• Liturgisches Lesen

    Buchstabenfolgen aller Art staendig zu entkrypten, ist eine veritable Besessenheit, die mich nach beeideter Aussage meiner Mutter seit dem vierten Lebensjahr verfolgt. Damals eroeffnete mein Vater ein Schreibwarengeschaeft, ein veritables Leseparadies. Das Problem eines Vierjaehrigen in der rheinischen Provinz, Anfang der siebziger Jahre, war natuerlich fehlende Inselbegabtenfoerderung im Kindergarten. Damals waere eine vorschulische Schreib- und Leseerziehung nahezu ehrenruehrig gewesen. Irgendwo im riesigen Minenfeld zwischen antiautoritaerem Revoluzzertum und nationalsozialistischer Napola Attituede.

    Schwierig. Was macht also solch ein kleines, besessenes Kerlchen? All diese frischen Druckwaren in Reichweite, aber der Schluessel zum tieferen Verstaendnis fehlt. Er erhoehte einfach die Tagesleistung seiner kleinen, brummenden Synapsenfabrik und ersann durch Kombination, nervig-lautes Mitlesen von Satzfetzen in Zeitlupe und impertinente Befragung diverser erwachsener Verhoeropfer, seine ureigene Enigma.

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    Ergebnis war natuerlich, dass das sonderbar ehrgeizige Knaeblein schon vor der Einschulung des Lesens und Schreibens maechtig war. Vielleicht sogar eher eigenmaechtig. Derartige Fruehreife fuehrt zu seltsamen Verwerfungen, merkwuerdig subjektiv-individuellem, hochakademischen Autodidaktentum. Nach einem halben Schuljahr weigerte ich mich den Unterricht aufzusuchen, da man mir dort zu Weihnachten ein Buch in kinderfreundlicher Schreibschrift geschenkt hatte. Fuer mich ein offener Affront! Schliesslich buchstabierte ich des Nachts im Schlaf zum Schrecken meiner Eltern ganze Diktate sehr genau und hochpraezise durch. Eine Karriere als Soziopath blieb mir einzig wohl deshalb erspart, da ich schon frueh eine extrem unterhaltungssuechtige, populistische Ader in mir verspuerte. Auch mochte ich mich gerne im Wald mit andern Jungs pruegeln. Das erdet ungemein. So las ich zehn Jahre lang, da an der sprudelnden Quelle sitzend, taeglich dutzende der frueher soziologisch strikt verpoenten Comics.

    Seither weiss ich sehr genau, was einen guten, griffigen Plot ausmacht und was Bildsprache bedeutet. Ob ich will oder nicht! Mit acht konnte ich mich zum Geburtstag nicht zwischen einem Bildband ueber Sitting Bull und 20 000 Meilen unter dem Meer entscheiden. Jules Verne fuehrte mich mit neun Jahren direkt zu Edgar Allen Poe, den ich zwar nicht gaenzlich verstand, aber faszinierend fand. Selbst zu schreiben war nun unumgaenglich. Historisierende Kurzgeschichten aus meiner Feder, meist angesiedelt in der Zeit des siebenjaehrigen Krieges, waren die Favoriten der bildungsbuergerlich Klavier spielenden Mutter meines besten Freundes. Sie erklaerte mich mit zehn Jahren feierlich zum Schriftsteller von ihren Gnaden. Diese getriebene Buchstabenhatz jagte mich dann durch alle Buechereien weit und breit. Diagonales Textlesen, Parallellesen mehrerer Buecher, also so eine Art Schnellscanning, hilft mir auch heute noch als Ueberlebenstechnik in digitaler Zeit. Schlimme Schattenseite des Ganzen: Ich hatte schon sehr frueh meinen gierigen, masslosen Teil vom Kuchen.

