• Klimaproblem gelöst? Design Thinking und die Digitalisierung menschlichen Denkens und Handelns

    Wir leben in paradoxen Zeiten: Der Klimawandel macht uns depressiv, die Digitalisierung winkt mit vielen bunten und gutgelaunten Lösungen. Insbesondere  ‘Design Thinking’-Methoden sollen eine Beteiligung im städtischen Raum zugänglicher machen. Die Wissenschaftlerin Gabriele Schliwa hinterfragt aktuelle Formen der Wissensproduktion, Lebensweisen und Arten der Beteiligung – und zeigt dabei auf, wie wir die Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und der Digitalisierung anhand des Design Thinking- Phänomens besser nachvollziehen. Ein Essay.

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    Der Klimawandel und die Digitalisierung prägen unsere heutige Gesellschaft enorm. Sie betreffen direkt oder indirekt jeden Menschen und bedürfen einer vielfältigen und weltgewandten Auseinandersetzung. Regierungsdiskurse und Handlungsweisen scheinen heutzutage jedoch kaum mehr Bezug zu einer Gesellschaft oder globalen Bevölkerung zu nehmen. Stattdessen suggerieren sie eine Kunst des Regierens, die auf dem Lösen von Problemen beruht.

    Die Lösung: Design Thinking first, Klimawandel second 

    Diese Tendenz wird in ihrem Extrem an sogenannten Civic Hackathons und Innovation Labs deutlich, die versprechen “komplexe Probleme” in weniger als 48 Stunden zu lösen. Bilder von kunterbunten Post-It Notes, fröhlichen Gesichtern und Hashtags wie #empoweringpeople, #humancentreddesign, #systemschangers überschwemmen Social-Media Accounts und hinterlassen den beruhigenden Eindruck, dass Menschen auf der ganzen Welt die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts hier und jetzt gemeinsam lösen.

    Die Lethargie, die vielen angesichts überwältigender globaler Krisen lange zu schaffen gemacht hat, scheint überwunden zu sein. Gestern haben wir uns noch um nachhaltige Kleingartenprojekte und fahrradfreundliche Städte gekümmert, heute gehen wir voller Selbstbewusstsein sogar den Klimawandel an! Je größer die Herausforderung, desto besser. Das Thema ist eigentlich egal. Hauptsache: Design Thinking! 

    Design Thinking (DT). Was ist das überhaupt? Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 hat DT im privaten Sektor einen regelrechten Boom zur innovativen Gestaltung von Nutzer-orientierten digitalen Dienstleistungen und ‚user experiences‘ erlebt. Heute erfreut sich der Ansatz auch im öffentlichen Raum großer Beliebtheit und wird vorwiegend durch Toolkits, Stadtforscher oder professionelle Design ‚Facilitators‘ mobilisiert, um hier die Bürgerbeteiligung zu erleichtern und die Interessen des Bürgers in den Mittelpunkt zu stellen.

    Diese neue Perspektive klingt zunächst nach einem vielversprechenden Wandel zur Kollaboration im Vergleich zu traditionellen Regierungsstrukturen, in denen Bürgerbeteiligung entweder Konflikt oder Konsultation bedeutete. Entscheidend ist heute jedoch nicht nur, dass gehandelt wird, sondern auch wie, in einem Zeitalter, in dem digitale Technologien den öffentlichen und politischen Raum einnehmen. 

    Climathon: Klimawandel lösen in 24 Stunden!

    Als kreativer und kollaborativer Prozess unterliegt DT einer Logik, die die Digitalisierung in völlig neue Sphären überträgt. Computergestützte Lösungsprozesse, die zuvor in der Softwareentwicklung und im User Experience Design angewendet wurden, strukturieren mithilfe des DT menschliches Denken und Handeln außerhalb der Computer Hardware.

    Da wir uns im Rahmen von MORE WORLD mit dem Klimawandel beschäftigen, nehme ich eine in diesem Bereich relevante ‘Civic Hackathon’ Initiative mit dem Namen “Climathon” zur Veranschaulichung. So erläutern lokale Veranstalter, die beruflich häufig mit partizipativer Stadtentwicklung oder dem kreativen Unternehmertum zu tun haben, die Mission dieser jährlichen Veranstaltung wie folgt (Climathon Berlin):

    Mit dem Climathon gibt Climate-KIC Menschen die Möglichkeit, sich direkt an Lösungen für den Klimawandel zu beteiligen. Innerhalb von 24 Stunden gilt es, innovative Ideen für Herausforderungen des Klimawandels in Großstädten rund um die Welt zu entwickeln. Die beste Idee wird vor Ort von einer Jury ausgewählt. Im Anschluss arbeiten die Städte mit ihrem jeweiligen Gewinnerteam die Idee zu realisierbaren Maßnahmen gegen den Klimawandel weiter aus.” 

