• Handfestes im ‘Paradies’: Wie im Pazifik gegen die Folgen des Klimawandels gekämpft wird

    Die Humangeographin und Radiomacherin Anja Kanngieser erforscht die Bevölkerungen und Ökosysteme von pazifischen Inseln wie Nauru, die durch den Meeresspiegelanstieg infolge des Klimawandels ausgelöscht werden. Im MORE WORLD-Interview spricht sie über den Kampf der Menschen vor Ort, die bereits jetzt ganz konkrete Maßnahmen der Klimawandel-Eindämmung vornehmen und gleichzeitig fortwährend politische Arbeit leisten.

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    Was hat Sie dazu gebracht, über die Menschen und ihren Lebensraum in den pazifischen Inseln zu forschen? Sie beschäftigen sich zum Beispiel mit dem Inselstaat Nauru, der durch den Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels vermutlich ausgelöscht werden wird.

    Ich bin auf einem Boot geboren und lebte bis zu meinem sechsten Lebensjahr dort. Mein Vater war Bootsbauer, Seemann und Elektriker, und ich verbrachte als Kind viel Zeit in Neukaledonien auf dem Pazifischen Ozean. Dadurch, dass ich auf dem Meer aufgewachsen bin, habe ich eine tiefe Beziehung zu diesen Gewässern, die körperlich verankert ist; ich habe intensive Erinnerungen an die Orte aus dieser Zeit. Zum Teil sind sie es, die mich zurückgerufen haben.

    Das konkrete Projekt begann damit, dass ich nach der Zerstörung durch den Zyklon Winston auf Fidschi Anfang 2016 in den sozialen Medien verschiedene Konversationen verfolgte. Die internationale Berichterstattung verfolgte eine sehr beschränkte Erzählung – über die Abhängigkeit vom Klima und die Tragödie der „Naturkatastrophe“. Sie konzentrierte sich sehr darauf, das Trauma und die Verarmung der pazifischen Gemeinden darzustellen. Mir wurde vor allem bewusst, dass in der Berichterstattung der Zusammenhang zwischen dem Zyklon Winston und den Vorgängen innerhalb der industrialisierten Länder des „Globalen Nordens“ kaum diskutiert wurde. Dabei war es klar, dass die zunehmende Geschwindigkeit und Stärke von Wirbelstürmen auf den anthropogenen (vom Menschen verursachten) Klimawandel zurückzuführen war.

    In den sozialen Medien sah ich eine große Vielfalt von Reaktionen: von Wut und Schuldzuweisungen, dass beim Klimawandel klarer Umweltrassismus deutlich zu Tage trat, zu LGBTQIA1-Gemeinschaften, die selbstorganisiert Lebensmittel und Hilfsgüter für ländliche Gruppen bereitstellten, bis zu künstlerischen und poetischen Darstellungen; von zutiefst konservativen und religiösen Warnungen bis zu völliger Wirklichkeitsverweigerung.

    Mein Projekt verfolgt drei Ziele. Erstens möchte ich zeigen, dass der Klimawandel eine Fortsetzung der kolonialen und ökologischen Gewalt in der Region ist, also gerade keine „Naturkatastrophe“. Nicht zu vergessen, dass diejenigen von uns, die aus den anglo-europäischen Imperien stammen, stark in diese Gewalt verwickelt sind. Zweitens möchte ich beleuchten, welche Vielfalt von Reaktionen auf den Klimawandel im Pazifik existiert, um damit die engen Definitionen von Anfälligkeit und Resilienz in Frage zu stellen. Drittens soll das Projekt bestehende Kampagnen und Argumente für die Selbstbestimmung und Selbstdarstellung der pazifischen Inselstaaten in Bezug auf Umweltgerechtigkeit unterstützen.

    Wie geschah dann der Sprung von der Erforschung der Erfahrungen der indigenen pazifischen Bevölkerung zum eigentlichen Projekt „Climates of Listening“?

