• Schwamm drüber: Geschichtsvergessenheit und Gedächtnistheater in der Bundesrepublik

    Nachdem sich viele in den 1990er und Nuller-Jahren eingeredet haben, der deutsche Nationalismus gehöre der Vergangenheit an, ist er heute nicht mehr zu leugnen und beeinflusst immer offensichtlicher und immer stärker die gesellschaftlichen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata. Politikjournalist und Berliner Gazette-Autor Heinrich Thüer liest wichtige Texte über den Nationalismus neu. Ein Essay.

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    Volksempfinden, Heimatdiskurse, Leitkultur – in dem Maße, in dem diese Begriffe den politischen Mainstream erreichen, wird das Werk des deutsch-britischen Soziologen Norbert Elias wieder interessant. Der „nationale Habitus der Deutschen“, dieses Thema zieht sich durch das gesamte Leben des im Juni 1897 in Breslau geborenen und im August 1990 in Amsterdam verstorbenen Norbert Elias, dem Autor des Jahrhundertwerkes Über den Prozess der Zivilisation. Es geht um die Frage nach der spezifisch deutschen Tradition bei der Bildung sozialer Persönlichkeitsstrukturen.

    Norbert Elias, der “deutsche Jude aus Breslau“, wie er sich nannte, musste nach Hitlers Machtantritt die Frankfurter Universität und das Land verlassen, die Nazis töteten seine Mutter in Auschwitz und er selbst lebte nach 1945 bis zu seinem Tode in London und Amsterdam. Noch im Jahre 1989 erscheint von Elias eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Studien über die Deutschen“ mit einem aktuellen Vorwort von ihm.

    Besondere Verachtung in Deutschland

    Der europäische „Prozess der Zivilisation“, den man durchaus als demokratisches Projekt bezeichnen kann, stößt lange vor dem Untergang der Weimarer Republik auf besondere Verachtung in Deutschland. „Zivilisationsliterat“ – diese von Thomas Mann Anfang der 1920er Jahre erfundene Hassfigur ist auf die “undeutsche” linke Intelligenz gemünzt, die sich an den Freiheits-und Demokratie-Idealen der „westlichen“ Gesellschaften orientiert. Dagegen bietet Thomas Mann damals die “Natürlichkeit” und “Wahrhaftigkeit” – heute würde man sagen: Heimat und Identität – der “deutschen Kultur” auf, mit einer im Kern apolitischen Stoßrichtung gegen die Parlamentspolitik eines demokratischen Staates.

    Die erste Veröffentlichung von Norbert Elias im Jahre 1925 heißt „Der Zivilisationsliterat“ und zehn Jahre später beginnt er im englischen Exil systematisch damit, den langen Prozess der Zivilisation im Zusammenhang mit der Staatsbildung in Frankreich nachzuzeichnen, die „aufs engste“ mit der Entwicklung eines zivilen Habitus verbunden ist. Zivilisation als Veränderung der Trieb- und Affektkontrollen bei gleichzeitiger Ausbildung eines weit vorausschauenden staatlichen Planens und Handelns.

    Aufgrund der Herausbildung des modernen Staates mit demokratischer Verfassung, Gewaltmonopol und der Zunahme der funktionalen Arbeitsteilung im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung werden Menschen in neuartige Figurationen eingebunden. Elias’ Begrifflichkeit des „Habitus“ bezeichnet erlernte, inkorporierte und sich ständig in Reproduktion befindliche Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata.

    Die soziale Position wird fortan durch sorgfältiges Kalkulieren und Verhandeln und nicht mehr durch Kämpfe festgelegt. Diese Affekt- und Triebregulierung findet in dem Vorrücken von Scham- und Peinlichkeitsschwellen ihr Pendant. Es findet eine Umwandlung der gesellschaftlichen Notwendigkeiten in einen zivilen Selbstzwang, in einen inneren Zwang und in größere Selbstbeherrschung statt. Von der Zunahme der Affektkontrolle bei der Gewaltanwendung über die Tisch- und Trinksitten bis zum diplomatischen Geschick im Umgang mit der politischen Macht – sämtliche Manieren verfeinern und zivilisieren sich im Laufe der Zeit und breiten sich langsam auf alle Bereiche und Schichten der Gesellschaft aus.