    Dieser Prozess läuft in der Praxis auf zwei parallelen Ebenen ab: Auf der ersten Ebene sorgt ein detaillierter Zeitplan dafür, dass etwas produziert wird, indem sich die Teilnehmenden zunächst mit dem vorgegebenen Problem auseinandersetzen und anschließend eine mögliche Lösung testen und entwickeln. Die Lösungsfindung ist iterativ und kann beliebig lange wiederholt werden. Im Falle des Climathon ist bereits nach 24 Stunden Schluss und die Teilnehmenden müssen zu einem realisierbaren Lösungskonzept gelangen.

    ‘Design Thinker’ managen innerhalb dieses Zeitrahmens das Verhalten der Teilnehmenden und sorgen dafür, dass diese sich nicht in lange Gespräche vertiefen, sondern ihr Wissen in Post-Its und Prototypen festhalten, um es so zu synthetisieren und weiterzuverarbeiten. Die Einordnung des Klimawandels in einfache Problem- und Lösungskategorien sowie die künstlich erzeugte “Zeitnot” (Tim Seitz), die typisch für DT-Workshops ist, werden dabei nicht in Frage gestellt.

    Das Problem: Von Menschen zu Problemlösern

    Die Ideen, die bei einem Climathon entwickelt werden, reflektieren den Prozess der voranschreitenden Digitalisierung. Die Teilnehmenden scheinen nahezulegen den Klimawandel durch Wissensaustausch zu lösen, der z.B. durch Apps und Datenvisualisierungen unmittelbar realisiert werden kann (Climathon Solution). Auch wenn ein Großteil der Ideen spekulativ bleibt, sind sich die Teilnehmenden von DT-Veranstaltungen häufig einig, dass man immerhin gelernt hat “wie ein Designer zu denken, um Probleme zu lösen”.

    In PR-Materialien liest man selten von konkreten Erfolgen, sondern davon, wie viele Social-Media-Klicks hinterlassen wurden, wie viele Menschen auf der ganzen Welt mitmachen und Teil der Climathon Community oder eines globalen “Netzwerks einer neuen Denkweise sind”, so die Initiatorin einer ähnlichen Hackathon-Initiative. Die kreative Umcodierung politischer Angelegenheiten in technisch lösbare Herausforderungen tritt als Kollateralschaden zu Tage. Warum ist das so? Es fühlt sich gut an, durch ‘Design Thinking’ schnell und einfach die eigenen Probleme zu lösen.

    Dringlichkeit und Design Thinking

    DT hat heute, implizit oder explizit, bereits Einzug in eine Vielzahl innovativer Denk- und Handlungsweisen gehalten. Wie Stadtforscher Simon Marvin und Andrés Luque-Ayala (2017) argumentieren, hat die Verbreitung computergestützter Technologien, die für den privaten Sektor entwickelt wurden einen längeren historischen Weg zurückgelegt, um Interoperabilität mit rechnergestützten Prozessen in der städtischen Infrastruktur zu gewährleisten. Es ist insbesondere Nobelpreisträger und Ökonom Herbert Simon’s Werk, das heute als Grundbaustein des DT verstanden wird.

    Dabei wird auf sein Buch “The Sciences of the Artificial” Bezug genommen, indem er ‘Design’ als Prozess definiert, der bestimmt, wie Dinge zukünftig sein sollen. Seine Arbeiten zum Thema “Computer Simulation of Human Thinking” oder “General Problem Solver” (ein Computerprogramm), das er in den 1950ern mit dem US-Abwehrtechnologie-Think-Tank RAND Corporation entwickelt hat, ist in diesem Zusammenhang von der Bildfläche verschwunden. Es sind jedoch genau diese Arbeiten, die deutliche Parallelen mit heutigen DT Prozessen haben, mit dem Unterschied, dass der Begriff ‚Computer‘ durch ‚Design‘ ersetzt wurde.

    Die Dringlichkeit, die wir heute angesichts des Klimawandels verspüren, korrespondiert mit Michel Foucault’s Konzept des Dispositif, dem er eine strategische Funktion in Bezug auf ein historisch gesehen dringendes Bedürfnis (une urgence) zuschreibt. DT als Antwort auf diese Dringlichkeit läuft momentan Gefahr, den Menschen den Bedürfnissen der Digitalisierung anzupassen, anstatt den Auswirkungen des Klimawandels zu begegnen. Unter Zeitnot oder unter Einfluss einer „Schockdoktrin“ (Naomi Klein) ist unser Denken eher dazu geneigt, rechnerisch zu funktionieren und freiwillig umprogrammiert zu werden. Die resultierenden Entscheidungen bedienen oftmals eher die eigenen kurzfristigen Bedürfnisse. Ein “computational dispositif” (Jennifer Gabrys 2014 cf Michel Foucault) entspringt somit dem “computational unconscious” (Jonathan Beller) und vice versa. Von den Lösungen und Erlebnissen profitieren meist nur die Problemlöser – langfristig ändert sich nicht viel.

