• Globalisierungskritik, wie weiter? Antwort #3

    Wir lieben die Globalisierung. Doch kaum einer gibt es zu. Nach Jahrtausenden in Steinhoehlen und auf Wanderschaft ist der Mensch muede geworden und macht es sich in seinen Widerspruechen gemuetlich. Geld als globaler Konsens von Wert erspart den Weg zum Erzeuger. Geld und Kapital- anhaeufungen machen Waren und Dienstleistungen erhaeltlich oder gar erst moeglich, wie Technologie und medizinische Versorgung. Ohne Kapitalsystem muessten wir Holz hacken, Tiere schlachten und in ewiger Provinz leben. Ohne Geld keine Staedte, kein Kino, keine Fernreisen, nichts waere cool, alles nur Ueberlebenskampf. Und mit 35 waeren wir tot.

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    G8-Grossdemo, 02.Juni, Rostock. Bild:Krystian Woznicki

    Doch nicht alle lieben das moderne Leben und damit die Globalisierung. Es gibt noch wahre Lokalmenschen, Selbstversorger und damit glaubwuerdig lizensierte Kritiker der Globalisierung. In der westlichen Welt sind es allerdings nur Wenige. Es ist falsch zu glauben, dass Konzerne, Politiker, Reiche und Maechtige alleine am Elend der Welt Schuld truegen. Dieser Glauben ist geheuchelt und taeuscht nur ueber die eigenen Widersprueche zwischen Werten und Konsumverhalten hinweg. In vielen konkreten Faellen wie perversen Agrarsubventionen oder dem Insistieren auf medizinischen Patenten tragen westliche Politik und Privatwirtschaft direkte Schuld an Massenhunger, Armut, Krankheit und Tod in Drittweltlaendern, kein Zweifel.

    Doch der allgemeine unbeschreibliche Widerspruch zwischen modernkapitalistischem Lebensstil globaler Gewinner und schmerzhafter Lebenswirklichkeit globaler Verlierer beruht auf nichts weiter als auf unseren eigenen inneren Widerspruechen. Durch unser Konsumverhalten beuten wir Konsumenten Entwicklungslaender aus, quaelen wir Konsumenten Kinder in Fabriken, zerstoeren wir Konsumenten das oekologische Gleichgewicht der Erde. Wir modernen Konsumenten foltern die Armen von heute und unsere Nachgeborenen im Voraus.

    Es ist genauso unsinnig wie unmoeglich, die wirtschaftspolitische Globalisierung rueckgaengig zu machen. Kaum einer von uns Modernen moechte ernsthaft auf Kaufmoeglichkeiten, auf Bananen oder bezahlbare Schuhe, auf Wortverarbeitungsprogramme, Internet und Zugang zu globalen Kultur- und Ideenarchiven, auf Reisen und Auslandssemester, auf Medizin und Wissen verzichten. Es gibt keine Alternative zur globalen Vernetzung der Welt. Natur, Umwelt und Klima waren schon immer global. Nun ziehen endlich Menschen mit ihrem Denken und Handeln nach und entledigen sich ihrer Lokalitaetsphantasien, die sich noch aus vorneuzeitlichen Denkmustern speisten. Die Globalisierung darf geliebt werden.

    Doch nicht alles, was wir lieben, geht mit rechten Dingen zu. Daher ist es absolut richtig, Zeichen zu setzen. Es ist richtig und wichtig, friedlich zu demonstrieren. Wir muessen der Regierung, der Opposition und der Welt zeigen, dass wir faire und vor allem weitsichtige Globalloesungen wuenschen und dringend brauchen, um ueberhaupt als Menschheit in relativem Frieden weiter- und ueberleben zu koennen. Wer sich durch Gewalttaten bei ebenso primitiven wie blutigen Spielen mit der Polizei hervortut, begibt sich auf das Niveau von gewalttaetigen Machthabern und Kriegsfuehrern, die er angeblich bekaempft, und diskreditiert auch die ernst gemeinte Globalisierungskritik.

    Doch viel wichtiger noch als Gewaltverzicht ist es, sein eigenes Konsumverhalten mit den eigenen Werten und Vorstellungen von Menschenwuerde zu synchronisieren. 2002 habe ich bei einem EU-Gipfel in Barcelona so genannte Globalisierungsgegner auf der Strasse demonstrieren gesehen. Zwischendurch gingen sie bei einer amerikanischen Fastfood-Kette Mittag essen. Ich habe keinem unter dem Hemd aufs Etikett geschaut, aber die meisten trugen sicherlich Kleidung, die in Drittweltlaendern gefertigt wurde. Hatten sie Spielkonsolen zu Hause? Sind sie schon mal geflogen? Kauften sie importiertes Obst? 1995 sangen Faithless in Salva Mea: How could I change the world, if I can’t even change myself?

