• Neues Rebellentum?

    Kurz vor Jahresschluss gab es einen bemerkenswerten Artikel von Michael Pilz in der WELT zu lesen. Darin liess der Popjournalist sich zu der steilen These hinreissen, dass „dank der Finanzkrise“ sich Pop bald wieder auf seine Wurzeln besinnen und jugendlichen Biss zeigen wuerde.

    Wie er darauf kommen kann, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Alle Bands, die derzeit im gehobenen Pop-Business angesagt sind, ob Coldplay, die Pop-Player des Jahres oder The Killers, denen es gelang, den Popsong des Jahres Human zu kreieren, ob U2 oder Franz Ferdinand, die beide in ein paar Wochen ihre beiden neuen Scheiben herausbringen werden, widersprechen diesem Bild.

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    Sie stammen alle aus der Mittelschicht, sind verwoehnte und von den Schattenseiten der Welt verschont gebliebene Aufsteiger. Spaetestens mit den Strokes hat sich die Legende erledigt, dass Pop, Rock oder Punk etwas mit Outsidertum, Unterklasse oder Marginalisierung zu tun hat. Pop, wenn es denn jemals ueberhaupt diesem Bild des Dissenten, Sperrigen, Widerstaendigen entsprochen hat, ist einfach ein Geschaeft, das derzeit zwar etwas daniederliegt, aber immer noch fette Pfruende dem liefert, der es versteht. Pilzens Beweisfuehrung ist denn auch etwas aermlich. Er muss auf so randstaendige Figuren wie Deichkind oder den einen oder anderen Rapper verweisen, als ob die irgendwie stilpraegend waeren oder es werden koennten.

    Doch bereits Bushido und Sido, die bad men der Szene sind in der Mitte laengst angekommen und geniessen es, in ihrer Villa zu hausen und zu ueberlegen, mit welchem Sportwagen sie heute zum Picknicken fahren koennen. Am konsequentesten sind wohl Coldplay im Vermarkten des radical chic. Sie tarnen sich und spielen noch richtig postmodern mit den Insignien der Revolution. Sie schreiben modisch fort, was einst mit Punk und Vivien Westwood begann. Auf Anzuege und T-Shirts sind die Abzeichen der Revolution und das Blut der Revolutionaere aufgesprayt.


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