    Raum für Gewaltausbrüche

    Hier siedelt Elias seine These von der deutschen Sonderentwicklung an. Im Erinnerungsbild der Franzosen, der Engländer und Niederländer stellen sich die ersten neuzeitlichen Jahrhunderte als eine der glanzvollsten ihrer Entwicklung dar, als eine Periode der Kulturschöpfung und Zivilisierung. Für die Deutschen sind die Jahrhunderte nach dem Dreißigjährigen Krieg eine Zeit der Verarmung, des kulturellen Verfalls und der Verrohung der Menschen. Zwar spricht und lebt der deutsche Adel französisch, doch das deutsche Bürgertum übernimmt früh in Wirtschaft und Politik die Lebenshaltung und Normen des Militäradels.

    Im Deutschen kann man viel gröber sein als im Englischen und Französischen, sagt Elias dazu. „Das bedeutet unter anderem, dass man in Deutschland wenig Zeit und Gelegenheit hatte, um diejenige Art der Selbstkontrolle, diejenige Form des Gewissens zu entwickeln, die es möglich macht, die Feindseligkeiten gegen andere Gruppen und Schichten der eigenen Gesellschaft individuell, aus eigener Kraft im Zaume zu halten. Man hat nur gelernt, sie im Zaum zu halten durch Kontrolle von außen, durch Befehle von oben.“, so Elias in seinen Studien über die Deutschen. Elias operiert hier mit Vokabeln aus der Psychoanalyse: “Das deutsche Über-Ich und das Ich-Ideal ließ den Mittelklassen, Unterklassen und Bauern immer mehr Raum für Gewaltausbrüche. In Deutschland bekamen die Menschen nie die Chance, gewaltlos mit Konflikten umzugehen.” (so Elias in “Über sich selbst”).

    Dieses Defizit steht unmittelbar in Verbindung mit einem besonders autoritär geprägten Nationalismus. Elias: „Die konservativ-nationalistischen Gruppen der Mittelklassen in anderen Ländern versuchten immer wieder, menschheitliche und moralische Ideale mit nationalistischen zu verschmelzen. Die vergleichbaren Gruppen der deutschen Mittelklassen verwarfen den Kompromiss. Sie wandten sich oft mit einer Miene des Triumphs gegen die humanistischen und moralischen Ideale aus der Aufstiegsperiode der Mittelklassen, deren Falschheit nunmehr entlarvt sei.“

    Sorge um notorisch blasse Bürger*innen

    Elias sieht die postfaschistische Gesellschaft der westdeutschen Bundesrepublik, die in einer Welt aus US-Sicherheitsgarantie, internationalem Freihandelsregime, demokratischer Welle und Unterdrückung des Nationalismus lebt, natürlich nicht in diesem extremen Licht. In einem Zeitschriftenaufsatz von 1977 “Gedanken über die Bundesrepublik”, spricht er die sozialliberale Entwicklung in der zweiten deutschen Republik an und wiederholt zehn Jahre später seine Beobachtung eines in Ansätzen zivilgesellschaftlichen Habitus in der Bundesrepublik der 1980er Jahre.

    Doch dann äußert er sich im Jahr des Mauerfalls, ein Jahr vor der deutschen Wiedervereinigung betont skeptisch über die Langzeitwirkung der traumatischen Kollektiverlebnisse der Deutschen, vom Dreißigjährigen Krieg angefangen bis zu den beiden Weltkriegen, von der Überdosis brutalen Nationalismus’ im wilhelminischen Zeitalter bis zum „Entzivilisierungsschub der Hitler-Epoche“. Seine Sorge gilt dem notorisch blassen Citoyen in Deutschland, sie gilt dem schwachen politisch-liberalen Habitus und der geringen demokratiepolitischen Bildung in Deutschland, die den traditionellen Mangel an Augenmaß von deutschen Führungsschichten ausmacht.