    Von One World zu MORE WORLD

    Eins scheint jedoch sicher: “5G is coming!” Die nächste Generation der Cloud Infrastruktur steht bereits in den Startlöchern, um dem Daten- und Echtzeit-Hunger der Digitalisierung ein weiteres Upgrade für human-centred experiences zu bieten. Währenddessen hat die Gletscherschmelze in Grönland in 2019 ihr bisheriges Rekordjahr erlebt, wo NASA-Forscher kürzlich betonten, dass das Eis viel schneller über das Meereswasser als über den Luftweg schmilzt (Seth Borenstein).

    Die Technologieriesen halten es dennoch weiterhin für eine hervorragende Idee, die Hitze, die bei der digitalen Datenverarbeitung entsteht, in Meerestiefen zu kühlen. So testet Microsoft ein Serienmodell für Unterwasser-Rechenzentren, die schnell und einfach überall auf der Welt eingesetzt werden können. Wer weiß, vielleicht werden all die Climathon App ‘Solutions’ mal ein so großer Erfolg, dass gleich mehrere Rechenzentren für sie benötigt werden und so der weltweite ‚Impact‘ im “Kampf gegen den Klimawandel” zu neuen Höhen schießt! 

    Der Klimawandel verdeutlicht gegenwärtige Krisen des Zeitgefühls, der unvermittelten Erfahrung, des politischen Denkens und Handelns, als auch unseres historischen und geographischen Verständnisses. Geograph Erik Swyngedouw hat bereits vor Jahren die These aufgestellt, dass der Klimawandel als ein Mittel zum Zweck genutzt wird, um unter dem Begriff der Nachhaltigkeit dafür zu sorgen, dass sich nichts ändert (siehe “Apokalypse Now!“).

    Während damals noch nachhaltige Lösungen das Ziel waren, wird unter der rasant voranschreitenden Digitalisierung der ‘smarte’ DT Problemlösungsprozess zum Ziel. DT basiert auf einer Weltanschauung die unser Leben einem ‚One World‘ Systemgedanken unterordnet. In dieser Welt lassen sich Aktivität und Wissen in ‚gut‘ und ‚schlecht‘ einteilen, genauso wie die 1 und 0 in einem digitalen Apparatus es ermöglichen, optimale Entscheidungen zu treffen, die unter schwindenden öffentlichen Investitionen bestenfalls ein neues Startup hervorbringen.

    An dieser Stelle liegt eine grundsätzliche Kapitalismuskritik nahe, da sich die digital gestützte Experience Economy mittlerweile von unseren Gefühlen, Emotionen und unserem Wissen ernährt. Die globalen Herausforderungen sind jedoch etwas komplizierter als die neueste Mutation “Computational Capitalism” (Bernhard Stiegler). Bevor das Folgen vorgefertigter Prozesse und Toolkits als neue Lösung normalisiert wird, erfordert ein tiefgreifender Wandel erst einmal inne zu halten.

    Politische Bildung fängt damit an, dem Menschen durch Raum und Zeit zu ermöglichen, sich selbst besser zu verstehen, Verhaltensmuster zu erkennen und Orientierungspunkte zu hinterfragen. Diese Schlussfolgerung basiert auf meiner persönlichen Erfahrung, die neben Jahren des Studiums auch ein wieder Verlernen des zuvor Gelernten erforderte. Mein Masterstudium hat mich dazu gedrillt, nachhaltige Lösungen für die Umwelt zu entwickeln.

    Die Feldforschung für meine Doktorarbeit hat mich eine Zeitlang in einen nur scheinbar autonomen Problemlöser verwandelt. Es bedarf Zeit des scheinbaren Nichtstuns und des “Nicht-Mitmachens”, um selbstreflexiv zu handeln, anstatt mit Aktivität auf das nächste Problem zu reagieren. DT ist nicht die Lösung, es hält Systemdynamiken lediglich aufrecht. Der Klimawandel ist kein lösbares ‘komplexes Problem’, er ist hier. Die Zeit der reaktionären Systemkritik ist vorbei, sie schränkt lediglich unsere Vorstellungskraft ein.

    In Anlehnung an Berthold Brecht’s Gedicht “Die Lösung” will ich hier an das Bild der “Auflösung” erinnern, wie die Künstlerin Kat Austen es in ihrem Beitrag entwickelt hat, um für MORE WORLD wieder von ganz vorne zu beginnen. 

    Anm. d. Red.: Die Autorin des Beitrags ist Teilnehmerin der Berliner Gazette-Konferenz MORE WORLD, die vom 10. bis 12. Oktober im ZK/U Berlin stattfinden wird und mit Workshops, Performances und Diskussionen der folgenden Frage nachgeht: Wie können wir grenzüberschreitend zusammenarbeiten, um den Klimawandel zu bekämpfen? Das Foto oben stammt von Hiroyuki Takeda und steht unter einer CC-Lizenz (CC BY-ND 2.0)


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