• Der Staat als Klinik: Architektur an der Schnittstelle von Pandemie und Politik

    Krankenhäuser sind nicht nur dazu da, um Krankheiten zu behandeln, sondern Normen festzulegen. Feindliche Lebensformen wie Viren werden hier nicht nur bekämpft, sondern als solche überhaupt erst konstruiert. So wird die Klinik staatstragend. Anlässlich der ‘Corona-Krise’ untersucht der Philosoph Ludger Schwarte wie der Staat wiederum zur Klinik wird. Ein zweiteiliger Essay.

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    Die Frage, wie viele Personen sich wo und in welchem Abstand aufhalten können, ohne sich mit einem gefährlichen Virus anzustecken ist eine architektonische Frage – ebenso wie die Frage, wie viele Personen sich wo und in welchem Abstand weiterhin aufhalten müssen, damit sich so etwas wie freies Handeln und demokratische Politik erhalten.

    Ebenso wenig, wie der öffentliche Versammlungsraum des Parlamentes geschlossen werden kann, ohne dass zugleich auch die parlamentarische Demokratie abgeschafft würde, damit nur noch kleine, elektronisch kommunizierende Ausschüsse dasjenige vorbereiten und genehmigen, was die Exekutive, die Regierung, für notwendig erachtet, ist es möglich, die öffentlichen Versammlungsräume insgesamt zu schließen, ohne zugleich die Demokratie als solche abzuschaffen.

    Wenn heute Epidemolog_innen und „epidemologisch gebildete Virologen“ darauf hinweisen, dass ihre Empfehlungen – die Schließung von Kitas, Schulen und Universitäten, von Kinos, Museen, Sportanstalten und Theatern, von Cafés, Restaurants und Clubs, von Geschäften, Fabriken und Grenzen, Kontaktverbote, Ausgangssperren, die Empfehlung sozialer Distanzierung – nur die Verhinderung einer Ausbreitung des Virus betreffen, die Umsetzung dieser Empfehlungen aber eine politische Entscheidung voraussetze, so wird diese Entscheidung auch andere Erwägungen und Expertisen einzubeziehen haben.

    Dazu zählen sicherlich Abwägungen wie diejenige zwischen dem Gebot der Seuchenbekämpfung und des Gesundheitsschutzes einerseits und dem von Grundrechten und politischen Freiheiten andererseits. Dazu zählt die Einschätzung der Zumutbarkeit von Gesundheitsrisiken und sogar Lebensgefahr, wie auch die diffizilen Bereiche der Medizinethik, in denen zwischen Lebenmachen und Sterbenlassen zu entscheiden ist. Aber es zählen auch ganz einfache technische Lösungen dazu, durch die man bewerkstelligen kann, dass eine Taxifahrerin sich nicht bei ihrem Fahrgast ansteckt.

    Biopolitik – für wen?

    Seit wann ist es denn eine staatliche Aufgabe zu verhindern, dass wir krank werden? Dass sich der Staat der Gesundheitspolitik verschreibt und die Lebendigkeit der Bevölkerung bewirtschaftet, ist nicht selbstverständlich. Michel Foucault hat deutlich gemacht, dass die Biopolitik nie die Gesundheit aller in einem Territorium lebenden Menschen meint, sondern (rassistische, ökonomische) Zäsuren setzt. Biopolitik richtet sich auf die Erhaltung und Steigerung des Lebens. Die lebendige Masse ist das Pfund, mit dem der Staat wuchert. „Anstelle der Drohung mit dem Mord ist es nun die Verantwortung für das Leben, die der Macht Zugang zum Körper verschafft“ schreibt Foucault.

    „Die ‚biologische Modernitätsschwelle‘ einer Gesellschaft liegt dort, wo es in ihren politischen Strategien um die Existenz der Gattung selber geht.“ Foucault selbst leitet diese Entwicklung zum einen aus der Entstehung einer empirischen Politikwissenschaft ab, die sich auf die Ökonomie und Statistik beruft und die Bevölkerungsentwicklung innerhalb bestimmter Margen und Kreisläufe in den Blick nimmt, zum anderen aus dem „Sicherheitsdispositiv“, das Sozialhygiene, medizinische Regulationen, Seuchenbekämpfung, der Diskurs der Sexualität und aber auch das biologische Wissen umfasst.

