• Mehr ist die Haelfte als das Ganze

    Wenn noch etwas Zeit ist, geht der Blick in Werke des spanischen Autors Baltasar Gracian. Das Kritikon gibt es wohl neu uebersetzt, ein absurdes Buch. Man kann an jeder Stelle anfangen zu lesen, immer wieder wird man eine Merkwuerdigkeit finden. Erinnert mich glatt an Musil, dessen „Mann ohne Eigenschaften“ man nun wirklich nicht anders lesen kann, als mit dem breitesten Grinsen.

    Bei Gracian, einer Empfehlung Luhmanns folgend, ist es anders. Da wirken alle Dinge so absurd, so fremd. Ein kleines Buch musste reichen fuer den Anfang. Es nennt sich Handorakel und Kunst der Weltklugheit.

    An sich, dem Titel nachgehend, eine Sache fuer den Hokuspokus-Fan. Denkste. Ist nicht so. Es handelt sich um 300 kurze Ratschlaege, Hinweise und Beobachtungen. Fast allen kann man direkt ohne Umschweife zustimmen. Manchmal lese ich derlei zum Aufwachen. Schadet nicht. Heute war es aber schwierig, denn die Sprache der deutschen Uebersetzung wirkte sehr gestelzt, sehr bemueht. Oder anders: Nicht einfach zu lesen. Und wer hats uebersetzt: Arthur Schopenhauer, haette man auch einfacher drauf kommen koennen.

    Nr. 162 war sehr prima. Aber Nr. 170 endete zitierend zum Thema Bei allen Dingen stets etwas in Reserve haben mit den Worten des Hesiodus auf Griechisch: Mehr ist die Haelfte als das Ganze. Nicht, dass ich Griechisch koennte. Sucht man die tolle Suchmaschine Google nach diesem Satze ab, dann erhaelt man nur drei Ergebnisse. Eine fuehrt zu Wiki, eines zum Zitat-Archiv und ein letztes zur einem Entkomplexitaeter. Der darauf verweist und meint, mit der Haelfte erreicht man mehr als mit der Erfuellung eines Parameters auf 100 Prozent. Das will mir nicht genuegen.

    Gracian sagte zuvor, aehnlich paradox: Auch im Wissen muss es eine Arrieregarde geben, man verdoppelt dadurch seine Vollkommenheiten.

    Die Vollkommenheit verdoppeln durch das Halbieren. Ich kann mir schon denken, dass manch einer sagen wird, wie kann man denn ueberhaupt – Vollkommenheit verdoppeln. Vollkommen ist vollkommen. Man kann es nicht doppeln. Anscheinend verstehe ich dann entweder von Logik nichts oder doch alles falsch; denn das Gemeinte und das Gesagte stehen in Ergaenzung. Manchmal muss man sich ueber die Schranken der Sprache bewegen, obwohl man in ihr zugleich bleibt. Das eine ist gleichfalls nicht das andere, wenn jemand – immer oefter – sagt, es etwas das Einzigste. Das mag wunder nehmen, aber es wird sich durchsetzen.


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