• Halsstarres Hirn

    Ich sehe mir gerade einen Film von Guy Debord von 1973 an: Nixon und Kissinger laecheln darin, sie freuen sich, bei Mao zu Besuch zu sein. Wieso? Spaeter sieht man auch Mao mit froehlichem Gesicht entspannt in einem Ledersessel sitzend. Vor fast vierzig Jahren hatte man gut Lachen. Bis auf Debord, der das Spektakel griesgraemlich beaeugte.

    In der Filmfassung seines beruehmten Buchs La Societe du Spectacle sind viele nackte Busen zu sehen: Offenbar ist der begehrenswerte weibliche Koerper Bestandteil jenes diffusen Gesellschaftspektakels, das Kapital und -ismus fuer ihren Fortbestand brauchen.

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    Oder benoetigen menschliche Gehirne den Anblick nackter Menschen, um sich aus ihrer Halsstarrigkeit zu loesen? Ich betrachte ein Foto, das Debord und seine zweite Frau Alice Becker-Ho im wohl sommerlichen Garten zeigt. Sie, mit freiem Oberkoerper, giesst etwas in ein Glas, waehrend er vom kleinen Gartentisch der sommerlichen Sonne entgegenblickt. Es gibt Kaffee, vielleicht Wein, entrueckt vom Antlitz der Warenwirtschaft – ein Kuenstler im Rueckzug. Dabei ist das Schoene doch eingebettet in die unmittelbare unangenehme Gegenwart. Erstaunlich, dass Kunst oft nur als Relikt der Vergangenheit wahrgenommen wird.

    Ich war noch nie in Venedig, doch das soll sich bald aendern. Als Vorbereitung fuer die Reise schaute ich Viscontis >Tod in Venedig<, von dessem barocken Kunstverstaendnis mich das debordsche Filmexperiment erloeste. Die Vergangenheit einer Stadt ist eigentlich nie interessant, nur das Jetzt, in dem das Ehemalige den Finger zu heben versucht. In der Kulturpolitik wird letzteres zum Anlass genommen, olle Kamellen als zeitgenoessisch zu deklarieren (siehe das schwachsinnige Berliner Stadtschloss). Naheliegend, weil das Alte noch steht und das Neue oft unendlich alt ist, selbst wenn es im dumpfen Schein des Alten glaenzt. Oje.


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