• Schaerfer als die Realitaet

    Patrick Swayze in adretter Konfoederationsuniform, Rhett Butler und Scarlett O’Hara auf der Flucht aus dem brennenden Atlanta, Jude Law als Deserteur aus Liebe. Derartige Bilder konstituieren unsere Vorstellung vom amerikanischen Buergerkrieg.

    Die wirkliche Welt wird zunehmend durch die von Medien simulierte verdraengt. Hyperrealitaet nennt Baudrillard das. Bilder erhalten so eine ganz neue, ja unheimliche Macht. Wer sie beherrscht, beherrscht uns. Medien bestimmen, was wir ueber Globalisierung, Klimawandel und G8-Gipfel denken. Beruhigend wenigstens, dass die >Mainstream-Medien< alle die gleichen Bilder zeigen, oder beunruhigend?

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    Buergerkrieg auf der Couch. Bild: Nick Saglimbeni

    Scheinbar existiert nur eine Wahrheit, tatsaechlich jedoch finden sich im Netz auf Seiten wie Indymedia, Kein-TV, Videoactivism, G8-TV noch andere Bilder, eine andere Version der Wahrheit. Die Blogs Heiligendamm der NGBK boten parallel zum G8-Gipfel allabendlich eine alternative Bilderschau, bestehend aus ausgesuchten Beitraegen dieser Seiten. Den Anfang machte jeden Tag die Nachrichtensendung von G8-TV. Ein Studio voller Pappschilder, auf denen communication of protest, subversive sting und awareness steht. Zwei bilinguale Moderatoren in T-Shirts mit der Aufschrift Presenter, ein Technikmann mit Sturmmaske, Kleiderordnung schwarz. Berichte vom Tag in Rostock, Hintergrundreportagen, Interviews.

    Alles niedlich amateurhaft und ungemein engagiert – sympathisch wie die Schulauffuehrung der eigenen Kinder. Danach werden Clips global vernetzter Videoaktivisten gezeigt, taeglich zu einem anderen Schwerpunkt, wie z.B. Migration oder Copyright. Natuerlich soll und darf man nicht alles glauben, was die sogenannten unabhaengigen, de facto aber ideologisch stark vorbelasteten Aktivisten der Alternativmedien so behaupten – dass muss aber in gleichem Mass fuer die Mainstream-Medien gelten. Wichtig ist, dass es diese anderen Bilder ueberhaupt gibt, dass die Menschen dahinter erkannt haben, wie sehr unsere heutige Wirklichkeit auf Bildern beruht.


16 Kommentare zu Schaerfer als die Realitaet

  • Christiane am 10.06.2007 19:23
    Wie man es auch dreht und wendet, so haben Bilder haben doch schon immer eine Sichtweise der Dinge gezeigt (siehe Propanganda Fotografie und Film z.B. im dritten Reich und in Russland.) Ich stimme zu: man muss alles kritisch betrachten und nichts fuer garantiert nehmen.
  • Katharina am 11.06.2007 09:30
    Auch ich war immer auf der suche nach alternativem material, habe mir aber auch einen (zweifelhaften) spaß daraus gemacht, herkömmliche zeitungen/gazetten durchzulesen, zu überfliegen (mehr ging bei derart einseitiger berichterstattung manchmal gar nicht)und bin nach wie vor der meinung, das hemmungen während der proteste, eine falsche form des widerstands gewesen wären. nach wie vor pazifistin, bin ich schon der meinung, das nicht die protestler gescheitert sind, sondern die verantwortlichen für soziale ungleichheit, für die zerstörung von natur und leben, für gewalt und eskalation.
    habe deinen artikel gerne gelesen, freue mich immer wenn ich das gefühl habe, jemand ist gut informiert.
  • Geichwohl, so interpretiere ich den Text, machen Bilder quasi blind. Egal von welcher Seite sie sind.

    Immer mehr drängt sich mir bei Beschauen der Filme der Verdacht auf, sie fungieren "nur" als Beweismittel für nicht geführte Verfahren vor einem imaginären Gericht.

    Baudrillard hat anläßlich des Todes von Andreas Baader in Stammheim vermutet, da so viele Fehler begangen worden sind, dass eben diese genau aus dem Grund gemacht worden seien, damit man sich nicht mit Baader auseinandersetzt (oder dem Terrorismus selbst) sondern mit dem Umgang mit ihm und mit den Ungewissheiten um das Faktum "Tod Baaders" - (er schreibt "die Wahrheit über den Tod Baaders ... nicht Baaders Tod selbst" erregt die Gemüter.

