• Globalisierungskritik, wie weiter? Antwort #4

    Einst kamt Ihr alle an einem Ort zusammen und ersannt dank Eurer gemeinsamen Sprache ein grenzdebiles Grossprojekt – einen Turm, statt meiner Weisung „Seid fruchtbar und mehret Euch und fuellet die Erde“ nachzukommen. Ich hatte keine andere Wahl als Euch die Sprache zu verwirren, auf dass Ihr einander nicht mehr verstuendet.

    Da zerstreutet Ihr eure Siedlungen in alle Winkel der Welt. Spaeter gruendetet Ihr Nationalstaaten. Das resultierende kontinuierliche Massaker war verdammt noch mal nicht meine Schuld! Schliesslich toetetet Ihr mich, so wie es der Syphilitiker gesagt hat.

    .
    G8-Grossdemo, 02.Juni, Rostock. Bild:Krystian Woznicki

    Doch zeigt Ihr meinen Schatten noch immer in Hoehlen . So muss mein Geist von schwachsinnigen Schreibern Besitz ergreifen und zu Euch sprechen, statt endlich Ruhe zu finden. Aber das Wichtigste ist, Ihr seid nun allein verantwortlich. Ich bin tot und bleibe es auch! Ihr habt Euch die Erde nicht nur Untertan gemacht, sondern Sie noch dazu voellig ruiniert: >Berlin, Dezember 2006, 15 Grad, das Klima sitzt<. Nun muesst Ihr wieder eine Sprache sprechen, wenn’s sein muss, baut auch Euren idiotischen Terror-Turm. Aber vor allem – globalisieret Euch! Globalisierung ist toll!

    Ein Zeichen? Nach dem ersten Weltkrieg wandtet Ihr euch vom Internationalismus ab, den Ihr heute Globalisierung heisst, und zogt Euch in den Protektionismus zurueck. Und was hattet Ihr davon? Das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens sank von 1913-1950 auf unter ein Prozent. Globalisierung ist das Ergebnis menschlicher Innovation und technischen Fort- schritts. Nur vernetzt und gemeinsam koennt Ihr Euch noch retten. Eure Ideen werden Fluegel haben. Wissen und Technologie, in den entlegendsten Ecken der Welt in sekundenschnelle abrufbar, Meinungs- und Ideenaustausch ohne Grenzen, fast kostenfrei.

    Vergesst auch die Armen nicht, allein der Protektionismus der Reichen kostet sie 100 Milliarden Dollar im Jahr, doppelt so viel wie die gesamte Nord-Sued-Entwicklungshilfe. Durch meinen Tod haben sie das Himmelreich verloren, umso mehr haben sie nun Eure Hilfe verdient, zu Euer aller Bestem. Macht aus dem UN-Sicherheits- einen Globalisierungsrat, Mehrheitsentscheide statt Vetomaechte, ein Abgeordneter fuer 12,5 Millionen Menschen statt fuenf Mitgliedern. Dann fuehrt endlich die Tobinsteuer ein. Und: >Fuck the borders!< Vor allem die in Euren Koepfen. (Anm. d. Red.: Der Autor ist Studtent an der FU Berlin)


13 Kommentare zu Globalisierungskritik, wie weiter? Antwort #4

  • was für ein morgen! endlich hat mal wieder gott zu mir gesprochen. habe ich was falsch gemacht oder endlich mal was richtig?
  • also wenn man die Figur auf dem Foto berücksichtigt, würde ich sagen, dass das schlechte Gewissen zu uns spricht: Zu viel falsch gemacht und noch lange nicht genug Richtiges.
  • @Samson: Einverstanden. Man kann es so aber auch anders deuten.Denn der farbige Mann Gott selbst ist, dann haben wir was richtig gemacht, nämlich, weil wir angefangen haben mit dem Aufbau einer globalen Zivilgesellschaft. Insofern: Ambivalenz und Beziehungsvielfalt, das sehe ich in diesem Beitrag auch, die Beziehungsvielfalt des Zusammenhangs von Globalisierung und christlicher Religion. Vielleicht.