    Das Projekt entstand, indem ich den indigenen pazifischen Gruppen zuhörte und mit ihnen zusammenarbeitete. Meine Forschung hat sich immer schon darauf konzentriert, wie Menschen zusammenarbeiten, um Bedingungen zu schaffen, um trotz der kapitalistischen Gewalt zu gedeihen. Es ist meiner Meinung nach ungeheuer wichtig herauszustellen, wie Menschen Solidarität herstellen und Bündnisse schließen, um trotz großer Unterschiede miteinander zu arbeiten, ohne dass jemand gezwungen wird, sich anzupassen oder zuzustimmen.

    Von meiner Seite begann ich das Projekt damit, dass ich eingestand, dass ich eine weiße Forscherin bin und damit Teil eines langen Vermächtnisses weißer Forscher und Kolonisatoren. Diese sind in der Vergangenheit allzu oft ohne Einladung und ohne Rücksicht auf die Regeln der indigenen Gemeinschaften in deren Territorien eingedrungen. Ich verbrachte viele Jahre damit, mit den Menschen über die ethischen und politischen Implikationen dessen zu sprechen, was ich tat. Ich bemühte mich, mich den Menschen so zu nähern, dass deutlich wurde, dass sie es auch ablehnen konnten, mit mir zu sprechen, und meine Herangehensweise kritisieren konnten. Dadurch, dass ich meine subjektive Position sehr offen dargestellt und immer nach vorne getragen habe, haben sich im Laufe der Zeit andersartige Beziehungen entwickelt. Das Zuhören, Um-Erlaubnis-bitten und Sicherstellen, wieder zu gehen, wenn ich nicht erwünscht war, war in großer Teil dieser Arbeit.

    Ich arbeite seit über 15 Jahren mit Sound. In meiner Arbeit achte ich vor allem darauf, wie Menschen sprechen – ich achte auf Unterbrechungen, auf Betonungen, auf Ausweichmanöver. Ich versuche, mein Verständnis nicht nur aus dem zu entwickeln, was die Menschen sagen, sondern auch daraus, wie sie es sagen. Ich verbringe viel Zeit damit, meiner Umgebung zuzuhören. Das, was ich höre – oder nicht höre – formt dann meine Begegnung mit einem Ort. Zuhören als Methode ergab für dieses Projekt für mich Sinn, weil es dazu beigetragen hat, die wesentlichen Arten und Weisen aufzuzeigen, wie die Beziehungen der indigenen pazifischen Gemeinschaften zum Land und zum Meer beschaffen sind und wie sie von ihnen abhängig sind.

    Würden Sie angesichts der Erfahrung des „Aus-der-Welt-seins“ in diesem Projekt sagen, dass es schwierig gewesen wäre, es in einem akademischen oder journalistischen Buch darzustellen? Haben Sie deshalb eine Soundarbeit geschaffen?

    Es gibt viele Dinge, die ich in diesem Projekt erlebt habe, von denen ich nicht weiß, wie ich sie ausdrücken soll. Allerdings würde ich es nicht als „Aus-der-Welt-sein“ bezeichnen, denn überall, wo ich war, hatten die Leute Telefone, beschäftigten sich mit Popkultur, machten sich Sorgen über Beziehungen, Arbeit, Familie, und waren sich der Veränderungen, die sie in ihrer Umgebung sahen, sehr bewusst.

    Es war mir (als Deutsch-Australierin) wichtig, intensiv über die historischen, aber auch die gegenwärtigen Auswirkungen der australischen und deutschen Kolonisation und des Imperialismus auf die pazifischen Nationen nachzudenken. Das reicht von der Überrepräsentation der australischen Entwicklungshilfe und wie diese Hilfe und wirtschaftliche Investitionen das Handeln der regionalen Regierungen beeinflussen, bis hin zum Eindringen des Deutschen in die pazifischen Sprachen als Hinterlassenschaft der deutschen Missionstätigkeit (in Nauru und Papua-Neuguinea zum Beispiel).