    Sattheit machte sich breit. Seit vielen Jahren ist das Lesen von Buechern bei mir nun ein auf wenige Gelegenheiten reduziertes, heiliges Ritual. Fluechtiges Buchlesen in der U-Bahn waere fuer mich ein unerhoertes Sakrileg. Meine heutige Textauswahl hat etwas orthodox-liturgisches. Selten lebt einer der von mir gelesen Autoren noch. Meine taegliche Buchstabendosis beschaffe ich mittels Supersparmenue im Internet und beim Studieren von Magazinen und Moebelprospekten auf dem Klo. Zeitgenoessische Literatur, zu der ich immer mal wieder genoetigt werde, entlockt mir im Idealfall ein sproedes laecheln. Ganz lustig, kommt einer furiosen Lobeshymne aus meinem Mund gleich. Ich halte das klassische, literarische Schreiben in Buchform schon lange fuer den Nachhall sterbender Erinnerungen an ein Echsenhaft-ledriges neunzehntes Jahrhundert. Ganz unsentimental.

    Denn Werteverfall beklagender Kulturpessimismus gehoert nicht zu meinem Repertoire. Die Einfuehrung der Schrift wurde schon vor 3000 Jahren beklagt, danach der boese Buchdruck, das Aufkommen von schaendlichem Film, nun das fiese Internet. Als naechstes stirbt das Fernsehen. Gut so. Hauptsache es passiert was. Massensterben bringt stets eine Katharsis mit sich. Grossreinemachen halt. Ich werde sicher bis zum Ende meiner Tage zwanghaft buchstabieren muessen. Man sollte meinen Sargdeckel besser von innen eng beschriften. Auch warte ich seit Jahren auf die Frau, die mir Alexander von Humboldts gesammelte Schriften schenkt. Diese heirate ich dann umgehend, mit Traenen der Ruehrung in den Augen, das sei hiermit oeffentlich kundgetan. Schriftlich.


5 Kommentare zu Liturgisches Lesen

  • Hundeoma am 28.10.2008 14:43
    Genialer Autor!
  • Jerome Kaiser am 28.10.2008 18:29
    Hach, für mich als Wissenschaftler ist das hier immer ein Schmaus! Herrlich zum Lachen und zum Nachdenken.
  • samson am 28.10.2008 19:22
    eines morgens wachte ich auf und lag unter einem wasserfall. was das mit diesem text zu tun hat? ich war erst sechs jahre alt und auf mich prasselte nicht wirklich wasser, sondern buchstaben herab. na ja, so war das bei mir, lieber professor offer.
  • ...bis heute und seid immer,plagt mich die Frage,wozu Wörter,woher kommen diese und wie zum Teufel klingen diese,wie sie es tun?Warum ist ein Auto ein Auto?

    Wörter können so unbedeutend sein.

    Die emotionale und rationale Wahrheit,der richtige Zeitpunt,das ist das Salz in der Suppe und steigert die Siedetemperatur-->Gesellschaftlich leider undenkbar.

    Manchmal kann man auch einfach mal keine Worte benutzen,um sich mitteilen zu wollen,um einfach mal die Sinne zu spitzen.

    Also jetzt wäre für dich die Zeit gekommen,genau zu interpretieren und neue Bedetungen den Worten beizufügen.
    Interessant die reaktionen der Menschen zu notieren-->neues Buch.

    Genau jetzt frage ich mich,werdet ihr mich verstehen??

    Emi

    P.s:schöne Wortwahl und setzung!!
  • Joerg Offer am 29.10.2008 02:18
    Ich danke artigst für die Blümchen.

    @samson: Verraten sie mir auf welchem Weltkriegsschlachtfeld wir uns schon begegnet sind, Sire!

    @emi: Hast ja recht, aber wie gesagt, ich finde das Wort "Scharnier" viel merkwürdiger als aus dem Latein oder Altgriechisch tradierten Begriffe a la Auto...

    Deutsche Worte quietschen, schnarren, kreischen und hakeln bisweilen etwas, sehr seltsam sogar...

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