• Woerterbuch ins Paradies

    Barranquilla, die Stadt in der ich lebe, ist die viertgroesste Stadt Kolumbiens und hat ungefaehr zwei Millionen Einwohner. Sie ist sechzehn Stunden mit dem Bus und eine Stunde mit dem Flugzeug von der Hauptstadt Bogota entfernt, liegt an der Kueste und ist sehr bekannt fuer ihren Karneval. Hier arbeite ich hauptberuflich als Deutschlehrerin. Meine Leidenschaft ist allerdings der Tanz. Ich tanze seit acht Jahren, zuerst Folklore, mittlerweile nur noch Ballett. weiterlesen »

  • Mehr Geld fuer die richtige Sprache

    Mit dem Goethe-Institut hat sich die Bundesrepublik Deutschland viel Ansehen in der Welt erworben. 129 Zweigstellen in 80 Laendern sind beauftragt, die Kenntnis der deutschen Sprache zu foerdern und ein umfassendes, zeitgemaesses Deutschlandbild zu vermitteln. Doch die erwuenschte Staatsferne des Instituts hat im Laufe der Zeit auch mancher Deutschland-Verdrossenheit Vorschub geleistet. Deutschland? Das wollten manche Institutsleiter in fernen Laendern nicht mehr vertreten muessen und seine Sprache nicht mehr sprechen. Finanziell arg gerupft wurde das Goethe-Institut in den vergangenen Jahren. Damit soll jetzt Schluss sein. Doch das Auswaertige Amt gibt nicht einfach mehr Geld. Die Rueckkehr zu den Kernaufgaben des Goethe-Instituts wird gefordert. Deutsche Sprache und Identitaet, so in schoenster Uebereinstimmung Peter Gauweiler (CSU) und Monika Griefahn (SPD) als Verfasser einer entsprechenden Bundestagsvorlage, werden draussen nachgefragt. Europas Staerke ist seine Vielfalt – was im Umkehrschluss bedeutet, die eigene Besonderheit zu betonen und zu vermitteln. Spracherwerb ist eine unabdingbare Grundlage fuer lang anhaltende gute Beziehungen, zwischen Menschen wie zwischen Staaten, zumal inmitten des rasanten globalen Wandels. Nur gut, wenn sich das Goethe-Institut darauf besinnt, wer sein Namenspatron ist: einer der groessten Dichter und Denker deutscher Sprache.

  • Buenos Aires spricht Deutsch

    Ich lebe und arbeite in Buenos Aires, der Hauptstadt von Argentinien, wo ich geboren bin. Buenos Aires ist eine Grossstadt mit allen Bequemlichkeiten und den ueblichen Risiken. Hier herrscht ein angenehmes Klima, es gibt eine ordentliche Infrastruktur und intensiven Vehikelverkehr. weiterlesen »

  • Schwarzfahren im pluralen Europa

    Dienstagmorgen in Freiburg: Guter Dinge besteige ich den Zug in Richtung Schweiz, denn heute ist wieder Baseltag. Dank des Eucor-Projekts der Europaeischen Konfoederation der Oberrheinischen Universitaeten kann ich naemlich auch dort an der Uni problemlos Scheine erwerben. Waehrend ich an der Station Basel Badischer Bahnhof noch daran erinnert werde, gueltige Grenzuebergangspapiere mit mir zu fuehren, und spaetestens beim Kauf der begehrten Schweizer Schokolade die Verkaeuferin auf Schweizer Franken besteht, herrscht sprachlich ein buntes Mit- und Durcheinander auf den Strassen: Franzoesisch, Schwizer-Duetsch und ein paar Brocken Italienisch tummeln sich in den Ohren.

    Auf kleinstem Raum also das, womit sich Europa (oder soll man sagen: die EU?), so eifrig beschaeftigt: Sprachenvielfalt. Oder ­ was im Uebrigen immer gilt und immer richtig klingt: Einheit in Vielfalt. Die Uni Basel ist eine der 19 europaeischen Universitaeten, die an dem Forschungsprojekt Dylan arbeiten. Das Motto: Language dynamics and management of diversity. Ziel des Unterfangens ist eine Analyse der sprachlichen Pluralitaet Europas, die von Indogermanisch ueber Turksprachen bis hin zu Dravida reicht.

    Dabei stellt sich die Frage, ob die Sprachenvielfalt eher eine Chance oder ein Hindernis fuer den Kontinent ist. Als ich bei der Rueckkehr wieder am Grenzuebergang bin, merke ich einmal mehr, dass das Nebeneinander keinesfalls ein mueheloses Fliessen ist. Sprachen verbinden zwar, aber die Verbindung kennt Grenzen. Bei einer Zugfahrt durch das plurale Europa ist das fuer gewoehnlich anders. Morgen ist wieder Dienstag, in der Fruehe steige ich wieder ein.