    Diese Dinge haben es mir ermöglicht, ein greifbares Verständnis davon zu bekommen, wie verwoben und nichtlinear Zeit ist. Sie halfen mir, die Geschichten über Korallenbleichen, stille Riffe und Mangrovenwälder besser zu verstehen und in Kontext zusetzen. Ausgehend von den Sounds – der Stimmen und der Geräusche – und der Stille kann ich mir ein umfassenderes Bild darüber machen, warum und auf welche Weise diese Stille und diese Sounds existieren.

    Gibt es Ihrer Erfahrung nach Dinge, die in einem Lehrbuch praktisch nicht darstellbar sind, weil sie mit einer Art von Wissen arbeiten, das entweder unvereinbar mit westlichen Vorstellungen ist oder eher verkörpert und sinnlich als intellektuell ist? Wenn ja, wie wurde Sound zu einer Möglichkeit, solche Dinge darzustellen?

    Auch hier ist Stille der Schlüssel. Stille im Sinne von Ablehnung, Stille im Sinne von Dingen, die nicht mehr da sind, Stille als Ehrfurcht und als Trauer. Es ist sehr schwierig, diese Arten von Stille in Worten oder in Sounds festzuhalten. Ich habe mich dabei sehr vom Buch „On Knowing and Learning: An Indigenous Fijian Approach“ der Erziehungswissenschaftlerin Unaisi Nabobo-Baba leiten lassen.

    Ich habe mit vielen Menschen darüber gesprochen, was man sagen kann und was vor Wissenschaftlern und Außenstehenden verborgen bleiben sollte – wann es notwendig ist, zu schweigen. Es gab viele Dinge, die ich erfahren habe, über die ich mich entschlossen habe zu schweigen, bis ich die richtige Art und Weise finde, um über sie zu sprechen. Sound war in diesem Prozess wirklich nützlich, um die Leerstellen und Unterbrechungen zu registrieren. Sie fallen mir jedes Mal, wenn ich meine Aufnahmen noch mal höre, wieder auf.

    Sound erzählt den Menschen viele verschiedene Geschichten, und diese Geschichten ändern sich ständig. Wie mir der kiribatische Poet und Pädagoge Teweiariki Teaero erklärte: „Du hast zwei Ohren und einen Mund, also rede nicht zu viel. Lerne, mehr zu zuhören. Und nicht einfach nur zu zuhören, sondern auch eine weitere Fähigkeit zu entwickeln und zwar die des Übersetzens. Das sind unterschiedliche Dinge, sie passieren auf unterschiedlichen Ebenen. Hören und Übersetzen von Klang … das ist ein wesentlicher Teil unserer Welt.“

    In gewissem Sinne untersucht Ihre Arbeit Formen des Wissens und der Wissensproduktion, die im westlichen Diskurs als irrelevant angesehen werden oder sogar aktiv unterdrückt zu sein scheinen. Auf ähnliche Weise ignoriert der Klimadiskurs des Westens, wie indigene Kulturen im pazifischen Raum mit dem Klimawandel umgehen. Welche Aspekte übersehen wir bisher im Westen, worüber sollten wir uns bezüglich des Klimawandels bewusst werden?

    Die Diskurse und der Aktivismus im „Globalen Norden“ sind von Arroganz, Rassismus und kolonialer Mentalität geprägt. In den Regionen des „Globalen Südens“, die an vorderster Front des Klimawandels stehen, beeinflusst diese Einstellung den Kampf gegen den Klimawandel auf allen Ebenen. Dies zeigt sich auch in der Art und Weise, wie wir die Regionen im „Globalen Norden“ behandeln, die selbst stärker vom Klimawandel betroffen sind, zum Beispiel New Orleans und Florida mit ihren Wirbelstürmen und Überschwemmungen oder die ländlichen Gebiete in Australien mit ihren Dürren und Buschbränden.

