• Radikaler Humor

    Titanic wurde 1979 von den Zeichnern, Malern und Autoren Robert Gernhardt, Pit Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F. K Waechter gegruendet mit dem Ziel, die langweilige sozialliberale Koalition abzuloesen und einen titelblattauglicheren Kanzler zu installieren. Das gelang ihr im Jahre 1982, als sich endlich auch in Deutschland eine volksnahe Birne an die Macht putschte; seitdem reifte Kohl (3) zum praktisch ewigen Maskottchen der Titanic.

    Ihr Anliegen war und ist die Kritik mit den Mitteln der Komik (Satire, Parodie, Persiflage, Sottise, Polemik u.a.) sowie dem reinen Quatsch und sittlich erhebenden Nonsens. Das Impressum ziert ein Satz Chlodwig Poths: Die endgueltige Teilung Deutschlands, das ist unser Auftrag. Um dies einzuloesen, gruendete die Titanic im Jahr 2005 >Die Partei<; sie kaempft fuer Abschaffung der Armut genauso wie fuer die Neuerrichtung der sogenannten Berliner Mauer. Karikieren heisst ueberspitzen, uebertreiben. Karikaturen, die nicht schmaehen, beleidigen und sonstwie ungerecht sind, sind denmach keine. Folglich war die Debatte um die Mohammed-Karikaturen (4) Unsinn. Das der Aufregung zugrundeliegende Bilderverbot, das es ja in allen Religionen gibt, ruehrt aus Zeiten, als diese Religionen sich gegen die Vielheit der Goetzenbilder durchsetzten, darf uns Heutigen also herzlich schnuppe sein. Titanic liess aber, kraft ihres Komikkritikers Hans Mentz, die Qualitaet der daenischen Zeichungen pruefen und bildete zu diesem Zweck einige ab. Natuerlich thematisierten wir den sogenannten Streit auch im Heft, indem wir die durchgedrehten Islamisten unter unseren Abonnenten daran erinnerten, dass laengst auch alle anderen Weltreligionen Opfer von Karikaturen wurden: Wir zeigten Jesus, wie er auf dem Kreuzweg in Hundescheisse tritt (>Auch das noch!<)¸ eine Klagemauer, die Heul doch sagen kann, und aehnlich Verletzendes. Es war ein Angebot zur Versoehnung, und tatsaechlich ebbte der Trubel dann bald darauf ab.

    Dass es tote Muslime gegeben hat, lag zum Glueck nicht am Mittelmass jener daenischen Karikaturen, sondern an geistiger und moralischer Verkommenheit von Despoten, die gar noch gefaelschte Karikaturen verbreiten liessen, um ihren dummgehaltenen und sich selbst freudig dummhaltenden Untertanen Futter zu geben. Der Streit zeigt symptomatisch zweierlei: dass Satire durchaus etwas bewegen kann und deutsche Medien im Zweifelsfall aber definitiv zu feige waren und also wohl in Zukunft sind, solche Karikaturen in lesbarer Groesse nachzudrucken und damit ihrem Informationsauftrag zu genuegen.

    Dass der Trubel um die Mohammed-Karikaturen ueberhaupt so zerstoererisch wurde, liegt an der Qualitaet religioeser Gefuehle, die darin wahrhaftig den ethnischen vergleichbar sind: Je kleiner das Hirn, desto groesser das Herz fuer derlei Identitaetsunfug. Taeglich werden unsere schoenen Gefuehle milliardenfach verletzt, und keine drohende Todesstrafe auf Besitz und Benutzung tiefergelegter BWMs wird sie je schuetzen. Allein die Aberglaeubigen wissen ihren Wahn staatlich umsorgt. Warum? Weil der Staat halt gleichfalls bloed ist.

    Gegen das Gesetz zum Schutz vor Verletzung religioeser Gefuehle (Paragraph 166) muessen Komiker und Satiriker sich natuerlich wehren duerfen. Aber bitte nur, wenn sie gut sind. Wahrlich, ich sage euch: Seit Jahren platzt etwa das Fernsehen vor Schreckensgestalten, welche die Hut des sogenannten Kunstschutzparagraphen in keiner Weise verdienen und also ruhig mal verhaftet werden sollten, meinetwegen auch von der Inquisition und uebrigens bei voller Achtung jenes Folterverbots, das sie mit ihrer Bloedheit permanent missachten.

    Der Begriff politische Korrektheit ist mir bis heute unklar, aber wenn es etwas ist, das sich Karikaturisten erst zu eigen machen und anschliessend Witze, die sie vorher lustig fanden, nicht mehr zeichnen koennen, ist es offenbar etwas Schlechtes und gehoert schnell wieder abgestreift. Am besten gefallen mir Zeichner, die sich seit je nicht darum scheren, zum Beispiel die rund um Titanic und die Neue Frankfurter Schule. Dass diese aber zu den besten und eigensinnigsten Zeichnern der Welt gehoeren, macht wahrscheinlich, dass ihre politisch korrekten Kollegen nur zu faul zum Ueben und Denken sind.


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