    Die Verantwortung für das Leben der Bevölkerung impliziert eine Definition des Lebens, das geschützt werden soll und folglich ebenso dessen, was vernachlässigt werden kann oder bekämpft werden muss. Biopolitik erhält und steigert die Existenz derjenigen, die zur Nation zählen. Sie wird stets räumlich vermittelt.

    „Heilungsmaschinen“: Individualisieren, Kontrollieren, Lüften

    Krankenhäuser zählen heute zu den Orten, in denen die Krankheit und der Tod domestiziert werden sollen. Die Geburt der Klinik findet im Zeitalter der Vernunft statt. Mehr Medizin und Hygiene, mehr Aufklärung heißt hier weniger Freiheit für alles, was in keine Klassifikation passt. Zuvor gab es Hospitäler. Das erste Hospital von Paris, das „Hôtel-Dieu“ war im 13. Jahrhundert par­allel zur Kathedrale erbaut worden. Dieses Hospital kann beschrieben werden als eine Versammlung der Vielzahl von Kranken, Armen, Kriminellen, Aussätzigen, Weisen im Zentrum von Paris.

    Der Auftrag des Hospitals war es, alle aufzunehmen, die darum er­suchten. Seine Architektur genügte den Ansprüchen dieser Asylfunktion inmitten der Stadt. Das Barmherzigkeitsgebot stand über den quantitativen Obergrenzen der zur Ver­fü­gung stehenden Plätze. Deshalb hätte auch niemand sagen können, in­wiefern der Raum des alten Hôtel-Dieu eigentlich angemessen war. Das Hospital absor­bierte alle abweichenden, unheimlichen Arten von Individuen und Verhaltensweisen und war weni­ger eine Einrichtung zur Heilung oder auch nur zur Durchsetzung sanitärer Normen.

    Als im Jahre 1772 das Pariser Hôtel-Dieu erneut niederbrennt, kommt nicht nur eine unpro­duktive, unsaubere und sozial gefährliche Institution ans Licht; vielmehr spiegelt sich im Schicksal die­ser Kranken, Ortlosen, Kriminellen, Hilfsbedürftigen das Gesicht der alten Ge­sellschaft, die auf derartigen Ausgrenzungen basiert. Im Lichte der Aufklärung soll der Charakter dieser Architek­tur radikal verän­dert werden: Die moderne, ab 1772 entwickelte Pavillon-Architektur der Klinik geht von individuell zu behandelnden Fällen aus.

    Die neue Räumlichkeit des Patienten, dessen Krankheit in einem Einzelbett zu behandeln ist, ent­spricht pathologischen Überzeugungen, denen gemäß Körperkontakt und Überfüllung die Hauptgründe für An­steckung sind. Sie bringt auch eine soziale Klassifikation hervor, bei der wohlhabenden Pati­enten mehr Raum zusteht. Dieser Überzeugung entspricht es, dass die Be­handlung des Raumes der erste Schritt zur Renormalisierung des Körpers ist und daher konti­nuierlich nach dem Mo­dell des Körpers und der Räumlichkeit seiner Handlungen umgestaltet werden muss.

    Versorgungsräume und Gefängnismodelle

    Die Entwürfe von Jacques Tenon, von Marie-Joseph Peyre und Charles-François Viel konstruieren eine medizinische Maschine, in der jeder Trakt sich dem Gesamtplan zuordnet, bestimmte Handlungen aufnimmt und weiter­gibt, In­formationen und Zustände mit den anderen Abschnitten austauscht. Es war Tenons Idee, eine medizinische Maschine zu konstruieren, die jede Möglich­keit des Missbrauchs und der Ansteckung ausschloss. Tenon ersann Verfahren, die es bewirk­ten, dass jeder Trakt Frischluft aufnehmen konnte, ohne die verbrauchte Luft zu vermischen oder weiterzugeben und die jeden Patienten mit der notwendigen Quantität von Luft ver­sorgten.

    Er entwarf Versorgungsräume, die zugleich Informationsräume waren. Die Entwürfe von Peyre und Viel versuchten, die Gewinnung von Wissen und die Be­handlungsmöglichkeiten mit einer übersichtlichen Klassifikation zu verbinden. Sie entwarfen panoptische Kathedralen der Gesundheit. Die späteren Prototypen (von Viel, Petit und Poyet) führten in die Diskussion Pläne für panoptisch ausstrahlende Pavillons ein, die später auf Blou­ets und Benthams Gefängnismodelle Einfluss ausüben sollten. Die Sichtbarkeit der verschiedenen Vorgänge wird durch eine zentrale Überwachung sowie durch das System von Gängen hergestellt.