    Die wahre Macht haben Konsumenten. Sie wissen es nur nicht – oder wollen es nicht wissen. Konsumenten tragen das globale Wirtschaftssystem und damit auch die Verantwortung fuer globalwirtschaftliche Prozesse. Nachfrage und Angebot sind zwei Seiten derselben Muenze, die man Markt- und Menschenmechanismus nennen koennte, also dem neurobiologischen und kulturpsychologischen Wechselspiel aus inneren Wuenschen und aeusseren Einfluessen, die im Ergebnis leider noch mehrheitlich dem unkritischen Konsum zutragen und die es zu ueberwinden gilt. Es ist symbolisch und individualpsychologisch komfortabler, Politiker oder Konzernchefs fuer globale Missstaende anzuprangern, um damit die Verantwortung von sich zu weisen.

    Doch wer von der Globalisierung profitiert – sei es nur mit Bequemlichkeit – und gleichzeitig auf die da oben schimpft, attestiert nur seine eigene moralische Unmuendigkeit. Denn Konzerne bieten Waren lediglich an, Politiker oeffnen die Maerkte, den Kauf aber vollfuehren wir Konsumenten selbst und lassen uns somit zum Treibstoff der Umverteilungsprozesse von unten nach oben instrumentalisieren. Wie viel unnoetigen Scheiss und Luxus haben wir uns schon in unseren Leben gekauft? Wie lange mussten wir nur dafuer arbeiten?

    Wie vielen Kindern in Entwicklungslaendern haette man von diesem Geld besser eine Schulbildung ermoeglichen koennen? Oder Medikamente? Wie viele hundert Leben haben wir somit indirekt auf dem Gewissen? Und wie viele direkt durch den Kauf von Produkten, die unter menschenunwuerdigen Bedingungen hergestellt wurden? Unkritisches Konsumverhalten ist ein Anschlag auf die Armen der Welt und steht anderen Gewaltanschlaegen in punkto unvorstellbar moerderischer Unsinnigkeit in nichts nach.

    Globalisierungskritik faengt daher mit Selbstkritik an. Lokal oder zumindest fair kaufen bildet die Grundlage fuer eine gerechtere alternative Globalisierung. Der p.c. consumer muss geboren werden. Nur wer fair hergestellte und gehandelte Produkte kauft, nur Lebensmittel aus dem Umland – also wer auf die Bequemlichkeiten des Supermarkts und der Shopping Mall verzichtet. Wer sich anstatt im Multiplex ueber Hollywood aufzuregen im Programmkino cineastischen Genuessen hingibt. Wer auf Flugreisen, Fossilien verbrennende Autos und viele andere Statussymbole und hedonistische Praktiken verzichtet, der darf auch Globalisierungskritik vortragen.

    Und zwar bitte nicht an der Tatsache der Globalisierung, sondern an ihrer Verfahrensweise. Ich sage es noch mal in aller Deutlichkeit: Wenn wir alle zu politisch korrekten Konsumenten wuerden, gaebe es kaum noch unmoralische globale Konzernpraktiken zu kritisieren, weil wir diesen Konzernen durch konsequenten Konsumentzug ihre Macht entreissen koennten. Doch vorher muessen wir gegen uns selbst protestierend auf die Strasse gehen, damit wir es endlich begreifen.

    Es ist sogar in Grossstaedten moeglich, modern zu leben und dabei politisch korrekt zu konsumieren: Einkaufen in der LPG und auf dem Wochenmarkt, im Supermarkt auf regionale Herkunft achten, Mobilitaet mit Rad und S-Bahn, Energieverbrauch senken und nur Oekostrom beziehen, sich persoenlich aus der Abhaengigkeit von fossilen Brennstoffen befreien, Kleidung aus fairer Herstellung tragen (das duerfte wohl am schwierigsten und teuersten sein), Verzicht auf Flugreisen, sowie Organisation zu kritischen Konsumentenschaften, die Aufklaerungsarbeit leisten und zur Lobby bei Grosskonzernen werden.

    Da Radikales Umdenken aller Konsumenten auf einmal voellig realitaetsfern ist, muessen wir uns Schritt fuer Schritt neu erfinden. Auch die Politik kann noch sehr viel mehr tun, wenn sie sich endlich aus dem Einfluss der Wirtschaft befreit. Diese Entflechtung von Politik und Wirtschaft ist der Anfang einer konstruktiven Gegenmassnahme, die, ergaenzt durch politisch korrekten Konsum, wirklich grosse Schritte hin zu einer gerechteren Globalisierung sind. (Anm. d. Red.: Der Autor ist Studtent an der FU Berlin)


1 Kommentar zu Globalisierungskritik, wie weiter? Antwort #3

  • Magdalena am 18.06.2007 11:11
    Ich denke ja auch, dass man durch politisch korrektes konsumieren einiges ändern kann. Aber wie sieht es aus in einer HartzIV-Bedarfsgemeinschaft? Kaufe ich da BioBananen für 3 Euro das Kilo oder die Billigen für 1,50? Ich glaube da wird nicht lange überlegt. Klar, Besserverdienende können sich überlegen, wie sie konsumieren, aber gerade die kaufen ja auch am liebsten bei Aldi ein. Ich bin da sehr pessimistisch was das Umdenken angeht. Solange niemand in der westlichen Welt direkt am eigenen Leib betroffen ist, davon wie der Rest der Welt aussieht, wird sich nichts ändern glaube ich.

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