    1 - die ersatz-religion-these: interessant in diesem Zusammenhang ein artikel, den ich nach der Begegnung mit dem Autor von "One Market Under God: Extreme Capitalism, Market Populism, and the End of Economic Democracy" schrieb: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/9/9948/1.html

    Philosoph Joachim Koch sagt in diesem Zusammenhang:

    "Im Mittelalter prägte die Kirche Denken und Verhalten, seit der Aufklärung galt die Vernunft als Maßstab allen Handelns. Heute spielt diese Rolle die Ökonomie: Sie prägt unsere Vorstellungen von Glück, Liebe und Lebenssinn."

    und in diesem Zusammenhang die Transformation der kirche in ein dienstleistungsunternehmen, wie ich mal in einem anderen Kontext notierte:

    Spätestens seit dem 2. Weltkrieg haben sie an gesellschaftlicher Relevanz eingebüßt. Seit geraumer Zeit bröckelt ihre Existenzgrundlage. Erst neulich berichtete die Süddeutsche Zeitung einmal mehr über die lähmende Finanzkrise des Erzbistums und McKinseys Rat, einen härtest möglichen Stellenabbau durchzuführen und zu verkaufen, was sich verkaufen lässt. Mit der administrativen Transformation dieses Sektors geht allerdings auch die Transformation der spirituellen Domäne in einen Dienstleistungssektor einher.

    2 - die kolonisierungs-these: vielleicht interessant in diesem zusammenhang ist das jüngste buch des spanischen philosophen eduardo subirats (viaje al fin del paraiso), in dem er auf die "ursprünge der Globalisierung" verweist (spanische Eroberung des Paradieses / der Neuen Welt im Namen Gottes) und in dem argumentiert, dass Globalisierung die Kolonisierung fortschreibt, weil der christliche Wertekanon derselben als Subtext zugrunde liegt. Mit dem Kapitaluismus als gemeinsamen Nenner lassen sich beide Thesen als zwei Seiten ein und der selben Medaille lesen.
  • Tobias am 25.06.2007 13:09
    @Krystian: Hey, freut mich, dass ich dir eine Freude machen konnte! Da der Gott, der spricht tot ist und lieber in Ruhe gelassen würde, kann ich deine Frage nach richtig/falsch nicht beantworten ;)
    Zu deinem zweiten Kommentar: Interessant, was du so alles in dem Text liest, wusste weder, dass ich von Ersatzreligionen, noch von Kirchen als Dienstleistungsunternehmen, noch von Kolonialisierung sprach. So kann einen der eigene Text noch überrachen....
  • @tobias: Ich bin mir da nicht so sicher, dass Gott tod ist. Lebt er nicht weiter - etwa im Kapital?

    In Zeiten, in denen es kaum mehr Fixpunkte gibt, ist auch sowas wie der klassische Gott ein Modell, das funktionieren kann, weil er einen Fixpunkt darstellt und weil der Glaube an ihn etwas Transzendentales impliziert, das heute durch den ewigen Wandel quasi begraben worden ist.

    Viele Menschen wollen wieder glauben. Am liebsten an etwas, das nichts mit Kapitalismus zu tun hat.
  • Tobias am 25.06.2007 17:26
    Na ja, ich hätte vielleicht schreiben sollen, Gott sollte tot sein. Ihn endgültig ruhen zu lassen ist aus meiner Perspektive der einzige Weg, der eine Zukunft hat. Das kann natürlich nicht von heute auf morgen geschehen, du selbst erwähntest die neue Suche nach Glauben, dazu kommt dann noch der Konflikt in Israel, die Probleme zwischen Westen und Islam, der neofundamentale Prostestantismus in den USA etc. Ich halte Glauben heute eine bewußtseinstrübende Realitätsflucht, anstatt sich den Problemen zu stellen.
    Wir brauchen auch keinen Gott mehr für Moral oder Ethik, der kategorische Imperativ reicht doch völlig, um moralisch korrektes von immoralischen Verhalten zu scheiden. Menschen, die Orientierung suchen, machen es sich viel zu leicht, wenn sie auf etwas zurückgreifen, was längst überwunden sein sollte.
    Mein "Credo" lautet also "Fuck Religion!"
  • Susanne Lederle am 25.06.2007 22:13
    Ey, lasst doch mal den Gott in Ruhe. Ich bin mir da nämlich ziemlich sicher, dass der tot ist. Der ist so tot, wie man nur sein kann, wenn man nur noch die Metapher einer Metapher ist. Erst denkt man sich ihn aus, um "Denken und Verhalten" zu prägen, dann ist er auf einmal nicht mehr gut genug, weil man auf einmal die "Vernunft" entdeckt hat und jetzt sind alle betreten, weil der bellum omnium contra omnes keine schicke Verkleidung mehr hat, sondern die häßliche Fratze des Kapitalismus ungeniert in die Welt grinst, wo sie vorher nur mehr oder minder nett verpackt war. Und was ist? Die Leute hängen sich Papstbildchen auf´s Klo. Und das ist dann ein lebendiger Gott? Und funktioniert das für irgendwen wirklich? Da hat Dieter Bohlen mehr Einfluss. Und das ist das geringere Übel.
    Das hat alles von vorne bis hinten nichts mit Gott zu tun, der kann nichts dafür, der war immer schon der Dumme ohne Administrator-Rechte, jetzt aber wird er auch noch ver-event-tet wie z.B. auch der G8-Protest. Das ist toter als tot. Armer Gott. Sein wir seiner Seele gnädig.
  • Es gibt noch eine andere Perspektive auf den vermeintlichen Tod Gottes.