    Und noch die Ablenkung, auf die Ablenkung selbst hinzuweisen, ist problematisch.
  • Tobias am 11.06.2007 13:17
    Bilder machen blind für die tatsächliche Welt, jemand fährt zum Eiffelturm und ist dann enttäuscht, wenn er nicht so aussieht wie auf der der "Echte" auf den Fotos. Ich denke nicht, dass dies ein Prozess ist, den man gut oder schlecht finden kann, da ich nicht glaube, dass man ihn aufhalten kann. Man muss ihn wahrnehmen und ihn sich mit ihm arrangieren.
  • Und was kann in so einem Fall "sich arrangieren" () heißen?
  • Tobias am 11.06.2007 13:36
    Es kann unter anderem heißen, darauf zu achten, seine Wahrnehmung nicht nur aus einer Bilderquelle zu speisen, sondern aus einer möglichst heterogenen Sammlung von Bildern.
  • Danke für die Antwort. Das blöde dabei ist aber doch, dass man auch in diesen Fällen nur mehr Informationen bekommt, aber nicht unbedingt bessere.

    Wann weiß man, dass man genug weiß? Oder muss man das gar nicht erst wissen? Ich hätte eher die Hoffnung, man müsse sich dem entziehen und den Kopf ganz woanders hereinstecken - um ihn an der anderen Stelle herausziehen zu können. Mehr weiß ich momentan jedenfalls auch nicht.
  • Susanne am 11.06.2007 14:22
    Glaube, es muss reichen zu wissen, dass man nicht genug wissen kann.
  • So richtig trösten tut mich das jetzt gerade auch nicht :-)
  • Susanne am 11.06.2007 14:44
    Es muss reichen zu wissen, dass es nicht tröstlich sein kann!:)
  • Tobias am 11.06.2007 15:17
    Glaube nicht, dass man sich entziehen und den Kopf in den Sand stecken kann. So wie bei anderen historischen, unsere Wahrnehmung der Welt stark verändernden, Ereignissen (kopernikanische Wende, Darwin, Freud, etc.) müssen wir mit dieser neuen Sicht leben lernen und was das angeht stehen wir erst am Anfang.
  • Danke für den Trost.

    Tobias, aber was ist denn das große Ereignis, welchem "ich" so hilflos ausgesetzt bin? Die genannten Beispiele sind ja Beispiele dafür, dass sich etwas dadurch geändert hat, /wie/ man etwas neu beobachtet hat. Da waren /die Tatsachen/ vorher schon. Und sie waren nicht da, weil man sie nicht sah.

    Jetzt, da man alles sehen könnte, wird man blind. Das Rauschen. Mit dem Kopf in den Sand stecken, da meine ich nicht ein den Kopf-in-den-Sand-stecken sondern ein ein sich-abwenden zumindest von dem Gesellschaftsspiel, welches einem aufgedrückt wird. Und zwar nicht aus Gründen des Abwendens sondern der Eröffnung einer anderen Partie, oder der Übernahme von Partien, deren Ausgang weniger feststeht.
  • Tobias am 11.06.2007 16:03
    Es ist ist kein polemische "großes Ereignis", es ist ein Prozess, ausgelöst durch die massive Verkürzung von Entfernungen, durch moderne Transport- und Kommunikationstechnologien, durch Massengesellschaft und -produktion.
  • Ist das wirklich so? Für die meisten Menschen auf der Welt ist doch weiterhin der nächste Ort schon eine Weltreise entfernt.

    Ist das nicht nur die an sich typische Sicht der "Ersten Welt"? Ist nicht sozusagen G8 zuallererst in "uns" Wohlbehüteten und Wohlbegüteterten?

    Wenn ich mal so pädagogisch fragen darf?
  • Tobias am 12.06.2007 09:25
    Der Bedeutungszuwachs von Bildern ist ein Phänomen der Postmodernen, die Postmoderne betrifft in der Tat nur den Westen, also die 1. Welt. Ich lebe in der 1. Welt. Mit ihr setzte ich mich kritisch auseinander. Den pädagogischen Gehalt deiner Frage vermag ich nicht zu erkennen.
  • Florian am 13.06.2007 11:26
    Jetzt sitz ich so da und weiß nicht recht ob und wie ich mich mit einem Kommentar einreihen soll. Vermutlich fühle ich mich bei dem Thema so, daß ich irgendwie ein Level weitergespielt habe in eine Richtung die nicht zwangsläufig vorwärts bedeutet. Ich weiß ja schon lange (auch durch vorgekaute Bilder) daß ich mich eigentlich nicht wahr informieren kann und bin dessen etwas müde geworden. Dass "sich-abwenden zumindest von dem Gesellschaftsspiel, welches einem aufgedrückt wird" wie mein Vor-Kommentator des Artikels geschrieben hat, ist daher auch ein möglicher Weg, den ich in Betracht ziehe und der meinem Denken oft nahe kommt. Sich abwenden und etwas anderes tun, wie ein Kind im Sandkasten, wenn die Plastikförmchen nicht mehr den rechten "Kick" geben. Dennoch ist es absolut wichtig, daß die unterschiedlichen Sicht- und Betrachtungsweisen existieren und zu einem besseren Informationsbild führen - und wenn ich Lust auf Information bekomme, kann ich ja ganz gezielt mein Weltbild zusammensuchen. Zum Glück leb ich nicht im zensierten China und ich entscheide vermeintlich selbst, was, wann und wieviel ich wissen will. Wie schön!

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