    Elias sieht nach wie vor eine eigentümliche „Geschichtsvergessenheit“, die eine „Katharsis der Deutschen“ blockiert. Wie die Deutschen mit ihrem Land nicht froh sind, diese Erkenntnis kann man aus den letzten Arbeiten von Elias ziehen, so ist die politische Klasse in Deutschland ihrer Macht nicht froh, die sie nicht richtig handhaben kann. Wenn es um die Entwicklung eines humanen „Habitus der Deutschen“ mit neuen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata geht, so formuliert Norbert Elias im ersten Wendejahr 1989 eine grundsätzliche Bedingung für die „Katharsis der Deutschen“: Es sei im künftigen Deutschland „ein entschiedener Bruch mit der Tradition des Obrigkeitsstaates“ erforderlich, denn nur „eine beharrliche experimentelle Humanisierung aller Instanzen des Staates, Parteien, Bürokratie, Militär mit eingeschlossen, wäre sicher als Mittel der Reinigung vom Stigma der Vergangenheit.“

    Patriotismus in Deutschland: Aufgeklärt, gebrochen?

    30 Jahre später kann davon kaum die Rede sein. Die inhumane Unterlassung staatlicher Hilfe für hunderttausende Flüchtende an den Außengrenzen der Festung Europa korrespondiert mit der wachsenden Polizeigewalt und Behördenwillkür gegen Migrant*innen im eigenen Land. Auch bleiben in der Regel die Reaktionen der politischen Eliten auf die wachsenden völkischen Netzwerke in Polizei, Bundeswehr und Verfassungsschutz aus.

    Hinter der populären Vorstellung von einer deutschen Leitkultur steht der Glaube, dass es für die bundesdeutsche Gesellschaft einer hierarchischen, autoritären Ordnung bedarf, die nur der Staat liefern kann und dem sich alle Teile der Gesellschaft unterordnen müssen. Währenddessen spricht Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, zum Gedenktag am 8. Mai 2020 von einem zwar „gebrochenen“, doch am Ende „aufgeklärten, demokratischen Patriotismus“, der mittlerweile in Deutschland vorherrsche. Damit redet er sich nicht nur den autoritären Kern der patriotischen Idee in Deutschland schön, die mit großer Wucht wieder nach oben drängt und völkische Opfermythen reaktiviert. Er redet zugleich die für die Nachbarn bedrohliche Historie des größten und wirtschaftlich stärksten Nationalstaates in Europa klein.

    Mit dem Wort vom „ruhelosen Reich“ hatte einst der konservative Historiker, Michael Stürmer, die historische Angst der Nachbar*innen auf den Begriff gebracht. Die deutsche Geschichtsvergessenheit, von der Elias spricht, wird heute zwar von einer breiten Gedenkkultur und regem Historisieren selbst kleinster Orte und Ereignisse begleitet. Damit ändert sich jedoch kaum etwas daran, dass ein offizielles Gedächtnistheater meist nicht weniger geschichtslos ist wie vorher das Vergessen.

    So wird zum Gedächtnis an den 8. Mai 1945 gern und viel über die „Befreiung der Deutschen vom Hitlerregime“ gesprochen, nicht aber darüber, dass die Mehrheit der Deutschen am 8. Mai 1945 nicht befreit, sondern endgültig durch die Alliierten des Zweiten Weltkrieges besiegt wurde, nachdem sie bis zum bitteren Ende die Naziherrschaft unterstützt hatten. Der Nationalsozialismus ist nun einmal eine Volksbewegung gewesen und gerade angesichts der aktuellen Idealisierung der deutschen Geschichte und Kultur muss bezweifelt werden, ob Deutschland diese Vergangenheit tatsächlich verarbeitet hat.


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