• Mathe als Prosa

    Das Buch ist eigentlich als Umweg um ein anderes Buch herum entstanden, als grotesk ausgewachsene Abschweifung: die Absicht bestand schon laenger, einen romanhaften, biographischen Versuch ueber den Physiker Paul Dirac zu schreiben, um an diesem Beispiel aufzuzeigen, inwieweit Modernisierung, Neuzeit und Gegenwart mit der Mathematisierung nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der uebrigen Erfahrungsweisen zusammengehen, und inwieweit gerade nicht.

    Dann hatte Hans Magnus Enzensberger die Idee, einen Band mit Portraets wichtiger Mathematiker des 20. Jahrhunderts zusammenzustellen, und ich dachte: zwanzig Beispiele sind mehr als ein Beispiel, was an Tiefe vielleicht verloren geht, kommt an Reichweite wieder rein. Teilweise war das ein Irrtum, aber dafuer ein produktiver: das Dirac-Buch muss ich, auch aufgrund der Missverstaendnisse und kritischen Hautausschlaege, die Hoehenrausch angeregt hat, wohl trotzdem noch schreiben. Einfach, weil ein ausfuehrlich angeschauter Einzelfall erlaubt, die Vergroeberungen und manchmal brutal kurzen Referate von Inhalten, wie mir vorgeworfen wurde, zugunsten rigiderer und praeziserer Verfahren der Nacherzaehlung von Wissenschaft fallenzulassen. Aber die Konzision im Zusammenfassen, das Ueberblickshafte und die von der Vielfalt der geschilderten Charaktere und Lebenswege gedeckte Idee, stilistisch mehr als einen Ton anzustreben, haben sich trotzdem gelohnt, denke ich.

    Die Auswahl der Leute, die in dem Buch vorkommen, ist extrem persoenlich. Aber da die eigene Persoenlichkeit von objektiven Sachen durchzogen ist man hat halt bestimmte Sichtweisen gelernt, bestimmtem Prioritaeten werden wirklich durch die Sachen selber nahegelegt ist diese auch wieder nicht bloss subjektiv. Selbst Leute, die mich im Verdacht haben, leider doch nicht alles zu wissen, was man ueber das Thema wissen kann sie haben, fuerchte ich, die Vorbemerkung uebersprungen, die genau diese Wissensluecken einraeumt und halten deren Existenz deshalb fuer eine Entdeckung ­ geben zu, dass die Mathematiker, die ich interessant finde, wirklich die heissen und aufregenden sind oder zu ihrer Zeit waren. Das von mir bevorzugte Verfahren, sich daran zu orientieren, ob jemand ein heikles Leben hatte oder wenigstens auf Fotos cool aussieht, scheint also doch zu funktionieren.

    Die Frage, welche Tatbestaende in den Biographica erfunden sind, mag ich nicht, vor allem, weil sie sich beim einigermassen wachen Lesen relativ muehelos und trivial selbst beantwortet: wo es um Wehrwoelfe, Vampire und Zeitreisen geht, wird schon nicht alles stimmen; der Nationalsozialismus, die Erfindung des Computers und diverse Eheschliessungen oder Geburten haben dagegen meist wirklich stattgefunden, wer so was erfinden muss, hat offensichtlich zuviel Zeit. Hinter der Frage steckt aber natuerlich die nach den sogenannten Quellen, und da gebe ich nun gern zu, dass ich das Format Anekdote fuer ein verachtenswertes halte, den natuerlichen Feind des Erzaehlens. Anekdoten werden in Umlauf gebracht, damit es menschelt: das Bedeutende, das Abstrakte, geleistet von bewundernswerten Leuten, soll in den Dreck des zufaelligen Empirischen gedrueckt werden. Erzaehlen geht umgekehrt: das scheinbar gleichgueltige Detail wird zu etwas, das Bedeutung tragen darf. Das wollte ich leisten, zum Teil hat“ s geklappt.

    Mathematik in Literatur zu uebersetzen: das geht natuerlich nicht, Mathematik ist ja nicht nur eine Sprache, sondern auch der Gegenstandsbereich einer Sprache. Das heisst: Zahlen zum Beispiel sind nicht bloss Zeichen, sondern Handlungen, menschliche Praxis (man zaehlt). Man kann etwas auf franzoesisch Gesagtes ins Deutsche uebersetzen, aber uebersetz“ mal ein Pferd, eine Uhrzeit oder ein Fussballspiel! Was nicht geht, braucht man auch nicht probieren: ich hab“ s gelassen. Eine andere Frage ist, ob man von Mathematik in Prosa sprechen kann, die auch Leute verstehen, die das Formale der Sache selber nicht nachvollziehen koennten. Jenseits von Textaufgaben, deren Prosabegriff ein geschummelter ist: schwierig. Es geht halt ungefaehr so aus, wie wenn man Wuestenbewohnern was vom Leben im Meer schildert: ihr wisst schon, verschiedene Fische, Rochen, Haie, Wale… und dann kommt ein Meeresbiologe und sagt: Falsch, der Wal ist ein Saeugetier. Ich war so ungenau wie noetig und so genau, wie meine Kenntnisse und mein Wortschatz es erlaubt haben.

    Die Verhuebschung der Wissenschaft, die achtzig Prozent der Pop-Science in den Medien ausmacht, ist der Versuch von vom Abstieg bedrohten Gebrauchs- und anderen Aestheten, sich der Sachzwanglogik von Verwertungsketten anzuschmiegen, die es in Wirklichkeit seit der Bauchlandung der New Economy schon gar nicht mehr gibt, und harmoniert leider ganz gut mit dem Versuch der Wissenschaftler, aus Gruenden der Existenzsicherung etwas gegen ihr schlechtes Image zu tun, das von einer epidemischen Massenverbloedung in der zweiten Haelfte des vergangenen Jahrhunderts verursacht wurde, fuer welche die Wissenschaft nichts kann. Alle Kunst nicht nur die bessere Science Fiction -, die sich in nuetzlicher und schoener Weise ueber Wissenschaftliches aeussert, hat zum Ziel nicht die Aesthetisierung der Wissenschaft und auch nicht die aus anderen Gruenden ebenso suspekte Verwissenschaftlichung der Aesthetik, sondern die Herstellung und Optimierung von Phantasien ueber die von uns tatsaechlich bewohnte Welt. Solange die Menschen voegeln oder wenigstens voegeln wollen, wird es sexualisierte Kunst geben, dasselbe gilt fuer“ s Wissen. Ich selber gehoere in die Publikationsumwelten, in denen Letzteres passiert, wie eine Ameise auf dem Ameisenhaufen: so schreibe ich, Einer von Vielen.


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