ZEITGEIST

Muss der Wunsch nach Entschleunigung unerfüllt bleiben in einer Ära, in der Zeit als etwas Gestalt- und Formbares, außer Kontrolle geraten scheint? Oder schlichtweg diese Eigenschaften verloren zu haben scheint? Hilft die Umklammerung des Terminkalendars als Struktur- und Gestaltungselement des Alltags wirklich weiter? Welche Folgen hat die Globalisierung auf unsere Zeitwahrnehmung? Was könnte man unter der Globalisierung von Zeit verstehen? Wie tickt globale Zeit?

Diese Fragen treiben die Berliner Gazette im Jahr 2007 um. Die Redaktion begibt sich auf die Suche nach einer neuen Weltuhr und befragt dabei Kulturschaffende und Intellektuelle aus der ganzen Welt.
  • Internet-Zeit

    Aus dem Internet heraus betrachtet erscheint es banal, sich ueber die Gefahr eines globalen Zeitregimes den Kopf zu zerbrechen. Das Internet ist fuer die Ewigkeit: wollen wir seine Architektur verstehen, muessen wir es fuer uns nutzbar machen – eher als uns ihm unterzuordnen. Ohne Wissen kann man nichts ablehnen. Der Philosoph Paul Virilio hatte Recht, als er schrieb, dass wir nicht laenger in einer lokalen Zeitrechnung leben, wie in der Vergangenheit, als wir Gefangene der Geschichte waren. Wir leben in einer globalen Zeit. Wir befinden uns in einer Epoche, die einem globalen Unfall gleich kommt, so Virilio. weiterlesen »

  • Daheim in der Gegenwart

    Schon als kleines Kind beschaeftigte mich das Phaenomen Zeit. Es ist faszinierend, weil allgegenwaertig und doch so unverstanden. Damals schon fiel mir auf, welch unterschiedliche Auffassungen Menschen von ihr haben. Und mir wurde bewusst, wie unzertrennlich die Komponenten Raum und Zeit miteinander verknuepft sein mussten… Das ging fuer mich aus rein logischen Ueberlegungen hervor. Auch wenn diese fuer einen 14-jaehrigen etwas aussergewoehnliche Gedanken gewesen sein mochten, kam mir Folgendes in den Sinn: weiterlesen »

  • Fast oder Slow Food?

    Die Idee, das Essen und Trinken mit dem Thema Zeit zu verknuepfen, kam mir, als ich aus beruflichen Gruenden immer weniger Zeit fand, um in Ruhe zu essen und zu trinken. Der Eindruck, zu wenig Zeit zu haben, stellt einen gaengigen, aber wie sich bald zeigte, stark reduzierten Zugang zum Thema Zeit dar. weiterlesen »

  • Geduld für Teilhabe

    Entschleunigung und nicht Beschleunigung lautet das Gebot der Stunde. Entgegen der haeufig geaeusserten Prognose vom Wettlauf gegen die Zeit glaube ich das. Und das schreibe ich auch, obwohl ich menschliche Grundtechniken wie Reden, Lesen, Essen und Gehen schnell taetige und mich Menschen mit langsamen Zungenschlag in Stress versetzen. weiterlesen »

  • Zeit neutralisieren

    Bei der “Zeitspar-Show”, unserem juengsten experimentellen Buehnenformat im “nbi”, ging es uns darum, einen Abend zeitneutral auszugestalten. Hintergrund war unser schlechtes Gewissen. Ueber die Jahre hatten wir unserem Stammpublikum sehr viel Zeit mit unausgegorenen und schlecht vorbereiteten Shows gestohlen. Von dieser Schuld wollten wir etwas abtragen, was uns gelungen ist. Die Show sollte mehr Zeit einsparen, also mehr einbringen, als sie kostet. Am Ende stand einer Brutto-Dauer von einer Stunde und zwanzig Minuten eine Netto-Zeitersparnis von mehreren hundert Jahren gegenueber. Das Ganze wurde multipliziert mit der Zuschauerzahl. Erreicht haben wir das ueber ein knackiges “Studium generale”, sowie eine Reihe Zeitspartipps, die sich aufsummierten, wie zum Beispiel “beim Losgehen von der Tuer abstossen” oder “warten, bis der Film rauskommt.” weiterlesen »