    Die Arbeit vieler Umweltaktivistinnen und -aktivisten zeigt, dass vor allem arme, schwarze und indigene Gemeinschaften, insbesondere Frauen, LGBTQIA und Menschen mit Behinderungen am stärksten von den sozio-ökologischen Veränderungen betroffen sind, die der Klimawandel hervorgerufen hat. Diese lange Geschichte der strukturellen Ungleichheit wird im Diskurs über den Klimawandel oft einfach weggelassen.

    Jedoch ist dieser Rahmen entscheidend dafür, zu verstehen, wie wir (als weiße Anglo-Europäer) für das, was derzeit geschieht, verantwortlich sind. Wenn wir vor diesem Gesamtbild die Augen verschließen, bleibt unsere Perspektive beschränkt – wir setzen unsere Hoffnung auf technologische Lösungen (im Sinne von „Das Zaubermittel Technologie wird uns retten“) oder versinken in Angst und Verzweiflung, wie kommende Generationen leiden werden. Dabei gibt es zahlreiche großartige indigene Organisatoren wie DIVA for Equality Fiji, Pacific Network on Globalisation oder das Kiribati Climate Action Network und Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wie Tony Birch, Katerina Teaiwa, Craig Santos Perez, Zoe Todd oder Nick Estes, die aufzeigen, dass der Klimawandel eine Fortsetzung der Geschichte ist und kein Ausnahmezustand.

    Was bedeutet es für Sie, diesen besonderen Erfahrungs- und Wissensschatz zu erschließen und ihn durch Sound in die herrschenden Diskurse über den Klimawandel einzufügen? Vielleicht könnten Sie uns ein Beispiel nennen?

    Ich hatte das große Privileg, Orte zu besuchen, die viele Menschen nie sehen werden. Meine Arbeit hat es mir ermöglicht, Zeit mit Menschen auf Fidschi, Kiribati, den Marshallinseln, Nauru und Papua-Neuguinea zu verbringen. Gerade für viele Anglo-Europäer sind dies exotische Orte, die weit weg sind, zu denen sie nur sehr wenig Verbindung haben und über die sie wenig wissen.

    Dadurch, dass ich Menschen die Zeugnisse der pazifischen Gemeinschaften vorspielen kann; ihnen die Wut, die Trauer, die Freude und den Protest hörbar machen kann, hoffe ich, dass meine Arbeit dazu beiträgt, dass die Menschen besser verstehen, was die pazifischen Gemeinschaften durchmachen. Es ist ein Unterschied, ob man nur über das Leben von anderen liest oder ob man ihre Stimme und ihre Worte als lebendiges Zeugnis hört. Ebenso möchte ich Anglo-Europäern zeigen, wie wir in das Geschehene verwickelt sind und was wir tun müssen, um diese Hinterlassenschaft anzugehen.

    Daneben besteht ein wesentlicher Teil meiner Arbeit darin, die Interviews und Aufnahmen zu den Menschen der Inseln, die anderswo leben, zu tragen – zum Beispiel in die Diaspora in Australien oder Großbritannien, oder auf die anderen pazifischen Inseln. Ich informiere diese Menschen darüber, was mir gesagt wurde und was sie möglicherweise nicht von den Medien oder ihrer Familie erfahren und erweitere dadurch ihr Wissen, was verschiedene Organisationen regional tun.

    Diese Aufnahmen von Riffen und Wäldern, Städten und Inseln, vorzuspielen, bedeutet, eine Atmosphäre durch Sounds – Stimmen und Geräusche – zu generieren. Das ist schwer zu beschreiben. Dazu gehört auch, dass ich die Aufnahmen Menschen vorspiele, die jeden Tag in dieser Umgebung arbeiten. Ich nenne zwei Beispiele – eines, das zeigt, was das Vorspielen meiner Arbeit für die Menschen der Pazifikinseln bedeuten kann, und eines anderes, das ich verwende, wenn ich vor einem internationalen Publikum spreche.

