• Kinder als Versuchskaninchen

    Was ich neulich bei meiner taeglichen Weblektuere las, klang zunaechst wie der horrormaessige Plot eines schlechten Science Fiction-Films. Doch leider war an dieser Story nichts fiction: Garfield, ein kleiner New Yorker Junge, ist von Geburt an HIV positiv gewesen und lebte bis vor kurzem unter der Vormundschaft seiner Grossmutter. Aufgrund seiner Erkrankung bekam er Medikamente verschrieben. Diese staerkten ihn aber nicht, sondern bewirkten das Gegenteil. Er wurde immer schwaecher. Seine Grossmutter setzte daraufhin die Essenzen ab, was seinen gesundheitlichen Zustand extrem verbesserte. Diese Handlung war jedoch mit keinem der betreuenden Aerzte abgesprochen. Als sie sich wiederholt weigerte dem Jungen die Arzneien zu verabreichen, stattete die Administration of Children’s Services, kurz ACS, der Familie einen kleinen Besuch ab und entfuehrte Garfield. Das Jugendamt der Stadt New York benoetigt inzwischen keinen Gerichtsbeschluss mehr, um einem Vormund das Sorgerecht zu entziehen. Somit unterliegt jeder gemeldete Fall von einer entdeckten HIV Infektion bei Kleinkindern und Minderjaehrigen der Willkuer grosser Pharmaunternehmen, skrupellosen Medizinern und letztendlich der ACS. Garfield wurde in ein katholisches Kinderheim namens Incarnation Children’s Center eingewiesen. Dieses Heim beherbergt ausschliesslich HIV-infizierte Kinder und fuehrt seit mehreren Jahren Experimente an ihnen durch. Organschaedigende und Muskelschwund verursachende Nebenwirkungen der verabreichten Pharmazeutika sind keine Ausnahmefaelle, sondern an der Tagesordnung und sogar beabsichtigt. Weigern sich die Kinder strikt ihre Medikamente einzunehmen, droht ihnen Zwangsverabreichung per Schlauch. Die meisten von ihnen, überleben diese Behandlung nicht. So erging es auch Garfield. Im Hier und Jetzt.

  • Sprache der Beschleunigung und Vernetzung

    Schreiben wie man spricht. Das ist spontan, eingaengig, das holt den Leser dort ab, wo er ist. In der Tageszeitung kultiviert, in den Blogs adaptiert? Wer sich wie ich jeden Morgen durchklickt, merkt frueher oder spaeter: Hier schreibt kaum jemand wie er sprechen wuerde. So spricht kein Mensch, wie Mensch hier schreibt. Vielmehr laesst sich hier eine Stilisierung des Oralen ausmachen. Es quaekt und bloekt, als haette der Herrgott vergessen in der Krabbelstube den Wecker zu stellen. Konsequenzen so unterschiedlich wie Babysprache und Streetslang. Bezeichnenderweise dort, wo auch anderes drin bzw. zu erwarten waere. Der Gebildete bildet Saetze, die an Nonsense grenzen. Professor Martin Hufner etwa setzt sich innerhalb seines Blogs als Dompteur eines Vokabulars in Szene, das von vermarketicken ueber Schwitzkasten bis hin zu Wiedervereinigungsluft reicht. Hufners linguistische Masse weicht Fragen auf und laesst uns im Dunkeln stehen: Parodiert er Blog-Sprache oder betreibt er poetische Theorie-Praxis, die nicht eindeutig zu erkennen geben will, ob sie aufklaeren moechte oder in erster Linie auf sich selbst bezogene Reflexion ist. Dennoch merken wir: Der ambitionierte Blogger macht das Sprachexperiment zu dem, was seit 1763 durch die Romanuebersetzung des Tristram Shandy von Laurence Sterne als Lieblingsbeschaeftigung gebraeuchlich wurde – zu seinem Steckenpferd. Und sobald das Deutsche bewusst debloggt wird, beginnt es biegsam, dehnbar, ja: geradezu innovativ zu werden. Das erinnert mich an die Anfaenge der Berliner Gazette. Damals, vor mehr als 80 Internetjahren… Das Sprachexperiment fand vor allem in der Kolumne des Mini-Feuilletons im elektronischen Briefformat statt. Das Postskriptum – wie gesagt, der Vorlaeufer des Logbuchs – hatte im Vergleich dazu keinen Ehrgeiz. Der Ehrgeiz bestand aber darin, eine Sprache zu finden, die der Lese- und Schreiboekonomie des Internet entspricht. Es ging um eine neue Aesthetik. Eine Aesthetik der Beschleunigung und Vernetzung, wenn man so will. Heute sind diese Anliegen in den Hintergrund getreten. Die Kolumne ist erwachsen geworden. Um so erfreulicher, dass solche Claims und Fragen nun im Logbuch der Berliner Gazette wieder auftauchen.