  • Im Namen des Unfertigen

    “Digitale Kunst” koennte man so definieren, dass das Kunstwerk in seinem Vollzug und waehrend seiner Rezeption massgeblich von einem aktuell ablaufenden digitalen Computerprozess konstituiert wird. Solche Definitionen sind natuerlich immer voller selbst gestellter Fallen: wie kann man beispielsweise in Bezug auf einen Prozess ueberhaupt von einem “Werk” sprechen, oder wollen wir ein Werk stets als etwas Abgeschlossenes, Fixiertes verstehen? Aber diese Definition wuerde es uns immerhin moeglich machen, etwas praeziser mit dem Begriff der “digitalen Kunst” umzugehen, der ja auf sehr viele verschiedene Weisen benutzt wird und bei vielen Leute schon dann Anwendung findet, wenn irgendwann im kuenstlerischen Produktionsprozess mal ein Rechner zum Einsatz gekommen ist. Da wird dann jede mit Photoshop bearbeitete und ausgedruckte Fotografie zum “digitalen Werk”… Einer der Vorteile der massiven Verbreitung digitaler Technologien ist dagegen, dass das Wort “digital” selber so gut wie redundant geworden ist. Ein Nachteil ist, dass man in diesem allgemeinen Rauschen und Geplapper wiederum genauer andeuten muesste, was damit eigentlich gemeint ist.. weiterlesen »

  • Auf der Überholspur der Aufklärung

    Erinnerung ist die kleine Schwester der Reflexion, zusammen sind sie die Hebammen jeder Literatur; an etwas anderes als die Jugend aber kann ich mich nicht erinnern, weil ich mehr noch nicht erlebt habe. Ausserdem hat der Jugendbezug in meinem Schreiben noch einen politischen Vorteil: Junge Leute sind mutiger als aeltere, im Guten wie im Boesen; sich dieser Zeit zu verpflichten heisst also, sich gegen das Erschlaffen und die Verzagtheit zu wehren, die den Boesewichtern ihr Geschaeft so leicht machen. weiterlesen »

  • Zeitverknuepfungsnetzwerke

    11. April 2088, Talahassee, Florida. Trotz seiner Uneinigkeit bestaetigte das Oberlandesgericht Floridas heute die Verurteilung des zweijaehrigen Jake Fritter wegen Mordes. Dieses Urteil erlaubt dem Staat Florida nun, mit den Plaenen fuer seine Exekution am 1. Mai um 12:01 fortzufahren. weiterlesen »

  • Das Beschleunigungsregime

    Manchmal fragen mich die Leute nach Vortraegen, ob mein Interesse fuer Beschleunigung mit meinem hohen Redetempo zusammenhaengt. Ich antworte dann meistens, dass ich da eher eine Verbindung zu meinem langsamen Essenstempo sehe: Da ich sehr langsam esse, bin ich am Tisch meistens der Letzte, was dazu fuehrt, dass die anderen unruhig auf den Tisch trommeln und mich unter Beschleunigungsdruck setzen. Aber wirklich angefangen, mich fuer Beschleunigung zu interessieren, habe ich, als ich ueber ein Oedoen von Horvath zugeschriebenes Bonmot nachdachte, das da lautet: “Eigentlich bin ich ganz anders, nur komm’ ich so selten dazu”. Das traf irgendwie genau meine Lebenserfahrung: Man hetzt von Termin zu Termin, mal privat, mal beruflich, und hat dabei das Gefuehl, nie zu den Dingen zu kommen, die einem wirklich wichtig sind. Und da wollte ich eben wissen, ob das an mir selbst liegt, ob ich also etwas falsch mache, oder ob man auf diese Weise einem Strukturproblem moderner Gesellschaften auf die Spur kommt. Und siehe da – je laenger ich darueber nachgruebelte und nachforschte, um so klarer zeigte sich: Das Problem ist sozusagen in die Wurzeln der Moderne eingelassen. weiterlesen »

  • Umnebelt von Sand

    Zivilisationsmuedigkeit – ein Begriff, der vor allem im 18. und 19. Jahrhundert breiten Teilen der europaeischen Bevoelkerung etwas bedeutete. Damals war es die anbrechende Industrialisierung; Maschinisierung der Arbeit; Entstehung von Fabriken; Urbanisierung, Konzentration allen Lebens in der Stadt und subsequente Ueberbevoelkerung staedtischer Raeume; Vereinzelung bei gleichzeitiger Vermassung der Gesellschaft; Entfremdung. Damals reagierten nicht wenige mit der “Zivilisationsflucht”. Paul Gaugin erschuf mit seinen Bildern die Ikonen einer Generation, die ihr Glueck in Uebersee suchte: Trostspendende Nacktheiten, selige Natur, wallendes Meer. Diese Bilder einer Gegenwelt zeigten alles, was der zivilisationsmuede Staedter nicht hatte. Sie waren erotische Entladungen eines gewaltigen Mangels. Aber was fehlt uns heute? weiterlesen »