• Mars-Show

    Anzug, Krawatte, leicht angegraute, kurze Haare. Dem Aeusseren nach koennte Giorgio Gaviraghi als braver Beamter durchgehen. Aber eine feinsinnige Mimik, eine irgendwie vornehme Nervositaet und eine ruhige, souveraene, aber manchmal gezielt anhebende Stimme lassen den Zuhoerer aufmerken. Auf den Folien Balkendiagramme, Marketingschlagwoerter, average contacts per pipapo. Eine Neuauflage der New Economy?

    Wir sind in Bremen, auf der dritten europaeischen Konferenz der Mars Society – einer internationalen Organisation, die sich fuer eine bemannte Marsexpedition einsetzt. Man sollte ja meinen, dass NASA und andere schon genug Raumfahrt-Lobbyarbeit betreiben, und ueberhaupt, wer soll das eigentlich bezahlen? So hatte ich eine Mischung aus Esoterikern und modernen Eisenbahnbastlern erwartet.

    We must pay for it ourselves, erklaerte Giorgio zum Einstieg. Also Spenden fuer die Marsexpedition? Die Politik hat ja auf absehbare Zeit andere Sorgen, als dem Steuerzahler ein Mammutprojekt aufzuschwatzen, das sich ueber drei Legislaturperioden hinzieht. Aber das ist ohnehin der alsche Weg, wie der kleine Mailaender mit zunehmendem Elan erklaert: Die 30 Milliarden Dollar wird man auftreiben – durch TV-Lizenzen, nicht nur fuer die Uebertragung von Start, Landung und Heimkehr, sondern auch fuer alles, was vorher passiert: Big-Brother, Survival-Serien oder Star-Search zeigen ja, dass Luhmann“sche Beobachter-Beobachtung auch breite Kreise faszinieren kann.

    Psychostress in simulierten Marsstationen in der Wueste oder Arktis – mit Publikumswahl: Wer passt zusammen, wer darf mitfliegen? – Beziehungsstress im Parabolflug – Sunnyboys steigen kotzend aus der Zentrifuge – Unterwasser-Wettbewerb im Wuensch-dir-was-Stil – Landetests am Bungee-Seil. Reichlich Nerd-Stoff, Software, Mars-Spielzeug fuer die Kleinen, und klar, Tiere duerfen auch mit. Dass man ueberhaupt Milliarden nur mit Lizenzen fuer unproduktive Ereignisse machen kann, zeigt der Blick auf Veranstaltungen wie Formel-1 oder Olympia.

    Die Offiziellen von der ESA teilen natuerlich die Vision von der Marsmission, aber erstmal bittschoen alles genau untersuchen. Zum Beispiel die Auswirkungen von Dauerschwerelosigkeit: Ein Forschungsprogramm, auf acht Jahre angelegt, beginnt mit um sechs Grad geneigt schlafenden Studenten, und am Ende fuehlen sie sich irgendwie… komisch.

    Eigenartige Kumpanei, die man da wieder antrifft, zwischen den Verwaltern von Staatsgeld und den Empfaengern: Das eigentliche Ziel (Mars) wird auf die lange Bank geschoben, aber fuer das Abwarten bekommst Du (Wissenschaftler) solange Schweigegeld (Forschungsauftraege) von mir (Behoerde).

    Kleine Provokation fuer die ESA-Leute: Koennte man nicht viel Zeit und Geld sparen mit einer Einweg-Mission?Wer soll da mitmachen, vielleicht krebskranke Rentner, die nichts mehr zu verlieren haben?Aber nein, da werden sich genug sportliche Endzwanziger freiwillig melden.So etwas koennen wir in der ESA nicht machen.Dann macht man es wohl besser ohne Sie.

    Auf dem Weg zum Essen spreche ich mit Robert Zubrin vom US-Zweig der Mars Society. Er hat eben noch einmal im Billy-Graham-Stil das unvermeidliche Streben der Menschheit zum roten Planeten beschworen. In Amerika macht man das so, und Bob ist ein PR-Profi. Kuerzlich durfte er vor dem US-Senat sprechen, die NASA fuer ihr langweiliges Shuttle-Programm kritisieren, aber auch, natuerlich, an den Nationalstolz appellieren. Vornehm verschwiegen, aber allen klar: Mit einem Drittel der Kosten des Irak-Kriegs und einem Zehntel des jaehrlichen US-Verteidigungsbudgets koennte man mit der Marsmission bessere Schlagzeilen machen.

    Aber auch die NASA ist ueber die Jahrzehnte schwerfaellig geworden, und die zweite Shuttle-Katastrophe hat die Raumfahrt-Visionen weiter gedaempft. – Das muss man doch umdrehen, erklaert Bob: Human space flight will always be risky, but we need to be doing missions that are worthy of those risks. We don“t need humans in space to study ant farms in zero gravity. We need humans in space to explore the planets.

    Ich erklaere ihm den Begriff des Sesselpupsers, a form of irony.. Klar, in Bobs Lieblings-Szenario wird vorab eine unbemannte Raffinerie zum Mars geschickt, um Treibstoff fuer Rund- und Rueckreise zu produzieren – da geht es dann auch um die Erzeugung von Methangas, wie beim Pups.

    Eine weltweite Mars-Euphorie? Kaum, denn wer es nicht im Bauch hat, lange nach dem Warum? zu fragen, den wird man nicht bekehren. Es wird eine internationale Mission, kein Nationenwettkampf, und Wissenschaft oder Auswanderung sind auch keine ernsthaften Motive. – Es geht also um Kultur, Weltraum-Kultur, die entweder kommt oder nicht kommt. Mars-Marketing ist nur Gradmesser und Buehne dieses Interesses.

    Giorgio arbeitet nun erst einmal an einer reference mission. Ob jemand Lust hat, ein Projekt-Management-Tool dafuer zu programmieren?


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