• Goebbels, Google und die Kunst

    Letztes Jahr im Sommer hatte ich vorab Widerspruchgegen das Foto meines Wohnhauses in Google Street View eingereicht. Daraufhin erhielt ich die schwammige Antwort, die Fotos seien noch nicht veröffentlicht. Gestern habe ich nochmal geschrieben, worauf prompt eine gleichlautende Mitteilung kam.

    Alles nur für Behinderte?

    In offiziellen Google-Verlautbarungen konnte ich keine näheren Hinweise auf den Auswertungsprozess der fotografischen Daten finden. Da ist lediglich zu lesen, dass alles bereits im Jahr 2008 fotografiert worden sei und jetzt nur noch ein paar Fotos nachgelegt werden müssten, aufgrund technischer Probleme.

    So ganz schrecklich sei Street View ohnehin nicht, weil Fotos wenigstens ein halbes Jahr alt wären. Vielmehr sei doch prima, wenn Behinderte ihre Londonreise vorab auf örtliche Rollstuhltauglichkeit abchecken könnten.

    Mich widert jedoch an, dass mein Wohnalltag Googles Einkommen generieren soll, dass mein Leben, mein Umfeld – auf der schieren Basis des Daseins – zur Werbeeinnahmequelle mutiert. Meiner Existenz wird ein dünner Film von softem Totalitarismus übergestülpt, gegen den ich mich nicht sträuben soll. Ich kann zwar, aber was macht dann die arme Rollifrau?

    Kunst als Beschwichtigung

    Weil nun gerade mehr Menschen meckern, als Google lieb ist, haben die Leute sich was Schönes gedacht: „Wir holen die Künstler ran!“. Das ist ja nichts Neues bei Totalitaristen: Goebbels hatte Breker und Riefenstahl, Google holt sich Hans und Franz. Ganz im Sinne des überindividualistischen Internets, an dem jeder fein demokratisch teilhaben soll.

    Ausgelöst wurde meine neuerliche Googlewut bei der wiederholten Lektüre der Materialsammlung „1989“ von Rainald Goetz, dessen Medienmitschriften in die Zeit der Tienanmenplatzaufstände fielen.

    Ich sah Aufständische schwarzen Googlewagen entgegentreten und ihnen die Kameras von den Dächern reissen, während wütende Googlefahrer mit ihren Phantomkarren gegen Rebellenbeine brausten. Dann beruhigter: Der Web2.0-Krisenstab wird die Weltmachtansprüche der Suchmaschine einstampfen.

    Dystopie: Smartphone

    Im Geldautomatenvorraum meiner Post stand vorgestern abends ein Mann mit Einkaufsrollkoffer. Auf dem Fensterbrett dudelte leise ein Transistorradio. Er guckte allein durchs Fenster auf die Straße. Die Einsamen der Zukunft fingern an Smartphones und glotzen auf die Straßen anderer Orte. Das hält sie dann warm.


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