• Mexikanisches Kreuzwortraetsel

    Es gibt ja viele verschiedene Formen des Uebersetzens. Ich persoenlich dolmetsche viel, weil ich davon ueberzeugt bin, dass heutzutage Loesungen fuer dringende Probleme der Welt nur international, im kultur- und nationenuebergreifenden Kontext, entwickelt werden koennen. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, in Suedfrankreich, und habe deshalb schon von Kindesbeinen an automatisch im Kopf uebersetzt.

    Waehrend es beim Dolmetschen um die moeglichst schnelle, spontane Uebertragung eines Gedankens in die andere Sprachwelt und Kultur geht, wobei moeglichst auch der Tonfall des Sprechers mit getroffen werden sollte, ist literarisches Uebersetzen per se eine langsame Arbeit. Das ist ein Aspekt, der mir an dieser Arbeit besonders gefaellt, in einer Welt, in der ansonsten alles immer hektischer wird. Es geht darum, sich den Gedanken des Autors auf der Zunge zergehen zu lassen, ihn in sich eindringen zu lassen, um dann eine Entsprechung zu finden, die moeglichst viele Aspekte des literarischen Ausdrucks trifft.

    Ich uebersetze vor allem Romane des Mexikaners Paco Ignacio Taibo II. Er war auch mein Einstieg ins literarische Uebersetzen. Wir haben uns Mitte der 1990er Jahre bei einer Lesereise in Berlin kennen gelernt, da habe ich eine seiner Lesungen des Romans Vier Haende gedolmetscht. Es war eine grossartige Lesung. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Paco ist ein verrueckter Kerl, der Kette raucht, Coca Cola-suechtig ist, und ansonsten sehr offen und spontan – und es gab an diesem Abend eine ganz besondere Energie, die zwischen uns floss. Ich konnte sehr gut mit ihm mitgehen, mit seinen Stimmungen, mit seinen Bildern, es war eine Art spontanen Gleichklangs, die da zwischen uns entstanden war. Das Publikum hat das deutlich gespuert; noch nie und nie wieder habe ich so viel Lob fuer eine Dolmetschleistung bekommen. Die Verleger waren anwesend und haben beschlossen, mich zu bitten, den naechsten Taibo-Roman in ihrem Programm zu uebersetzen. So fing alles an.

    Nun hat Paco Ignacio Taibo II einen neuen Roman geschrieben, dieses Mal gemeinsam mit dem Subcomandante Marcos, was in vielerlei Hinsicht etwas ganz besonderes ist – nicht zuletzt fuer mich als Uebersetzerin.

    Subcomandante Marcos ist als Autor insofern ganz praktisch eine Besonderheit, weil er nicht zur Verfuegung steht, um als Uebersetzerin mit ihm schwierige oder zweideutige Passagen zu klaeren. Marcos als Guerillafuehrer taucht immer nur dann in der Oeffentlichkeit auf, wenn er es will, und ist ansonsten nicht zu erreichen. Und auch wenn er auftaucht, wird er derartig belagert von Journalisten und Fans, dass an eine halbwegs ernsthafte Besprechung eines Textes kaum zu denken ist. Waehrend meiner Arbeit an Unbequeme Tote befand sich Marcos jedoch ohnehin in seiner klandestinen Welt – ich musste also alleine mit seinem Text fertig werden.

    Der war ganz anders ausgefallen als fruehere Texte von Subcomandante Marcos. Anders als in seinen Geschichten vom Kaefer Durito oder vom Alten Antonio beispielsweise ist in Unbequeme Tote der Erzaehler nicht Marcos selbst, also ein mexikanischer Staedter, der viele Jahre bei den indigenas in Chiapas gelebt hat und deshalb deren Lebens- und Denkweise in einer Sprache wiedergibt, die die Aussenwelt verstehen kann. Denn das ist ja immer eine kulturelle Uebersetzungsleistung von Marcos selbst, von einem laendlichen, extrem rueckstaendigen und groessenteils analfabetischen Chiapas in die Welt der Staedte, wo die LeserInnen leben.

    Unbequeme Tote dagegen ist der erste Roman, bei dem er eine andere Strategie ausprobiert. Die Wirklichkeit von Chiapas gibt er hier auch sprachlich wieder, indem er mit Elias Contreras einen indigenen Erzaehler schafft, der den Grossteil der Geschichte bestreitet. Elias Contreras spricht an vielen Stellen ein grammatikalisch falsches Spanisch, das teilweise vereinfacht ist, teilweise antiquiert, aber auch Formulierungen und Redewendungen aus den in Chiapas gesprochenen Maya-Sprachen wie Tzotzil oder Tzeltal einfach woertlich ins Spanische uebertraegt.

    Das ist fuer die Uebersetzerin natuerlich eine Herausforderung. Es gibt im deutschen Sprachraum keine kulturelle Entsprechung fuer das indigen gefaerbte Spanisch, und alle Formen von Slang oder Kanak-Sprak, die dort existieren, treffen die Besonderheit dieser Sprache keineswegs. Die Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen indigener und mestizischer Welt ist in Chiapas ungleich groesser, als man es sich von Deutschland aus vorzustellen vermag. Eine Strecke von 30 Kilometern zurueck zu legen, kann hier schon eine Zeitreise in ein anderes Jahrhundert bedeuten, die von den meisten Staedtern, aber auch den meisten Indianern, niemals angetreten wird.

    Es sind Welten, die einander fremd sind und einander zutiefst misstrauen. Die Sprache enthaelt auch viele Aspekte der jahrhundertelangen Unterdrueckung, die die indigenas hier erlebt haben, Ausdruecke der Unterwuerfigkeit beispielsweise, des zur Schau gestellten Respekts vor dem Herrn. Darueber hinaus symbolisiert sie auch die Bildungsmisere, die im laendlichen Chiapas besonders akut ist. Es musste also ein neues, falsches Deutsch entwickelt werden, das bewusst irritiert und wenigstens ein paar dieser kulturellen Elemente transportiert, aber dennoch lesbar bleibt. Hierbei war es sicherlich sehr hilfreich, dass ich mich viel in Chiapas aufgehalten habe und mir die dortigen Welten alle beide vertraut sind, sowie das Unverhaeltnis, in dem sie zueinander stehen.


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