    Während meines Aufenthaltes in Fidschi wurde ich eingeladen, das Dorf Nasilai an der Südostküste zu besuchen, wo es umfangreiche Mangroven-Schutzmaßnahmen gibt. Ich wollte sehen, ob ich dort Unterwasseraufnahmen machen könnte, die sich von denen unterschieden, die ich an der Südwestküste von Viti Levu (der Hauptinsel von Fidschi) aufgenommen hatte, auf denen sehr wenig zu hören war. Der Häuptling des Dorfes brachte mich, eine Meeresbiologin von der University of the South Pacific, ihre Freundin und seine drei kleinen Kinder mit dem Boot zu den Mangroven.

    Ich warf meine Unterwassermikrofone aus und hörte sofort eine Kakophonie von schnappenden Garnelen zusammen mit schnalzenden Fischen – eine weitaus lebendigere Soundwelt als alle anderen, auf die ich bis dahin gestoßen bin. Ich gab dem Häuptling die Kopfhörer, damit er sich das auch anhören konnte.

    Ich erwartete, dass er sie schnell zurückgeben würde. Dann saß er aber die nächsten 30 Minuten vorgebeugt über dem Aufnahmegerät und lauschte konzentriert dem Sound der Mangroven. Als er mir schließlich die Kopfhörer zurückgab, sagte er, dass er keine Ahnung gehabt hatte, ob da unten etwas sei. Da das Wasser aufgrund des Schlamms sehr trübe war, hatte er keine eindeutigen Beweise dafür gesehen, dass die Bemühungen zum Schutz der Tiere Ergebnisse zeigten. Wissenschaftler hatten ihm zwar gesagt, dass die Fische sich vermehren würden, aber dies sei das erste Mal gewesen, dass er selbst verstanden habe, dass es dort unten tatsächlich Fische gebe.

    Das zweite Beispiel ist ein Erlebnis in Tarawa, der Hauptstadt Kiribatis, das ich oft in Gesprächen mit Menschen erzähle, die nicht von den pazifischen Inseln stammen. Als ich Anfang 2018 dort war, gab es eine Flutwelle, die mit dem jährlichen Frühlingshochwasser zusammenfiel. Ich war mit meiner Freundin und Mitarbeiterin Krystelle Lavaki unterwegs, um die Wellen aufzunehmen, und wir beobachteten, wie das Wasser immer höher und höher über die Straße stieg und in die Tierställe flutete: Bald standen die Schweine bis zur Brust in Meerwasser.

    Während wir zusahen, wie der Ozean den Strand hinaufstieg und das Dorf überflutete, sahen wir Kinder den Strand auf und ab laufen, im Wasser auf der Straße sitzen und Eis essen. In unseren Aufnahmen hören Sie das Rauschen der Wellen und das Geräusch von Korallen, die aufeinanderprallen, durchsetzt mit dem Lachen der Kinder. Die Tatsache, dass diese Überschwemmung nichts Ungewöhnliches war, sagt vieles aus, das in den üblichen Diskussionen über den Klimawandel normalerweise weggelassen wird.

    Sind Sie bei Ihrer Forschung auf den pazifischen Inseln auf besondere Formen des Widerstands gegen den Klimawandel gestoßen? Wenn ja, welche Arten von Widerstand haben Sie erlebt und was sind seine unmittelbaren geopolitischen Kontexte?

    Es gibt viele Formen des Widerstands gegen den Klimawandel im Pazifik – von Kampagnen in die Bevölkerung bis hin zur politischen Handlungen der Regierungen. Aber sie alle müssen in dem Kontext gesehen werden, dass es sehr wenig gibt, was die Pazifikinseln tatsächlich tun können, damit weltweit die Emissionen sinken oder die globale Erwärmung zurückgeht. Die Menschen konzentrieren sich sehr stark darauf, sich an die Veränderungen anzupassen – so werden Deiche und Küstenbefestigungen gebaut, die Abfallentsorgung verbessert, Mangrovenwälder angebaut, um die Küstenerosion einzudämmen und der Katastrophenschutz ausgebaut.

