• Links in die Stadt

    Seit es die sogenannten „neuen Medien“ gibt, sorgen sie immer wieder auch für neuen Diskussionsstoff: Helfen sie uns wirklich weiter? Inwieweit können wir selbst bestimmen, wie wir sie nutzen? Und was passiert, wenn jemand eine Plattform gründen will, die genau diese Selbstbestimmung zum Ziel hat? Ein gutes Beispiel ist Public Netbase, eine Initiative, die 1994 gegründet wurde und schon bald zu einer einflussreichen Institution avancierte. Clemens Apprich, ein langjähriges Mitglied, stand mir Rede und Antwort.


    Public Netbase hat über 10 Jahre lang den medialen und physischen Raum als Teil der öffentlichen Sphäre erkundet. Wie funktionierte das Wechselspiel zwischen diesen zwei parallelen Realitäten?

    CA: Als das von Konrad Becker geleitete Institut für neue Kulturtechnologien/t0 1994 die Medienkunstplattform Public Netbase ins Leben rief, stand das Internet als Massenmedium noch am Anfang seiner Ausbreitung. Somit ging es zunächst einmal darum, eine reale wie virtuelle Umgebung für die elektronisch vernetzte Kunst- und Kulturpraxis zu schaffen, indem etwa ein freier Zugang zum Internet angeboten und in einer Vielzahl an Ausstellungen, Workshops und Konferenzen ein kritisches Bewusstsein gegenüber den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien hergestellt wurde. Dabei war es von Anfang an wichtig, sich nicht einer virtuellen Imagination der neuen Medien hinzugeben, sondern die aus dem Gebrauch der neuen Technologien entstandenen Kulturpraxen in den urbanen Raum hineinzutragen.

    Public Netbase und Ihre Verbündeten. Wie habt Ihr über die Jahre 
die Aktionen organisiert, um verschiedene Öffentlichkeiten und/oder mögliche Mitstreiter/innen anzusprechen?

    CA: Zum einen ging dies über die bereits erwähnte Vermittlungsarbeit an der Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie, wozu bereits früh Räumlichkeiten im Wiener Messepalast (später: Museumsquartier) adaptiert wurden. Zum anderen versuchte Public Netbase immer wieder, gemeinsam mit befreundeten Künstler/innen und Aktivist/innen in den öffentlichen Raum zu intervenieren (z.B. Fleshmachine, Free:Republic oder Open Remote Viewing). Dies brachte Public Netbase zunehmend auf Konfrontationskurs mit der zur Jahreswende 1999/2000 gebildeten rechtspopulistischen Bundesregierung. Die politischen Auseinandersetzungen führten letztlich zur Streichung der Bundessubventionen und dem Rauswurf aus dem Museumsquartier. Fortan konzentrierten sich die Aktionen vor allem auf den Wiener Karlsplatz, um den von der Stadt Wien versprochenen „Kunstplatz Karlsplatz“ zu realisieren.

    Der Ausgangspunkt von Public Netbase war eine künstlerische Praxis, welche bewusst im politischen und kulturellen Raum agierte, darin intervenierte, eingriff und provozierte. Wie aktuell ist diese Praxis heute noch? Was hat sich geändert?

    CA: Die moderne Stadt lässt sich heute als eine hybride Mischung aus physischem und digitalem Raum verstehen, wobei sich über die architektonische Gestalt eine Vielzahl an Datenströmen (neben mobilen Kommunikationstechnologien wie Telefon oder Laptop auch die stark expandierenden Überwachungssysteme und die immer tiefer in das Stadtbild eingreifenden Werbemedien) gelegt hat. Der städtische Raum wird damit selbst zum künstlerischen Handlungsfeld, auf welchem mittels Konfrontation, Agitation und Intervention neue Öffentlichkeiten geschaffen werden können. Public Netbase zählt hier sicherlich zu den Pionieren einer kritischen Medienarbeit. Und auch wenn ich glaube, dass die kulturelle und kritische Arbeit mit elektronischen Medien nach wie vor eine große Bedeutung hat, müssen autonome Gestaltungsräume doch vermehrt einer auf Städtekonkurrenz und Eventmarketing zielenden Kulturvermittlung weichen. Dies zeigt sich auch daran, dass die Stadt Wien Anfang 2006 die Basisfinanzierung von Public Netbase strich, was letztlich das Aus bedeutete.

    In Hinblick auf Österreichs bzw. Wiens Kulturpolitik der letzten Jahre: Gibt es noch einen Spielraum für weitere künstlerische Eingriffe?

    CA: Österreich und hier insbesondere Wien zeigen doch sehr deutlich, wie Kunst und Kultur im internationalen Städtewettbewerb vor allem dekorativen Zwecken dienen soll. So steckte die Stadt Wien im Vorjahr 230 Millionen in den Kunst- und Kulturbereich, wobei der Großteil zur Imagepflege verwendet wurde. Zudem bietet gerade der Bereich Neuer Medien ein gutes Beispiel dafür, wie die Grenzen zwischen Wirtschaft und Kultur zunehmend verschwinden und die so genannten „Creative Industries“ nunmehr auch schon die knappen Töpfe der Kunstförderung anzapfen. Konsequenterweise gibt es in Wien seit 2005 ein so genanntes „partizipatives Fördermodell“ für Netzkulturen, welches aber letztlich unter der Schirmherrschaft der Wiener Kulturabteilung steht und von dieser in einem permanenten Projektstatus gehalten wird. Die Herausbildung kritischer Strukturen scheint damit eher unwahrscheinlich.


5 Kommentare zu Links in die Stadt

  • Ertuğrul am 30.05.2010 11:53
    Super Interview! vielen Dank. Ich kannte public netbase davor noch gar nicht, wieder was gelernt und das an einem Sonntag!
  • Horst A. Bruno alias Brunopolik am 30.05.2010 12:56
    Immer wieder dasselbe Fazit: Kunst wird öffentlich nur gefördert, wenn sie dem Marketing dient. Kunst, die Kunst in ihrem Potential zur Veränderung von Öffentlichkeit ist, wird bekämpft und unterdrückt.
  • Silvia am 30.05.2010 13:32
    Hoch interessant! Man weiß zu wenig über Projekte zu Web 2.0, die schon in den 1990ern stattgefunden haben; so denkt man immer nur: das alles ist ein Baby der nuller Jahre.
  • solfrank am 30.05.2010 17:10
    @ Bruno: Marketing ist nicht gleich Marketing sowie Kunst nicht gleich Kunst ist, so dass am Ende doch Spielräume bleiben: im System und um das System zu unterlaufen. Bitte keinen undifferenzierten Kulturpessimismus hier!
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