  • Charlotte Chronicles.14

    In den USA gibt es die Berufsbezeichnung der >Spin Doctors<, die man auch mit >Sprachverdreher< uebersetzen koennte. Ihre Aufgabe ist es, durch den Einsatz geeigneter Woerter, fuer ihre Auftraggeber kritische Sachverhalte zu verharmlosen oder von unliebsamen Themen abzulenken. Ein bekanntes Beispiel ist der Klimawandel, urpsruenglich >climate change< genannt, der nach Ansicht der US-Regierung nicht existiert und wenn man schon darueber sprechen muss, dann doch bitte unter Verwendung des heimeligen Begriffs >global warming<. Denn: Wer haette es nicht gerne etwas waermer? Diese >Spin Doctors< sind sehr erfolgreich, was die Durchsetzung der von ihnen erfundenen Begriffe angeht, und damit ein aeusserst wichtiger Bestandteil des Politik- und Wirtschaftsgeschehens. Natuerlich wird auch in Deutschland die Sprache zur Verharmlosung, Panikmache oder Ablenkung benutzt. Eine Moeglichkeit dazu ist die Verwendung urspruenglich positiv besetzter Woerter zur Maskierung negativer Sachverhalte, wie es staendig in der Wirtschaft geschieht, wenn Unternehmen eine >Verschlankung< durchfuehren, indem sie Mitarbeiter >sozialvertraeglich freisetzen<. Der gegenteilige Effekt wird durch die Benutzung von Woertern erzielt, die normalerweise im Zusammenhang mit Naturkatastrophen oder Bedrohungen verwendet werden. Zum Beispiel suggeriert der Begriff >Rentnerschwemme< eine Bedrohung des Lebensstandards der uebrigen Bevoelkerung und macht die Rentner als Schuldige fuer Probleme im Sozialsystem aus. Ein Projekt, das sich gegen den gezielten Einsatz von Sprache zum Schueren von Vorurteilen oder der Verschleierung von unliebsamen Entscheidungen richtet, findet sich unter www.umwortung.de.
    In den USA werden in den Medien teilweise monatelang >Kriege um Worte< ausgefochten – aktuell gibt es diverse Auseinandersetzungen zum Gebrauch eines bestimmten Vokabulars bei der Berichterstattung ueber den Irak-Krieg – und es gibt ganze Abteilungen, deren hauptsaechliche Aufgabe in der Durchsetzung bestimmter Begriffe besteht. Trotz aehnlicher Tendenzen hoffe ich, dass in Deutschland nicht ganz so viel Energie in derlei Kanaele gelenkt wird, denn Probleme werden durch diese sprachliche Schaumschlaegerei nicht geloest.

  • Ich will Deutsch lernen!

    Oder hat sie Ich bin Deutschland gesagt? Thomas Ostermeiers neues Stueck >Liebe ist nur eine Moeglichkeit< laesst den Zuschauer mit dieser Frage allein zurueck. Man konnte es nunmal nicht so genau vernehmen. Der Grund: Eine hochgepegelte Geraeuschkulisse gepaart mit der unterentickelten Artikulationsfaehigkeit der Protagonistin. Sie: Graziella, Ende 20, gerade frisch eingeflogen aus den Philippinen, vermittelt an Bernhard, der sie in irgendeinem Kuppler-Katalog fuer sich entdeckte. Liebe auf den ersten Blick, wird er spaeter seinen misstrauischen Kollegen und Freunden erklaeren. Dennoch Schwierigkeiten miteinander zu kommunizieren. Sprachlosigkeit gar. Im schwarzen Loch der Verstaendigung gefangen, befreien sich die Figuren umgehend, in dem sie traumwandlerisch in konventionelle Rollenverhaeltnisse zurueckfallen. Wo auf sprachlicher Ebene der gemeinsame Nenner fehlt, da stellt er sich auf habituell-sozialer Ebene ein. Gespenstisch. Wie auch die vielen Momente eingefrorener Bewegung auf der Buehne: Stillleben mit Menschen. Tableaux Vivantes. Edward Hopper trifft David Lynch. Und dann wieder hocherhitzte Interaktion, bis hin zum spastisch-moschenden Hirnverlust. Oder wissen sie noch, was sie da tun, wenn sie wie neurotische Anfaenger versuchen Heavy-Metal-Sound in Koerperbewegungen zu uebersetzen? Dezentrierte Choregraphie, Intervall-Theater, Dramaturgie, die atmet und bisweilen kaum noch Luft bekommt. Am Ende bleibt die Frage: Will die Filipino-Braut Deutsch lernen oder Deutschland sein? Rechtmaessig erscheint beides.