  • Auch Du bist Europa

    Wenn ein Mensch die Mitte seines Lebens erreicht, kommt es haeufig dazu, dass er anfaengt dieses kritisch zu ueberdenken und gefuehlsmaessig infrage zu stellen. Manchmal weitet sich das Ganze zu einer regelrechten Identitaetskrise aus. In der modernen Industriegesellschaft ist fuer diese Lebensphase der Begriff Midlife-Crisis gepraegt worden. Wenn die Europaeische Union ein Mensch aus Fleisch und Blut waere und man ihren Geburtstag irgendwann nach dem zweiten Weltkrieg datieren wuerde, dann erreichte sie diese Phase vermutlich genau jetzt. Und es scheint in der Tat so zu sein, dass die EU gerade in einer handfesten Identitaetskrise steckt. Jedenfalls ergab sich dieses Bild, wenn man letzten Sonntag die Abschlusstagung der Berliner Konferenz in der Akademie der Kuenste besuchte. Dort trafen Politiker und Intellektuelle aufeinander um >Europa eine Seele zu geben<. Doch genau mit diesem Anspruch fangen die Probleme auch schon an: Wie soll diese Seele eigentlich aussehen? Was macht Europa und die europaeische Union aus? Was ist die Identitaet der Europaeischen Union? Sprache funktioniert in diesem Zusammenhang immer ganz gut als identitaetsstiftendes Moment, aber eine gemeinsame Sprache gibt es in der EU nicht. Dann gibt es Religion: noch komplizierter. Geografische Grenzen? Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Gemeinsame Werte? Auch keine wirklich gute Idee. Ich schlage vor: Pluralitaet. Das, was wir in der EU alle gemeinsam haben, ist, dass wir alle verschieden sind. Egal ob Deutsch-Tuerke oder Italo-Vietnamese – du kannst Europaeer sein. So stell ich mir mein Europa vor. Midlife-Crisis hin oder her.

  • In Neukoelln dampft’s an allen Ecken

    Am Mittwoch war ich beim Quartiersmanagement, gleich im Erdgeschoss unseres Hauses. Ich wollte meinem Aerger Luft machen. Der Aerger war eigentlich schon Wut. Ich bin nicht leicht aus der Fassung zu bringen, dies entspricht nicht meinem Naturell. Aber auf Hundescheisse reagiere ich allergisch. Dreimal bin ich seit meinem Einzug Anfang November schon reingetreten und bis zum Monatsende sind es noch einige Tage. Die Frau vom Quartiersmanagement empfing mich mit warmen Worten. Sie sind neu hier? Herzlich willkommen in unserem Haus! Na prima, dachte ich, jetzt kann ich nicht einmal die Zicke raushaengen lassen. Mit ihrem eigenen Koeter geht sie sicherlich nicht in Neukoelln – Berlins neuem In-Viertel – Gassi. Sie gehoert zu den Guten. Eine Stelle beim Quartiersmanagement ist der Traum eines jeden Stadtsoziologen. Menschen zusammenzufuehren, Buerger zu ermutigen, Verantwortung fuer ihren Kiez zu uebernehmen. Ein schwieriges Geschaeft, vielleicht ein Kampf gegen Windmuehlen. Die Frau gab sich dann auch gelassen. Das Thema sei nicht neu, es haetten sich schon einige wehrhafte Hausbesitzer und Anwohner zusammengeschlossen, um Aufklaerung in Sachen Hundekot zu betreiben. Wollen Sie sich auch engagieren? Dankend lehnte ich ab. Ich recherchiere in dieser Sache, ich moechte darueber berichten. Ihre Miene verfinsterte sich schlagartig. Aufgeregt meinte sie: Schreiben Sie bloss nicht, dass Neukoelln an Hundekacke erstickt – wir tun so viel fuer die Aufwertung des Stadtteils… Als Beweis drueckte sie mir ein gelbes Faltblatt in die Hand. Hundehalter und Menschen ohne Hunde koennen friedlich miteinander leben, wenn sie ihre Beduerfnisse gegenseitig respektieren und aufeinander Ruecksicht nehmen. Versoehnlicher gestimmt, beschloss ich, das Thema fallen zu lassen. Zurueck im Hausflur stieg mir einmal mehr dieser bestialische Gestank in die Nase. Willkommen zu Hause! SCHEISSE.