    Letztlich handelt es sich dabei aber nur um kurzzeitige Maßnahmen: Küstenbefestigungen können nur eine bestimmte Zeit halten, denn wenn der Meeresspiegel um 3 Meter steigt, werden die Inseln von Tuvalu und von Kiribati aufhören zu existieren. Die Menschen sind sehr entschlossen, ihr Land zu bewahren; sie haben viele Wellen der Kolonisierung und Ausbeutung erlebt und im Laufe des letzten Jahrhunderts massive Gewalt ertragen. Aber die pazifischen Inselbewohner bewohnen ihr Land seit vielen Tausend, sogar Zehntausend von Jahren. In vielen Fällen ist die Fähigkeit, Wege zu finden, um an Ort und Stelle zu bleiben oder bei Bedarf in Würde zu migrieren, die stärkste Form des Widerstands.

    Welche Einsichten für Überlebensmodelle in Zeiten des Klimawandels bieten diese besonderen Formen des Widerstands? Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse? Und wie kann der Rest der Welt von ihnen lernen?

    Die größte Erkenntnis für mich ist die Frage: Was bedeutet es, von Menschen zu erwarten, dass sie resilient sind? Die indigenen Gemeinschaften werden oft dafür gepriesen, weil sie so widerstandfähig sind. Dabei wird aber kaum die Rolle von weißen Anglo-Europäern in Frage gestellt, die die Menschen erst in die Situation gebracht haben, dass sie um ihr Leben kämpfen müssen.

    Wir müssen auf uns selbst schauen und unsere Haltung gegenüber denjenigen überdenken, die wir durch unsere Handlungen ausgelöscht, verleugnet, gefährdet und getötet haben. Wir müssen herausfinden, was wir tun können, um uns selbst, unsere Freunde, unsere Familien, unsere Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen. Wir müssen untersuchen, wie wir kontinuierlich vom rassistischen Glauben an die weiße Überlegenheit profitieren, die schwarze, indigene und braune Menschen in den Status von Nicht-Menschen verweisen, egal ob als Opfer oder als Heldin.

    Viele der Aktivisten und Aktivistinnen mit denen ich gesprochen habe, sagten: „Wir tun das nicht nur für uns, sondern auch für dich, denn wenn wir weg sind, bist du auch weg.“ Sie betonten, wie destruktiv der rassistische Kapitalismus für den Planeten ist und wie grundlegend selbstschädigend unsere gesamte Lebensweise für Menschen und Ökosysteme ist. Viele Anglo-Europäer wollen die Menschen, die sich an den Frontlinien des Klimawandels befinden, retten, ohne wahrzunehmen, dass diese Menschen keine Rettung brauchen. Was sie brauchen, ist, dass wir uns um die Ungleichheiten zu kümmern, die wir verursachen und an denen wir mitwirken.

    Im Rahmen der Initiative MORE WORLD interessieren wir uns besonders für den Migrationsaspekt, insbesondere dafür, wie der Klimawandel Migrationsbewegungen auslöst und wie diese möglicherweise wiederum den Klimawandel beeinflussen. Was sind Ihre Beobachtungen diesbezüglich?

    Im Pazifik haben die Menschen bereits umfangreiche Binnenmigration erlebt, das heißt, sie mussten ihre Dörfer, Städte, Inseln und Atolle verlassen und innerhalb der jeweiligen Staaten umziehen. Im Jahr 2014 kaufte der ehemalige Präsident Kiribatis, Anote Tong, Land in Vanua Levu (Fidschi), damit die Kiribati-Insulaner dorthin ziehen könnten, wenn ihre Inseln vollständig unter Wasser stünden. Dies schien von außen gesehen eine vernünftige Lösung zu sein.

    Viele Bewohner von Kiribati, mit denen ich gesprochen habe, sagten jedoch – ganz abgesehen davon, dass sie nicht umziehen wollten –, dass sie nicht das Gefühl hatten, dass ein solcher Plan machbar sei. Erstens handelte es sich vor allem um Leute, die in den tiefgelegen Küstengebieten an den Atollen lebten und für ihren Lebensunterhalt auf das Riff und das Meer angewiesen waren. Das betreffende Stück Land auf Fidschi lag weiter im Landesinneren.