  • Schilderdeutsch

    In Berlin lauern sie an jeder Ecke: Tafeln, Banner und Leuchtreklamen. Vor allem die Reklame fuer Schnellimbisse und Restaurants setzt sich immer gefraessiger im Stadtraum durch. Oft sind diese hungrigen Blickfaenger jedoch kleine Oasen im eher grauen deutschen Schilderwald. Ich meine Einbahnstrasse und Stop hauen einen ja nun wirklich nicht vom Hocker. Aber die Tafeln von Doenerbuden und Gaststaetten ueberraschen mich immer wieder mit eigenwilligen Interpretationen der deutschen Sprache. Bei uns in der Schoenhauser Allee gibt es ein italienisches Restaurant, das ziemlich chic aussieht. Jeden Tag steht vor dieser Lokalitaet eine Tafel mit den Tagesangeboten. Letzte Woche gab es zweifarbig gefuehlte Maultaschen – ein poetisches Gericht! Und gestern dann Nudeln mit Gemuese und Kroetersauce. Mmmh, Kroetersauce… Fand ich dann aber doch ein bisschen abschreckend, zumindest die Vorstellung von Sauce, die aus Kroeten gewonnen wird. Kastanienallee Ecke Schoenhauser gibt es ein recht beliebtes Lokal mit indischen Speisen. Die bieten Sheks, Begs und Mango-Lassi an. Ich musste schon Recherchen anstellen, um herauszufinden, was Sheks und Begs sind. Aber logo: Shakes und Becks. Und zwei Haeuser weiter, beim Kebab-Center gibt es >Chickendoener mit Huehnfleisch<. Und so weiter und so fort. Berlin ist eine internationale Stadt und deswegen ist es auch okay, dass hier so etwas wie ein internationales Deutsch entsteht. Von Verlotterung keine Spur. Eher: Deutsch als Open Source. Den Quellcode kann jeder erweitern, abhaengig davon wie viel Zeit man hat und welches Interesse. Schilderdeutsch zeigt jedenfalls in welche Richtung das gehen kann.

  • Ein Blog, das kein Blog sein wollte

    Die Berliner Gazette betreibt seit vier Jahren ein Logbuch. Es ist im deutschen Sprachraum das erste redaktionell betreute Blog, das allerdings niemals ein Blog sein wollte und auch heute kein Blog sein will. Krystian Woznicki erklärt warum. weiterlesen »

  • Die Abfahrt

    Oefters bin ich nun schon in der deutschen Hauptstadt gewesen. Besuchte dort Familie oder Freunde und benutzte dabei jedes Mal die oeffentlichen Verkehrsmittel. Doch diesmal war alles anders. Ich war als Schueler mit meinem Franzoesisch-Kurs da und wir erkundeten das Hugenottenmuseum und die Galeries Lafayette. Nach dem Besuch im Kaufhaus nahmen wir zu fuenft die U-Bahn bis zur Friedrichstrasse. Wir zogen kein Ticket sondern stiegen in der Annahme ein: Auf solch kurzer Strecke werden wir ja wohl nicht kontrolliert. Und genau dann passiert es, wenn man sich einmal keines loest. Die Tueren schlossen sich und der Zug setzte sich in Bewegung. Auf einmal stand sie da, die Frau Kontrolleurin. Den Dienstausweis zeigend kam sie auf uns zu. Geschockt zog ich mein Portemonnaie, um Zeit zu gewinnen. Sie drehte sich um und sprach mit einem anderen Fahrgast. Aus ihrem Gespraech konnte ich entnehmen, dass er auch Schwarzfahrer war. Ich drueckte den einen meiner Freunde zur naechsten Tuer und wir schlichen uns klammheimlich davon, waehrend sie die anderen Fahrgaeste abfertigte. Der Zug erreicht die Friedrichstrasse und wir quetschen uns aus dem ueberfuellten Waggon – geschafft. Vorbei an den Massen von Menschen draengelten wir uns ans Tageslicht, waehrend der Zug seine Fahrt fortsetzte. Meine Erkenntnis: Schwarzfahren lohnt sich also doch, naemlich dann, wenn man den leichten Kick spuert und nicht erwischt wird. Ich hoffe, das hier liest kein BVG-Kontrolleur.

  • Mobilitaet des Kunstwerks

    Dass der Einfluss der Globalisierung nicht nur unsere Lebensmodi beruehrt und veraendert, sondern sich auch im Wesen des Kunstmarktes niederschlaegt, ist allgemein bekannt. Nach dem Motto Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin gehen seit einiger Zeit auch Bilder, ja sogar ganze Sammlungen auf Reisen quer durch die Welt. So sollte man sich bei speziellem Interesse also vorher genau erkundigen, ob sich das ersehnte Kunstwerk auch dort befindet, wo es eigentlich beheimatet ist. Juengstes Beispiel: Die Solomon R. Guggenheim Foundation New York. Derzeit, bis 7. Januar 2007, in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn zu Gast. 200 Bilder und Plastiken von der Klassischen Moderne ueber Rothko ueber Warhol bis Rosenquist und Serra koennen dort betrachtet werden. Solomon R. Guggenheim hatte 1937 mit Hilfe von Hilla Rebay die Stiftung zur Foerderung des oeffentlichen Verstaendnisses fuer moderne Kunst ins Leben gerufen. Die Mobilitaet des Kunstwerks – momentan eroeffnet sie die grossartige Gelegenheit, beispielsweise den Maiastra von Brancusi oder eins der Frauenportraits von Modigliani im Original kennen zu lernen.

  • Chinesisch, Japanisch – alles das Gleiche

    Ich bin ein unabhaengiger Filmemacher, Autor und Produzent, der sich in Mexiko-Stadt, dem Distrito Federal , niedergelassen hat. Ich lebe in der Innenstadt, und zwar in einer Gegend, die Zona Rosa genannt wird. weiterlesen »