• Netzeitung.de: „Die Information in dieser Ueberschrift wird sich im Text nicht wiederholen.“

    Journalismus im Netz? Netzeitung.de nimmt die Losung beim Wort. Es ist das erste gross angelegte Online-Only-Medium in Deutschland, das die Idee der Zeitung im Internet verwirklichen will. Anne Schreiber hat die Berliner Redaktionszentrale besucht.

    Dies ist kein gewoehnlicher Text. Dies ist ein E-Text. Was das bedeutet? Nun, in dieser Glosse sollte ich auf den gemuetlichen Plauderton einer Kolumne wohl verzichten. Spaetestens in den naechsten Saetzen sollte sich das Tempo also ein wenig beschleunigen. Wenngleich ich nicht viel ueber Sie, den Leser, weiss, so muss ich mir ueber Eines wohl im Klaren sein: Sie haben nicht viel Zeit, denn wir sind im Internet. Sie und ich. Und da geht es zum einen um kilobyteweise Informationen, die in Textformate gebracht werden muessen. Und das ist mein Handwerk. Das Scrollen ueber Textbahnen, das Selektieren zwischen neu eintreffenden Meldungen, das Collagieren des Artikels. Ediert von XY. Der Autor tut nichts zur Sache. Eventuell gibt es mich gar nicht. Die Ihnen Nachrichten verpackt. Leicht verdaulich wie ein Reiskloss. Oder fluessig wie eine Dauerinfusion.

    Da geht es zum anderen aber auch um den Gehalt eines Texts, der inmitten einer stetig sich wandelnden Menge an neuen Daten wiederholt abgedatet und koordiniert werden muss. Und da sollte man zwischen einem Reisknoedel und einer Infusion unterscheiden. Bei einer Infusion kann man schlecht ueber den Geschmack oder die Qualitaet dessen urteilen, was ausgehend von der Ellenbeuge in die Blutbahnen meines Koerpers stroemt. Und in dieser Position sitzen Sie. Traditionell auch Empfaenger genannt.

    Wir sind zu Besuch bei der ersten Tageszeitung, die ausschliesslich im Netz zu finden ist. Treffend Netzeitung genannt. Der Redakteur Perikles Monioudis fuehrt uns durch die neuen Raeume der Redaktion nahe der Friedrichstrasse. Vor der langgezogenen Fensterfront des grossen Bueroraums, in dem alle Journalisten gemeinsam vor ihren Rechnern arbeiten, ruckelt die S-Bahn vorbei. Die Athmosphaere ist aufgelockert, man duzt sich. Es ist es egal, an welchem Tisch man sitzt. Hauptsache, der Strom der Meldungen aus der Nachrichtenagentur bricht nicht ab. Und, besonders, die Entfernung zum Rechner und damit zum Leser ist nicht allzu weit. Schliesslich ist es die Aktualitaet der elektronischen Nachrichten, durch die die Netzeitung zum Konkurrent der am Kiosk erhaeltlichen Zeitungen werden kann. Aber auch zum Verhaengnis. Wenn allein der Ticker diktiert.

    Nahe der Redaktion befindet sich der Friedrichstadtpalast, ebenso die grossen Theater. Wie feuilletonistische Inhalte, die eher dem Rhythmus eines vergessenen Nachmittages im Café entsprechen, in das schnelllebige und stuendlich abgedatete Format einer Internetzeitung passen, gehoert zu den Fragen, die einem durch den Kopf gehen. Michael Maier, Chefredakteur der Netzeitung, geht diese Frage auch durch den Kopf. Wir sitzen in seinem glaesernen Buero, rechte Hand die selektierenden Journalisten. Die Netzeitung konzentriert sich auf Tatsachen und Nachrichten aus Wirtschaft und Politik. Ob da eine Rezension einer Premiere im Deutschen Theater Sinn macht, bezweifelt Maier. Die kulturellen Inhalte muessen sich dem Medium anpassen. Es geht ihm um antzipierenden Journalismus, der Entwicklungen nicht nacherzaehlt, sondern vorwegnimmt.

    Tage nach dem Besuch erscheint ein Kommentar in einer groesseren Tageszeitung in Print: Vielleicht entspricht der Onlinejournalismus auch einfach einem Besuch im Casino. In jedem Fall schmiegen sich journalistische Inhalte auf der Homepage eines grossen Wochenmagazins neuerdings nicht mehr dicht an dicht mit Buttons, die zum Online-Einkauf verfuehren. Gefuerchtet wurde die Naehe zum E-Commerce. Offen bleibt also die Frage, die selbst dem Neuen Markt inmitten seiner bewegten Boersenkonjunktur einmal kam: Wie werde ich begehrt, beruehmt und – dann doch – reich? Ich – Entschuldigen Sie, das ist ein Fehler. Schliesslich steht das Ich hier fuer eine Zeitung. Das Ich des Journalisten hingegen, und das heisst seine Identitaet und Arbeit, haengt von einem anderen bereits genannten Faktor ab, das Verschwinden des Autors. Der Verfluessigung seiner Rechte. Und der Leser? Stichwort Interaktivitaet. Diskutieren Sie mit uns!


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