    Das bedeutete, dass sie völlig neue Fähigkeiten für ihren Lebensunterhalt erlernen müssten. Zweitens war das Land bezüglich seines Ackerbaupotenzials eher fragwürdig, was bedeutete, dass es Probleme beim Anbau von Lebensmitteln geben könnte. Drittens würden sich die Dorfbewohner, die traditionell auf Dutzenden von kleinen Inseln lebten, auf einen viel kleineren Raum begrenzen müssen, was zu Konflikten führen könnte. Und schließlich spielten die indigenen Grundbesitzsysteme eine sehr bedeutende Rolle für die Ordnung der Gemeinschaft, so dass die Menschen nicht auf Land leben wollten, das ihnen nicht gehörte.

    Eine Sache, die immer wieder betont wurde, war, dass Migration mit Würde geschehen müsste – dass, wenn Menschen international migrieren müssen, sie in der Lage sein sollten, zu entscheiden, wohin sie gehen und unter welchen Umständen. Dieses Bedürfnis nach Selbstbestimmung in der Migration ist von entscheidender Bedeutung. Wir sollten ihm entsprechen, da die Gründe, warum diese Gemeinschaften gezwungen sind umzusiedeln, nichts mit ihren eigenen Handlungen zu tun haben. Sie sind von Umweltveränderungen betroffen, zu denen sie kaum oder gar nicht beigetragen haben. Solche Erwägungen müssten grundsätzlich in der Migrationspolitik eine Rolle spielen, egal ob die Migration durch Klimawandel, Krieg, schwindende Ressourcen und ähnliches begründet ist.

    Bezüglich der politischen Dimension der kommunalen Praktiken der indigenen Kulturen auf den pazifischen Inseln frage ich mich, ob und wie eine Perspektive auf die Menschenrechte in diesem Zusammenhang sinnvoll ist: Ist es sinnvoll, die Frage der Rechte indigener Kulturen im Pazifikraum anzusprechen, um Gerechtigkeit im Zusammenhang mit dem Klimawandel anzugehen? Mit anderen Worten: Wie sieht die Politik von Klima- und Umweltgerechtigkeit im Pazifik aus?

    Viele der Gruppen in den pazifischen Inselstaaten, mit denen ich zusammengearbeitet habe, verstehen Umweltgerechtigkeit als eine Frage der Menschenrechte. Der Zugang zu ihrem Land, ihren Gewässern und ihre Ressourcen ist ihr unveräußerliches Recht. Dieses Recht werden ihnen aufgrund von Umständen entzogen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen. Gerade in nationalen und internationalen Steuerungsgremien ist es sinnvoll, Umweltgerechtigkeit als Menschenrecht zu benennen.

    Dadurch kann man anknüpfen an rechtliche Argumente bezüglich Zwangsmigration, Ökozid und Umweltzerstörung und kann direkt die Verantwortung der großen Unternehmen und Nationen benennen, die die Umwelt zerstören. Aus dieser Perspektive ist es möglich, darüber zu sprechen, welche Schäden entstanden sind und wie adäquate Entschädigungen aussehen könnten, sowie darüber, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Gesundheit hat, inklusive des Schutzes sexueller Autonomie, und auf die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Selbstbestimmung.

