WASSERWISSEN

Seit der Moderne ermöglicht uns das Aquarium, den nassen Planeten durch eine bequeme Brille zu betrachten. Stehen wir noch immer mit diesem Blick vor dem Aquarium als Welt und der Welt als Aquarium? Oder stehen wir mittendrin? Allerdings nicht in einer gezähmten Natur, sondern in einer entfesselten, zweiten Natur in Form zunehmender Informationsfluten?

Mit dieser Fragestellung im Handgepäck führt die Berliner Gazette im Jahre 2009 Interviews. TeilnehmerInnen aus den unterschiedlichsten geografischen und disziplinären Regionen werden an die Grenzen ihrer Zuständigkeits- bereiche geführt – an diesen Grenzen entsteht ein neues Wissen. Wissen, welches vom Wasser gespeichert wird: über unsere Kultur, Gesellschaft und Zivilisation. Und Wissen, das wasserförmig ist, insofern es über die gesicherten Landnahmen herkömmlicher Expertenkulturen hinaus weist und im Fluss bleibt.
  • Fluider Werkzeugkasten

    Das erste Aquarium, mit dem ich etwas anfangen konnte, war wahrscheinlich der Bauch meiner Mutter, in dem ich an der Leine schwamm. Spaeter habe ich Aquarien im Zoo gesehen und in Restaurants. Ein Schulfreund hatte eins. So mit 18. Punk. Oder wollte er gern sein. Letzte Woche war ich mit meinem Sohn bei Karstadt in der Tierabteilung, wo Aquarienkaesten uebereinander stehen. Man kann den Fischen zugucken (ihre Farben leuchten) und weggehen. Zurueck in meiner Wohnung haben wir aus Matratze, Pappkarton und Rollkoffer ein Schiff gebaut, das auch mal Flugzeug und Eisenbahn war, und abends in der Badewanne kleine Plastikboote und Trichter fahren lassen. weiterlesen »

  • Aufloesung von Beziehungen

    Ich stand zum ersten Mal als kleiner Junge, ich war vielleicht vier oder fuenf Jahre alt, bei Verwandten vor einem kleinen Zimmeraquarium. Ich weiss noch oder stelle es mir jetzt so vor, dass ich sofort die Frage hatte, was wohl die Fische von der Welt ausserhalb des Aquariums wahrnehmen. Wenn wir so schoen hineinschauen koennen, koennen die Fische dann auch genauso gut herausschauen? Ich musste auf den Film Findet Nemo warten, um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten. weiterlesen »

  • Intensivstation fuer Fische

    Meinen ersten Blick in ein Aquarium bringe ich mit schweren Polstermoebeln, likorgefuellten Minibars, abgestandenem Zigarettenqualm und toedliche Langeweile verbreitenden Gesellschaftsspielen in Verbindung. An die Fische habe ich nur wenige Erinnerungen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Aquarium freilich schon mehr als hundert Jahre seinen Zenit ueberschritten. Die ersten Aquarien, um die Mitte des 19. Jahrhunderts von religioesen Eiferern wie Philip Henry Gosse entworfen, hatten eine voellig andere Funktion: Sie sollten die bis dahin weitgehend unbekannte und nicht so leicht zugaengliche Unterwasserwelt anschaulich machen. weiterlesen »

  • Unterspuelte Wirklichkeit

    Liest man Marguerite Duras, ist man sogleich aufs Meer verwiesen, ueberall bewegt sie sich an den Ufern irgendeines Wassers. Mal ist es das Wasser des Mekongs, mal ist es der Indische Ozean, dann der Atlantik. Zuletzt spielt das keine Rolle. Was zaehlt ist, dass Duras sich der Erfahrung des Wassers oeffnet, wie man sich der Erfahrung irgendeiner Wueste oeffnet. Diese Erfahrung ist ebenso fundamental wie bedrohlich. Auf dem Meer, in der Wueste kreuzen sich die Erfahrungen von Endlichkeit und Unendlichkeit, immer handelt es sich um eine extreme Situation. weiterlesen »

