• Nur keine Axt haben

    Im alten Babylon hatte bekanntlich jedes Haus seinen eigenen Gott, und irgendwie fuehlt man sich nach einem Umzug ja sowieso immer wie im Exil, daher war es nur passend, dass mein neues Domizil (Mietshaus in der Soldiner, falls mal jemand besuchen kommen will) zwar keinen -gott, aber einen Hauspsycho hatte, der schon in der zweiten Nacht um eins die Wohnungstuer eines angefehdeten Nachbarns mit einer kleinen Axt einschlug, um anschliessend einem unschuldigen, nur zufaellig Heimkehrenden dann ganz unverbindlich ‚einen O-Saft hinten bei mir‘ anzubieten.

    Der Stand-Up-Comedian Patton Oswalt hat diese Nummer ueber jene Momente im Leben, denen wir retrospektiv grosse Ironie zuweisen – ein 9-jaehriger Paul McCartney sieht eine Gitarre im Schaufenster? Wie ironisch, wo er doch spaeter Mitglied der Beatles sein wird, deren Gesamtkatalog noch spaeter exzellent remastert fuer zu viel Geld verkauft werden wird – und sagt, dass jeder von uns diese Momente hat. Man hofft halt, dass es ein guter ist – von einem Maedchen nett angelaechelt werden – und kein schlechter: Wie ironisch das alles ist, wo er doch spaeter mit einer Axt erschlagen und in einem Bottich Punica-Phosphorsaeure aufgeloest worden ist.

    Jedenfalls, vor einem Jahr hat sich noch niemand fuer meinen Jahresrueckblick interessiert – tut heute ebenfalls niemand, aber man wird wenigstens gefragt, auch ganz nett. Jene Nachricht zur Anmeldung fuer den Crashkurs Online-Medien der Berliner Gazette gehoert zweifelsohne zu jenen bereits beschriebenen Momenten, zusammen mit einer ganzen Reihe von anderen, denn 2009 war fuer mich definitiv das Jahr der E-Mail. Viel Schoenes und Gutes begann mit dem mutigen Druecken des Senden-Buttons; viel, fuer das ich (auch auf die Gefahr hin, vom ‚corny!‘-Seil zu fallen) unendlich dankbar bin. Also. 2010 werde ich mir wohl ein Friendster-Profil zulegen muessen.

    Meine Top of the Pops 2009:

    Kino
    The Man From London (Béla Tarr)
    Das Weisse Band (Michael Haneke)
    Rachel Getting Married (Jonathan Demme)
    Inglourious Basterds (Quentin Tarantino)
    Il Divo (Paolo Sorrentino)
    “Sollte eigentlich auch drauf sein”-Sonderplatz: Los Abrazos Rotos (Pedro Almodóvar)
    “Waere drauf, wenn es die Vorlage nicht gaebe“-Sonderplatz: Watchmen (Zack Snyder)

    Roman
    American Pastoral (Philip Roth)
    The Bell Jar (Sylvia Plath)
    Motherless Brooklyn (Jonathan Lethem)
    The Plot Against America (Philip Roth)
    The Yiddish Policemen’s Union (Michael Chabon)

    Serie
    Curb Your Enthusiasm
    Community
    30 Rock
    Eastbound & Down
    The Office

    Album
    One Night Stand! (Sam Cooke)
    Fun House (The Stooges)
    The Undisputed Truth (Brother Ali)
    I’m Wide Awake, It’s Morning (Bright Eyes)
    There’s A Riot Goin’ On (Sly & the Family Stone)

    Douchebag
    Morrissey
    Florian Graf Henckel von Donnersmarck
    Kai Diekmann
    Seth MacFarlane
    Jeff Dunham
    Christian Ihle
    „Einmal Pius reicht wohl nicht“-Sonderplatz: Papst Benedikt XVI.
    „Welches Interview habt ihr eigentlich gelesen“-Sonderplatz: Thilo Sarrazin


1 Kommentar zu Nur keine Axt haben

  • Joerg Offer am 29.12.2009 17:06
    Achja, wollte dir meine unmaßgebliche Meinung ja noch nachreichen: Habe die "Basterds" mittlerweile gesehen und fand ihn, leider wie erwartet, nur sporadisch eher teilzeit lustig, so auf 400€ Basis, Brad Pitt entsetzlich flach, wie immer wenn er lustig sein soll, Christoph Waltz war ganz ok. Summa Summarum innnerhalb meines bescheidenen Hedonismus-Universums: Total unwichtiger Blödsinn!

Kommentar hinterlassen