    Wie der französische Philosoph Jean Luc Nancy anmerkt, fordert das Christentum von seinen Anhängern den Glauben an eine Absenz, eine Abwesenheit ab, was den Gläubigen in unmittelbare Nähe zum Atheisten setze.

    "Das bedeutet, dass der Atheismus, der nunmehr das Abendland bestimmt und der dessen Art zu wissen und zu existieren innewohnt, selbst das realisierte Christentum ist."
  • Susanne Lederle am 27.06.2007 22:57
    Naja, das ist ja nicht so ganz neu, sondern bei Nietzsche ja eigentlich implizit in der Aussage vom Tode Gottes. Das Christentum hat ihn selbst getötet, weil es die Werte verkehrt herum setzt (ein "nichts", nämlich sich, als "etwas", das "etwas" verkauft) und so quasi sein eigener Antichrist ist. In der Umwertung der Werte wird das dann deutlich, dann ist das Christentum die hohle Veranstaltung und damit wohl tatsächlich atheistisch, die ich oben beschrieb.
  • @susanne: es geht ja darum, den atheismus als realisiertes (also lebendiges) christentum zu begreifen, das ist der/ein wichtiger/ punkt. also einerseits im unglauben den glauben wahrzunehmen und in der absenz die präsenz. deswegen: ein dummer ohne administrator-rechte? da wäre ich nicht so vorschnell. macht, so wie ich das beoabachte, funktioniert heute v.a. dann besonders gut, wenn sie eine ist, die kein zentrum hat, kein gesicht etc. eine, die abwesent ist. deshalb: nicht papst-bilder, sondern nicht-bilder.
    so geht es auch bei der bestandsaufnehme dessen, was für katastrophen der christentum und der glaube an gott auch heute noch verursacht, darum, auch unter der oberfläche zu graben. hinter bilder(-regimes) zu schauen und im nicht-repräsentierbaren die manifestationen von macht auszumachen. amen ; )
  • Tobias am 28.06.2007 11:20
    "Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
    niemand bespricht unsern Staub.
    Niemand.

    Gelobt seist du Niemand.
    Dir zulieb wollen
    wir blühn.
    Dir
    entgegen."

    [Paul Celan - Psalm]
  • Susanne Lederle am 28.06.2007 13:03
    @ Krystian: Okay, bezüglich des sich im Atheismus verwirklichenden Christentums sind wir uns ja (vorerst) einig. Aber die Frage nach Gott ist da bloß eine Definitionssache: Entweder man belässt ihn da, wo er ist, wo er für die meisten immer noch ist, im Papst-Bildchen, dann ist seine Zeit abgelaufen. Oder man unterzieht ihn mit dieser Umwertung, dann ist da eine Abwesenheit, die die Strippen zieht, okay, dann ist diese Abwesenheit Gott und damit ist er... tot?! Ein recht potenter Toter (wie die Herren Barthes und Foucault, wenn ich mal Querverbindungen ziehen darf), aber ich finde es schwierig, diese Potenz, nur innerhalb der Umwertung vom Sein zum Nichtsein zu sehen, dann sind wir bei dem alten Platon-Problem, dass eine Flasche eben nicht nur ein Nicht-Hase und ein Nicht-Sonnenschirm, sondern eine Flasche aus sich heraus ist. Ich glaube nicht, das Atheismus nur ein Nicht-Glaube ist. Auch das müsste umgewertet verstanden werden, Glaube ist ein Nicht-mit-den-Gegebenheiten-leben-wollen.
  • Susanne Lederle am 28.06.2007 13:18
    @Tobias: Nicht dem Niemand zu liebe blühen will ich, sondern als Selbstzweck, weil Blühen eben Blühen ist. Niemand ist niemand, dessenwegen braucht man nicht zu blühen. Der nächste Schritt ist fällig.

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