    Der klinische Blick, das hat das frühe Buch Foucaults über die „Geburt der Klinik“ gezeigt, macht aus dem Körper, eine behandelbare Information in einem „Theater der Krankheitslehre“. Der klinische, organische Körper ist ein dreidimesionaler Raum, in dem das Hin und Her des ärztlichen Blickes zwischen den sichtbaren Zeichen der Krankheit und seinem Sitz im Organgewebe ein abgegrenztes Volumen schafft. Der Blick ist im Körper. Das Prinzip dieser Blickübung ist die Wiederholung, welche aus dem Beobachtungsvorgang die Individualität des Falls konstruiert.

    Damit gibt das klinische Projekt den Traum vom „Idealen Beobachter“ auf, der der alten Medizin innewohnte, und ersetzt diese Idealität durch die unbegrenzte Erfahrung der Vielzahl von Beobachtern und von Fällen. Der klinische Empirismus konstituiert sich zunächst mit der Vorstellung eines Krankheitssitzes, einer anderen Ortspolitik also, die der Möglichkeit entspricht, diesen Sitz zu entfernen. Dieser medizinischen Empirismus weicht Foucault zufolge einem klinischen Verständnis, bei dem die Vorstellung eines Sitzes aufgegeben wird zugunsten des Begriffs der Klasse.

    Foucault hat zudem hingewiesen, dass die großen medizinischen Reformen nicht von der Organisation einer Gesundheitspolitik getrennt werden können: Die Betrachtung der Krankheiten als politisches und ökonomisches Problem und der Versuch, diesem durch kol­lek­tive Behandlungs- und Vorsorgepraktiken zu begegnen, die den ganzen Gesellschaftskör­per umfassen, gehen zurück auf die Gründung des Collegium Sanitare in Preußen 1685 und der Société Royale de Médecine 1776 in Frankreich. Seither gilt die Gesundheit der Population als zentrales Ziel der Politik.

    Kliniken sind Schlachtfelder

    Das staatliche Krankenhaus entsteht zur selben Zeit wie die Armee als Institution. Das professionelle und technische Monopol eines sorgfältig kontrollierten Medizinapparates geht einher mit einer Verstaatlichung der Krankheit: Der Körper des Bürgers, die Verwaltung der Erbmasse wird zur zentralen politischen Aufgabe einer strengen und sorgfältig distribuierten Hierarchie. Jeder medizinische Akt korrespondiert mit einem Einsatzplan, der Raum und Zeit abstimmt. Instrumente, Orte, Qualifikationen und Hierarchien werden präzise zwischen den Pflegern, den Chirurgen, den Assistenzärzten und Direktoren aufgeteilt.

    Die Kliniken sind Schlachtfelder, nicht nur gegen Krankheitserreger, sondern auch gegen als feindlich gebranntmarkte Lebensformen. Die Neutralität der wissenschaftlichen Medizin entpuppt sich als Chimäre, als Regelungsschalter eines Machtmechanismus. Diese medizinische Umformulierung des gesellschaftlichen Machtkampfes in einen Rassenkriegs, in der die Wahrheit als Waffe dient, erlaubt, worauf Michel Foucault stets hingewiesen hat, keine gleichen Gegner mehr; es ist ein Machtkampf, der nicht mehr zwischen verschiedenen Klassen oder Rassen geführt wird, sondern „von einer Rasse aus, die die wahre und einzige ist, die die Macht hat und die Norm vertritt, gegen die, die von dieser Norm abweichen und das biologische Erbe gefährden“, wie Foucault schreibt.

    Die Klinik ist das wichtigste Instrument dieser räumlichen Neuordnungen. Die Medizin totalisiert damit die gesellschaftliche Kontrolle über den Einzelnen, zugleich wird der Körper, das Geborensein, des Einzelnen zum Grundbaustein der „Nation.“ Die Klinik ist zugleich Sammelpunkt und Ausstrahlungszentrum, die Beobachtungen akkumuliert und die Gesellschaft durch Information so steuert, dass ihr immer mehr Beobachtungen, Daten zufließen.

    Anm.d.Red: Der zweite Teil des Essays erscheint kommende Woche. Die Fotos im Text stammen von Mario Sixtus und stehen unter einer CC-Lizenz (CC BY NC SA 3.0).


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