  • Zwischen den Fluten

    Ich erinnere mich an die Aquarien meiner Kindheit: Einerseits an die langweiligen und etwas trostlosen Aquarien in den Innenhoefen der Restaurants. Bloede Forellen in dumpfen Containern mit Sauerstoffstrom. Ich fuerchtete mich immer ein wenig vor diesen gefuellten Glaskisten aber vor allem machten sie mich traurig. Andererseits hatte ich meine eigenen Aquarien, eigentlich Terrarien, die ich selbst mit Pflanzen und Steinen ausstattete. Darin setzte ich Kammmolche aus und beobachtete gespannt die Entwicklung vom Ei zum voll gewachsenen Molch. Dann setzte ich die Tiere wieder im Weiher im Wald aus, wo ich sie gefangen hatte. weiterlesen »

  • Das liegende Auge

    Das erste Mal vor einem Aquarium gestanden habe ich im Palais du Trocadero in Paris, im Alter von ungefaehr 15 Jahren. Ich habe keine Erinnerungen an bestimmte Tiere, sondern nur an die Farbe des Wassers – es war gruen und gelb, durchzogen von Luftblasen – und an das beunruhigende Gefuehl, dass diese Wassermassen die Scheiben zerbersten und sich ueber uns ergiessen koennten. Das Aquarium – wie uebrigens auch das Terrarium, wo man unterirdisch lebende Tiere wie Ameisen, Schlangen, kleine Nager haelt – leistet einer Art Voyeurismus Vorschub. weiterlesen »

  • Die Segel setzen

    Ist das Internet ein virtueller Ozean oder wohlmoeglich doch eher ein bescheidenes Aquarium? Dies frage ich mich bisweilen durchaus. Das Bild der weiten Welt hinter Glas kommt, glaube ich, der wahren Natur des Ganzen sehr Nahe. Ein ozeanisches Aquarium vielleicht! Denn wirklich hineinlangen kann man nicht, in dieses Meer aus verflossenen, neu an Land gespuelten, oder erst mit dem naechsten Neuigkeitentsunami von Ferne grollenden Informationen. weiterlesen »

  • Entdecker-Spirit

    Die erste Begegnung mit einem Aquarium geht auf meine Kindheit zurueck. Ich war in einem Schweizer Zoo und sah dort ein sehr grosses Aquarium. Eines dieser Aquarien, die man meterlang durch den Raum abschreiten kann. Fuer mich war das pure Immersion. Auf ganz andere Weise taucht das Aquarium in meinem Lebensabschnitt als Kurator und Kunsthistoriker wieder auf. weiterlesen »

  • Aquatische Sehnsucht

    Ich weiss nicht mehr, wann ich das erste Mal vor einem Aquarium stand. Keiner meiner Verwandten oder Freunde besass ein solches Fischbehaeltnis. Ich selbst habe mich nie sonderlich fuer Tiere interessiert. Ich erinnere mich allerdings an die ganz besondere Faszination, die von den so genannten Urzeitkrebsen ausging, die man manchmal als Gimmick in den Yps-Heften kaufen konnte. weiterlesen »

  • Jahresthema 2009: WASSERWISSEN

    Alle reden ueber Erinnerungen. Wir nicht. Wir reden ueber Wasser. Ins Blickfeld ruecken Szenarien des Fliessens, Gleitens und Treibens. Fluesse, Seen, Ozeane. Wellen, Strudel, Tropfen. Und mittendrin: der Mensch. In Koexistenz mit seiner Umwelt, frei flottierend und im Werden begriffen? Oder die perfekte Projektionsflaeche fuer disziplinierende Appelle an Biegsamkeit, Flexibilitaet und Anpassungsfaehigkeit? weiterlesen »