• Der letzte Rave, die Börse und das Adlon

    Ein Vortrag über die Börse im Berliner Nobelhotel Adlon. Berliner Gazette-Geschäftsführer Florian Kosak ist dabei, schaut zurück auf seine ersten Erfahrungen mit Aktienspekulation – zwischen Schulbank und Kiffen im Tacheles.

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    Berlin, Anfang diesen Monats im Hotel Adlon: Langer Gang durch die Empfangshalle (im Prinzip ein Salon, in dem die alten Herren saßen und ihre Zigarren rauchten), am Wintergarten vorbei, hin zum Ballsaal. Prunk ohne Ende, allerdings nicht überladen. Menschenauflauf: Als wir ankommen, ist die Veranstaltung schon in vollem Gange. Vom Holzfällerhemdträger bis hin zum Yuppie alles da. Durchschnittsalter 40. Leute mit Kohle. Die oberen 10.000 der Berliner Finanzszene hatten sich versammelt, um Markus Koch zu lauschen.

    Der bekannte Autor („Erfolgsrezepte vom Börsenkoch“, Finanzbuchverlag) und Wallstreet-Korrespondent für ntv, sollte auf Einladung einiger Banken von seinen Ansichten über die Börse erzählen. Alle lauerten auf Insiderwissen, Anlagetipps und einen Update auf die Rezessionssymptome. Was das Ganze aber tatsächlich war: Ein Werbeereignis von zwei führenden Finanzprodukt-Emittenten, bei dem möglichst viele neue Kunden mit rosaroten Präsentationen geworben werden sollten. Eine davon: Die Direkt Anlage Bank aus Österreich (Discount Broking für Profis). Sie verzichtete nicht auf eine kitschige Inszenierung der Wiener-Traditionskultur und erinnerte damit nicht zuletzt an Haider & Konsorten.

    Die Einladung war einige Tage zuvor von der französischen BNP-Paribas ins Haus geflattert. Sie kam mir wie selbstverständlich zu, da ich über diesen Emittenten seit längerem Optionsscheine bezog. Obwohl dieser Nachmittag im Adlon ein bisschen der ansteckenden Stimmung auf einer Pferderennbahn glich, kam ich zum Zocken in einem ausschließlich virtuellen Kontext. Aber im Grunde sehe ich mich ja gar nicht als Zocker.

    Als ich vor gut einem Jahr als 17-jähriger das Vermögen meiner Großmutter sinnvoll einsetzen wollte, ging es mir im Grunde nur darum, mein gesammeltes Wissen anzubringen. Ich hatte bis dahin einige Bücher gelesen und mir eine kaufmännische Alltags-Praxis angeeignet: Verkauf russischer Werbeplakate und Online-Massenversteigerungen von Elektronikramsch bei Ebay. Als ich zum ersten Mal den Gedanken hatte, bei der Börse mitzumischen, war ich Schüler bei der Fachoberschule in Lichtenberg. Berufsvorbereitender Lehrgang: Bürowirtschaft (gähn).

    „Für Bonzen von Bonzen“

    Sieben Uhr an einem x-beliebigen Schultag: Ich sitze vor dem Fernseher und schaue mir auf ntv den Börsenticker an, checke, was am Nikkei in der Nacht passiert ist. Mein Vater, der Künstler, fand dass nur „irritierend“, dass gerade sein Sohn sich mit so was beschäftigen muss. In der Schule bekamen die Lehrer das erst gar nicht mit. Ich brachte meinen ntv-Pager mit, den ich während des Unterrichts pausenlos studierte. Über mein WAP-Handy habe ich dann unauffällig Derivate geordert, sobald die Kurse stimmten. Irgendwann stimmte dann gar nichts mehr. Alles ging nur noch den Bach runter. Doch die Hoffnung blieb. Obwohl monatelang nur Verluste zu verzeichnen waren, hatte ich geglaubt, dass es sich nur um eine Durststrecke handelte. Am „Ende“ standen wir dann ALLE in der Wüste und ich war (m)ein Vermögen los.

    Diese deprimierenden Szenen gingen mir ständig durch den Kopf, als ich zusammen mit meinem Kumpel im Ballsaal des Hotel Adlon saß: Ein Typ in Nadelstreifen versuchte uns gerade einzuordnen. Als er zur Erkenntnis gelangt war, verzog er die Mundwinkel. Hip-Hop-Baggy-Hosen am Leib, XXL-Hemden geschultert und Sneakers an den Sohlen. Man fühlte sich ein bisschen wie im Zoo. Also, aus meiner Sicht waren die anderen im Käfig. Als es dann zum Buffet ging, wartet dann auch mein Kumpel mit seinem einzigen Kommentar an diesem Abend auf: „Für Bonzen von Bonzen.“ Obwohl wir auch wegen des Essens gekommen waren, wollte er nichts zu sich nehmen. Vielleicht, weil die anderen Gäste auch nur gekommen zu sein schienen, um sich die Bäuche vollzuschlagen und ihre Sinne (Unzufriedenheit) mit Alkohol zu betäuben.

    Der Abend endete in vertrauten Gefilden im Tacheles: Beine hoch, Tüte an, etc. Als wir beim Lebens-Philosophie-Chillen waren, kam plötzlich eine Busladung bayerischer Touristen rein, die uns wie Affen im Zoo begafften… Auf unserer Seite zumindest geht das Leben weiter.

     Anm. d. Red.: Das Foto stammt von Fabian E. 


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