    Noelene Nabulivou von DIVA for Equality Fiji kommentierte das mir gegenüber wie folgt: „Wenn wir sagen, dass wir die Ökosphäre als Ökosphäre betrachten, wenn wir uns bewusst sind, dass wir als Menschen Grenzen haben, dass wir auf einem Planeten leben, für den wir Sorge müssen, genauso wie wir für uns selbst Sorge tragen, dann ist ein rechtlicher Ansatz der einzige Weg.“

    Ich kann dem komplett beipflichten– es ist der einzige Weg. Es ist keine Lösung, weiterhin zu versuchen, sich technisch aus den Problemen heraus zu winden, oder zu versuchen, das System irgendwie zu optimieren, obwohl es ungesund ist. Wenn wir ein kapitalistisches System haben, das in unseren Körpern und in unserer Umwelt Amok läuft, dann kann nur ein Ansatz, der die Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt, helfen. Wir werden das, was wir verloren haben, nur reparieren, umwandeln und erneuern können, wenn wir uns über die Grundlagen des Lebens auf einer Erde klarwerden, die Grenzen hat, wo wir Macht und Raum neu verhandeln müssen.

    Das ist wirklich eine Frage der Rechte und der Gerechtigkeit. Wenn man es darauf zurückführt, können alle bestehenden Strukturen in Frage gestellt werden. Gerechtigkeit bedeutet für mich, in Liebe und Gleichheit und Ganzheit mit anderen zu leben. Es ist ein bisschen schwierig, die weiterhin die gleichen, alten, dummen Strategien zu verfolgen, wenn Gerechtigkeit dein eigentliches Ziel ist. Sogar die Menschenrechte können missbraucht werden. Aber ein Ansatz, der die soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt, muss notwendigerweise den Kern dessen ansprechen, was es bedeutet, Mensch zu sein, und zwar Mensch zu sein zusammen mit anderen Spezies, und Mensch zu sein auf einem endlichen Planeten. Das bedeutet soziale Gerechtigkeit.

    Wenn wir dann noch mal genauer schauen, stellen wir fest, dass es weitere Bedingungen gibt, die vielen Menschen wichtig sind, wie zum Beispiel: „Keine soziale Gerechtigkeit ohne körperliche Autonomie.“ Da kommen wir zu der feministischen Praxis rund um den Satz „Das Persönliche ist politisch“, der ungeheuer wichtig ist. Denn man kann kein gerechtes System haben, wenn es nicht für alle, die Teil davon sind, funktioniert. Und das ist eines der revolutionärsten Konzepte: Wie baut man ein System, das gerecht für alle ist? Das ist sehr schwer, gerade weil es so zentral ist.

    Wie werden sich die indigenen Völker des Pazifikraums angesichts des Klimawandels auch in Zukunft als eigenständige politischen Akteuren positionieren?

    Die indigenen Völker im Pazifik waren schon immer politische Akteure. Sie haben weit vor der anglo-europäischen Invasion auf ihren Inseln gelebt und ihr Land und Meer bestellt. Sie werden dies auch weiterhin tun, egal was die Zukunft bringt. Der papua-neuguinische Aktivist und Politiker Gary Juffa es so formuliert: „Unsere Meere und unsere Wälder haben uns seit Jahrtausenden erhalten. Wir sollten uns nicht von Organisationen, die in erster Linie von Profit und Gier angetrieben werden, überzeugen lassen, dass wir plötzlich verhungern und als Volk aussterben werden. Wir leben seit Tausenden von Jahren in dieser Gegend ohne Geld, ohne Gewinn, ohne Gier. Wir können noch weitere tausend Jahre oder mehr hier leben.“

    Anm. d. Red.: Anja Kanngieser war Keynote-Speakerin bei der Berliner Gazette-Konferenz MORE WORLD, die vom 10. bis 12. Oktober im ZK/U Berlin stattfand und mit Workshops, Performances und Diskussionen der folgenden Frage nachging: Wie können wir grenzüberschreitend zusammenarbeiten, um dem Klimawandel entgegenzutreten? Eine umfassende Dokumentation der Konferenz mit Projekten, Audios und Videos finden Sie hier. Die Interviewfragen stellte die Berliner Gazette-Redaktion im Rahmen der MORE WORLD-Initiative. Übersetzt aus dem Englischen von Valie Djordjević. Das Foto oben zeigt den Ausschnitt einer Satellitenaufnahme von Nauru stammt von der ARM Climate Research Facility und steht unter einer CC-Lizenz.


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