ZEITGEIST

Muss der Wunsch nach Entschleunigung unerfüllt bleiben in einer Ära, in der Zeit als etwas Gestalt- und Formbares, außer Kontrolle geraten scheint? Oder schlichtweg diese Eigenschaften verloren zu haben scheint? Hilft die Umklammerung des Terminkalendars als Struktur- und Gestaltungselement des Alltags wirklich weiter? Welche Folgen hat die Globalisierung auf unsere Zeitwahrnehmung? Was könnte man unter der Globalisierung von Zeit verstehen? Wie tickt globale Zeit?

Diese Fragen treiben die Berliner Gazette im Jahr 2007 um. Die Redaktion begibt sich auf die Suche nach einer neuen Weltuhr und befragt dabei Kulturschaffende und Intellektuelle aus der ganzen Welt.
  • Effizient träumen

    Jaja, die liebe Beschleunigung… Sie ist als Zeitgeistphaenomen zu Recht etwas in Verruf geraten. Albert Einstein hat in bemerkenswerter Ruhe und vielleicht deshalb so genial rein mathematisch nachgewiesen, dass Masse mal Beschleunigung Energie ist. Bei gleich bleibender Masse wuerde also eine Beschleunigung der Beschleunigung zwangslaeufig einen hoeheren Energie-Output liefern. Das waere natuerlich super. Wenn Beschleunigung aber nur den Zwang zu blinder Selektion bedeutet, zu blinder Anpassung und zu blindem Sturz in den Mainstream, dann verliert man selber an Masse und Klasse und senkt per Saldo die selbsterzeugte Energie. Wenn Beschleunigung also Anpassung im Sinne von Fremdbestimmung bedeutet, dann fuehrt sie zu einer Art Enthirnung und, genauso schlimm, zu einer Entherzung der ganzen Gesellschaft. weiterlesen »

  • Im Cockpit der Wahrnehmung

    Dem Druck der Zeit zu entsprechen – das heisst ja immer konkret: fick mich, ruf mich an, fuell mich aus, rechne, denk nach, kauf mich, fahr mich, nimm mich, mach mich kaputt! Ich begegne diesem Dauerdruck, indem ich einfach morgens total beschleunige und moeglichst schon vor dem Wahnsinn alles erledige. Dann gehe ich an die Isar stundenlang oder in den Englischen Garten- oder beides. weiterlesen »

  • Gravuren des Kapitalismus

    Ich bin in einem franziskanischen Gymnasium zur Schule gegangen. Da gab es den Bruder Stanislaus, der Gaertner des Klosters. Ich habe ihn oft beobachtet, wie er mit extremer Langsamkeit die Rosen schnitt. Also er schaute, er schaute lange, er schaute sehr lange, um dann noch langsamer den Arm zu heben, dann den Schnitt setzte und dann wieder schaute. So ging das stundenlang und es schien, als ob er sich kaum von seinem Platz bewegte. Der Mann war damals um die 70 Jahre alt und er konnte nicht mehr mit geradem Kreuz stehen. Also ich meine, er hatte so was wie einen Buckel. Wie er ganz oben an die Straeucher, Rosen etc. kam, ist mir ein Raetsel. Der Garten war aber immer tip top. Irgendwann einmal fragte ich ihn, wie er das mache, dass alles so ueppig gedeihe und spriesse. Er sagte, das liege nicht an ihm, er da oben mache das und dann sprach er noch von Bruder Unkraut. weiterlesen »

  • Was Neuheit bedeutet

    In einer Tageszeitung denkt man im Grunde niemals an Heute, sondern immer nur an morgen. So werden Themen auch nicht davon bestimmt, wie sie bereits diskutiert worden sind, sondern was man aus ihnen noch machen kann. Dieser Arbeitsalltag hat sich durch das Internet ungeheuer beschleunigt. Denn anders als bei Printmedien wird im Netz unentwegt aktualisiert, was zur Folge hat, dass die Zeitungen der unverbrauchten News noch mehr hinterher rennen. weiterlesen »

  • Irgendwann machts “ping”!

    Zeit kommt bei mir in den letzten drei Jahren hauptsaechlich in der Kategorie sinnlosen Verstreichens vor. Das hat damit zu tun, dass ich zwei entscheidende Fehler verantworte, deren Folgen ich mit erheblichem buerokratischen Aufwand abzuarbeiten habe. weiterlesen »

  • Gegenwart als Politikum

    In epochaler Abgrenzung zur modernen Kunst benennt das Fach Kunstgeschichte mit dem Label zeitgenoessische Kunst meist die Kunstproduktion ab etwa 1960, weil sich fortan ihre Medien und Gattungen verschraenkt haben und weil seitdem an breiter Front – nicht mehr nur ausnahmsweise – die Grenzen zwischen Kunst und Leben, freier und angewandter Kunst erodieren. Eine gegenwartsnaehere Epoche ist bislang nicht ausgerufen worden. Das wird mittelfristig wohl auch nicht mehr passieren, denn die Vielstimmigkeit der Kunst ist einfach zu gross geworden und moeglicherweise loest sich das Fach durch seinen Trend zur Bildwissenschaft demnaechst sowieso auf. weiterlesen »