  • Die Eloquenz leerer Sprechblasen

    Was haben Mifanwy Kaiser, Sabrina, 19, aus Vorarlbgerg, eine Initiative gegen Tierleid sowie ein Dolmetscher- und Uebersetzungsbuero aus Muenster gemeinsam? Werter Leser, Sie waren eben nur einen Mausklick entfernt von der Antwort. Die da lautet: Sie duenken sich sprachlos. Doch sie sind nicht allein: Hollywood liess in >Speechless< die Protagonisten Reden fuer konkurrierende Politiker schreiben, eine Pop-Band rockt seit sechs Jahren sprachlos durch die Republik (>Musik, die Baende spricht<) und 3Sat weiss zu berichten: Mehr als zehn Prozent der Kinder sind sprachgestoert. Zeit fuer eine Zigarette, deutet mir Peter Glaser in seiner Email von vorgestern an. Der Mann, der grenzuebergreifend fuer seine Texte geschaetzt wird, schickte mir ein Bild: ddr_zigaretten.jpg. Orangefarbene Streifen, drei an der Zahl wie bei Adidas, horizontal plaziert, von einem braunen Quadrat, das ein organenes Z einfasst, wie von einer Guertelschnalle ueberlagert. Drunter, und Sie merken, dass das Bild, das ich beschreibe nur eine Zigarettenschachtel sein kann, drunter ist da ein blaues Rechteck durchzogen von einer braunen Linie, die sich anschickt und wendet wie eine stolzierende Irrgartenmauer. In der untersten Zeile trockene Info zum Content: 20 Stueck HSL 1873360 EVP 2,40 M. In der Mitte des blauen Rechtsecks, umgeben von der braunen Irrgartenmauer prangt es in weisser Schrift: SPRACHLOS. Aber warum beschreibe ich das Ganze so umstaendlich, wenn ich auch einfach ein im Netz archiviertes Bild sprechen lassen koennte? Nun daemmert es auch mir: Das Bild, das Guru Glaser mir schickte, es koennte gar eine Anspielung auf unser McDeutsch-Projekt sein. Ohne Worte sozusagen.

  • Charlotte Chronicles.17

    Wenn man sich in einer fremden Sprache unterhaelt, ist man zwangslaeufig den damit einhergehenden Limitierungen seiner Ausdrucksweise unterworfen. Einer der bestimmenden Faktoren fuer die Moeglichkeiten, sich in jedweder Sprache (die eigene Muttersprache eingeschlossen) auszudruecken, ist der Wortschatz. Ich habe, ebenso wie einige andere Auslaender hier, zur Erweiterung meines englischen Wortschatzes, einen Dienst abonniert, durch den ich taeglich eine E-Mail mit der Erlaeuterung eines nicht so gebraeuchlichen englischen Wortes erhalte. Doch auch Amerikanern wird eine ueber das Alltagsvokabular hinausgehende Beherrschung ihrer Sprache empfohlen, wenn sie als Absolventen einer >Ivy League<-Universitaet durchgehen wollen. In normalen Alltagsgespraechen kommt man hingegen mit einem erstaunlich geringen aktiv verwendeten Wortschatz zurecht. Schaetzungen fuer die deutsche Sprache gehen davon aus, dass ohne Einbeziehung eines spezifischen themenbezogenen Vokabulars 400 bis 800 Woerter fuer die meisten Gespraeche ausreichen und neuere Kommunikationsformen wie Chats oder SMS sogar mit 100 bis 200 Woertern auskommen. Um sich als Redner eloquent auszudruecken ist allerdings ein Wortschatz von 4.000 bis 10.000 Woertern notwendig. Aehnliches spiegelt sich auch in der von der Presse verwendeten Sprache wider: Sie bewegt sich zwischen 400 (Boulevard) und 5.000 (Feuilleton) verschiedenen Woertern. Zum Vergleich: Im Duden werden etwa 120.000 Stichwoerter aufgefuehrt.
    Die Universitaet Leipzig betreibt ein >Wortschatz-Projekt<, bei dem fuer diverse Sprachen neben der Bedeutung eines Wortes auch seine Verwendung untersucht wird. So werden neben Synonymen auch typische linke oder rechte >Nachbarn< des entsprechenden Wortes angegeben. Beim Suchbegriff >Meckern< erfaehrt man, dass ein haeufiger >rechter Nachbar< in der deutschen Sprache das Wort >Benzinpreis< ist. Damit befinden wir uns schon wieder im prallen Leben und haben gleich zwei der 400 Woerter, die zum Verstaendnis der BILD-Zeitung notwendig sind, gefunden.

  • In Vergessenheit geraten

    Ich will mich mal so ein bisschen an meiner Biographie entlang hangeln: In Karlsbad geboren, als 3jaehriger nach Bayern gekommen – da hat man schon gleich mit drei Sprachen zu tun. Hochdeutsch, Tschechisch, Bairisch. Tschechisch konnte ich nur ein paar Brocken ueber meine Eltern (und auch nicht die vornehmsten Woerter), Bairisch lernte ich wohl oder uebel, und dann gerne fuer mein Umfeld, und Hochdeutsch mit bairischem Akzent war die Ueberlebenssprache. Dann kamen im Humanistischen Gymnasium die toten Sprachen hinzu, und schliesslich zum obligatorischen Englisch ein reichhaltiges Angebot an Wahlfach-Sprachen (Italienisch, Franzoesisch, Russisch), die ich anlernte (und nie auslernte). Mit den Sprachen nimmt man ja auch mehr oder weniger von der Kultur eines Sprachraums mit. weiterlesen »