Und Du kannst Dich immer wieder neu erfinden!

    Tittos Job ist halt Reality Show – bloss im echten Leben. Job-Formate wie die des Promoters nehmen immer mehr zu. Ob Interviewer im Call-Center, Werber fuers Tierhilfswerk oder – der aelteste aller Druecker-Jobs – Versicherungsvertreter, so gut wie nie gibt es einen festen Stundenlohn, geschweige denn soziale Absicherung. Geld macht in diesen Jobs nur, wer die gleiche Mentalitaet wie Titto hat: Du musst wissen, wer du bist, sonst hast du verloren in diesem Job. Und du musst dich vor allem verkaufen koennen, sonst verdienst du gar nichts. Nicht wenige von Tittos Kollegen stehen schon mal fuer drei Euro ganze acht Stunden lang in der Kaelte.


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