  • Zeit für eine Welt

    Ich bewohne einen Alptraum, ein kleines Zimmer, in das nur ein Bett passt, und selbst das Bett hat noch eine Zementplatte ueber dem Fussende, um dem Raum eine Art Schweizer- Taschenmesser-Multifunktion zu geben. Die Menschen, die auch in diesem Haus leben, sind unglueckliche Neuankoemmlinge, die um jeden Preis versuchen, sich in die Dynamik Mexico Citys einzufinden… aber eher noch diejenigen, die sich dagegen wehren, von ihr ausgespuckt worden zu sein. Wir klammern uns alle irgendwie verzweifelt fest. weiterlesen »

  • Gelebte Zeiten

    Mein Arbeitsbereich ist die Uni. Beschleunigungsmoeglichkeiten – und damit einhergehend Beschleunigungszwaenge – zeigen sich dort gegenwaertig durch technische Entwicklungen (Internet, Computer, Vervielfaeltigungstechniken), durch institutionelle Oeffnungen (akademischer Disziplinen, Arbeitsmaerkte, Kommunikationskanaele) und durch den starken Druck zu Wirtschaftlichkeit und globaler Wettbewerbsfaehigkeit des Unibetriebes. Diese Beschleunigungszwaenge fuehren in den Arbeitszusammenhaengen, in denen ich mich bewege zu einem Herumexperimentieren mit Moeglichkeiten des Zeitsparens hinsichtlich der Textaneignung, der Textproduktion, der Seminarvorbereitung und – durchfuehrung, der Beschaeftigungszeit pro Studierendem ohne dabei die Qualitaet der Ergebnisse zu vermindern. weiterlesen »

  • Koyaanisqatsi

    Mein Leben spielt sich zwischen Europa, den USA and Lateinamerika ab. Die Kontraste zwischen den drei Welten lassen sich folgendermassen skizzieren: In den USA, selbst in Expertenkreisen lateinamerikanischer Kultur, erlebe ich groesste Gleichgueltigkeit, Desinteresse und manchmal auch Zynismus gegenueber der tragischen Geschichte Suedamerikas. Ueber Kolonialismus darf man nicht diskutieren. Ueber die innerlich und aeusserlich unterminierte lateinamerikanische Souveraenitaet im 19. wie im 20. Jahrhundert kann man nicht reden. Selbst ueber besondere Aspekte in Literatur und Kunst, sagen wir die Einsicht in die geistigen, kosmologischen und sozialen Dramen der literarischen Welt eines Juan Rulfos, Jose Maria Arguedas oder Joao Guimaraes Rosa wird eigentlich nicht gesprochen. weiterlesen »

  • Zack, Zack, Zack

    Wuerde jemand Paul Virilio oder Vilem Flusser, die Theorie-Grossvaeter der neusten Generation frischgebackener Medienwissenschaftler zum Thema Zeit befragen, so wuerde der Erste sowas wie Ach! Alles wird mir zu schnell sagen. Der Zweite, dessen Archiv nun von Koeln nach Berlin gezogen ist, wuerde vielleicht meinen, dass die Geschichte am Ende sei und wir im Nulldimensionalen angelangt sind. weiterlesen »

  • Gegenwart in Plural

    Im Rahmen meiner Dissertation habe ich mich mit lateinamerikanischen Autoren aus den Bereichen Kultur- und Kommunikationswissenschaft, Soziologie und (Stadt-)Anthropologie beschaeftigt und ihre Analysen von Strukturen und soziokulturellen Phaenomenen des Kontinents seit den 1980er Jahren untersucht. Dabei fiel mir auf, wie nachdruecklich der Begriff Moderne im Spiel war, ein Begriff, der zur gleichen Zeit in Europa und Nordamerika immer kritischer betrachtet wurde. Laengst war die Moderne hier nicht mehr nur Synonym fuer die Befreiung der Individuen aus den starren Rollenmustern traditioneller Gemeinschaften und fuer die Chance, die Zukunft frei zu gestalten, sondern auch fuer Sinnverlust, Vereinzelung und Reduktion auf Effizienz. weiterlesen »

  • Zeitgeist Berlin

    Ich arbeite fuer die US-amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press. Daher zaehlen in meinem Leben Minuten, ja sogar Sekunden. Wegen des grossen Zeitdrucks koennen schon zwei Minuten eine halbe Ewigkeit bedeuten. weiterlesen »

  • Vergänglichkeit archivieren

    Nationalbibliotheken sammeln das schriftliche Kulturerbe ihrer Nation. Sie sammeln es, sie bewahren es fuer die Ewigkeit und sie machen es ihren Benutzern zugaenglich. Diese Aufgabe erfuellt auch die Deutsche Nationalbibliothek. Am Gruendungsort Leipzig beginnt die Sammlung schon seit 1913, in Frankfurt am Main nach Kriegsende 1947 und in Berlin wird seit 1970 im Deutschen Musikarchiv alles gesammelt, was mit Musik zu tun hat. Mit den Jahren ist viel Material zusammengekommen, denn der gesetzlich fixierte Sammelauftrag verlangt, alles zu sammeln, was in Deutschland erscheint und dazu die Literatur des Auslandes, soweit sie einen Bezug zu Deutschland hat. weiterlesen »

  • Leben mit Spreeblick

    Ich tue, was ich fuer richtig halte. Das kann gar nicht fuer eine heterogene Masse wie die der Blogger Gueltigkeit haben. Ich freue mich, wenn meine Gedanken oder Meinungen Zuspruch finden, aber ich lebe ebenso mit Widerspruch und anderen Meinungen, was auch gut ist. weiterlesen »