WASSERWISSEN

Seit der Moderne ermöglicht uns das Aquarium, den nassen Planeten durch eine bequeme Brille zu betrachten. Stehen wir noch immer mit diesem Blick vor dem Aquarium als Welt und der Welt als Aquarium? Oder stehen wir mittendrin? Allerdings nicht in einer gezähmten Natur, sondern in einer entfesselten, zweiten Natur in Form zunehmender Informationsfluten?

Mit dieser Fragestellung im Handgepäck führt die Berliner Gazette im Jahre 2009 Interviews. TeilnehmerInnen aus den unterschiedlichsten geografischen und disziplinären Regionen werden an die Grenzen ihrer Zuständigkeits- bereiche geführt – an diesen Grenzen entsteht ein neues Wissen. Wissen, welches vom Wasser gespeichert wird: über unsere Kultur, Gesellschaft und Zivilisation. Und Wissen, das wasserförmig ist, insofern es über die gesicherten Landnahmen herkömmlicher Expertenkulturen hinaus weist und im Fluss bleibt.
  • Unter Wasser zeichnen

    Wenn ich den Blick schweifen lasse und die Wasserflaeche vor mir sehe – mit welchem Wasser habe ich es zu tun? Ich suche nach einem Vokabular, das mehr mitschwingen laesst, als den ersten Blick und im Prozess von Wahrnehmung und Deutung etwas Offenes zulaesst. Ueber die Oberflaeche des Sees blaest der Wind, das Kraeuseln nimmt mit dem Wehen des Windes zu, eine Folge von Wellen scheint auf mich zuzurollen. Die Beobachtung gilt der Bewegung von Wasser. Es geht darum, genauer zu sehen, was das Wasser tut. Ist die Wellen-Bewegung im See nicht eher ein Schein? weiterlesen »

  • Kein Mensch ist eine Insel

    Meine ersten bewussten, intensiven Erfahrungen mit Wasser habe ich auf der Nordseeinsel Juist gemacht. Waehrend der 70er Jahre fuhr unsere Familie zweimal jaehrlich fuer laengere Zeit dorthin in den Urlaub. Grund war allerdings weniger das Meer an sich als Reiseziel, sondern vielmehr die besonders salzhaltige Luft der Nordsee. Die starke Asthma-Erkrankung eines Familienmitglieds hatte dazu gefuehrt, dass uns diese Urlaube vom Arzt als therapeutische Massnahme anempfohlen wurden. weiterlesen »

  • Zum Dahinschmelzen

    Ich liebe Wasser. In jeder Form. Immer wieder gibt es Augenblicke in meinem Leben, da muss ich einfach ans Meer. Es ist die Weite, nach der ich mich sehne, der Blick in die Unendlichkeit. Schwimmen gelernt habe ich in Kaernten. Wir haben die Sommerferien auf einem Bauernhof verbracht. Das Wasser im Schwimmbad dort war kalt und frisch und ist mir oft in Nase und Mund gelaufen. Ein strenger Bademeister stand am Rand, gab Kommandos. Und zum ersten Mal in meinem Leben war ich richtig stolz, als meine Mutter mir den Freischwimmer auf meinen gruengebluemten Frotteebadeanzug naehte. weiterlesen »

  • Der Beat des Ozeans

    Offenbar teilen wir alle grundlegende Erfahrungen mit Wasser: Schon vorgeburtlich schweben wir im intrauterinen Wasser, und moeglicherweise sind unsere Wahrnehmung, sowie unsere elementaren Sehnsuechte davon gepraegt. Die symbiotische Verbindung mit dem muetterlichen Koerper ist eine Grunderfahrung, vielleicht auch ein Modell fuer spaetere soziale Beziehungen, die unsere Sehnsucht nach Gemeinschaft unbewusst wiederfinden will. weiterlesen »

  • Im U-Boot

    Wenn ich ans Wasser denke, kommt mir das Meer oder der Ozean gar nicht in den Sinn. Ich bin wahrscheinlich eine der wenigen, die noch nie im Meer geschwommen und mit dem Meereswasser relativ wenig in Beruehrung gekommen sind. Mein kontemplatives Verhaeltnis zum Wasser haben die Bergfluesse sehr stark gepraegt. Besonders in seiner aktiven Phase entwickelt ein Bergfluss eine gewaltige Kraft: das stuermische Wasser schaeumt, rast ungehindert hinfort. weiterlesen »

  • Leben ohne Regenmantel

    Ich bin am Meer geboren. Und dieses sowohl in Beziehung zu meinem Land, Italien, das tausende von Kilometern vom Meer umkreist wird, als auch in Beziehung zu meinem genauen Geburtsort – Sorrento, eine in der Bucht von Neapel ausgestreckte und gaenzlich dem Meer zugewandte Kleinstadt. Als ich geboren wurde, lebten in dieser Gegend mindestens achtzig Prozent der Erwachsenen auf verschiedene Weise vom Meer. Entweder als Fischer oder als Touristenfuehrer auf dem Meer zwischen Capri, Ischia und Procida oder schliesslich als Seefahrer auf den Schiffen, die von Neapel in die ganze Welt fuhren. weiterlesen »

  • Gefuehlsecht

    Meine Beziehung zu Wasser gleicht meinen Erfahrungen des Erwachsenwerdens. Zunaechst unbeschwertes Treiben, Angst ein Fremdwort, wachsen mit dem Fluss der Zeit der Respekt und die Erkenntnis, nichtig und klein zu sein. Vermutlich ist es gerade diese Erkenntnis, die mich zu neuen Ufern treibt. Dem Nummerndasein entrinnen, etwas Dauerhaftes, Nachhaltiges schaffen. Unser Dasein ist gepraegt von Endlichkeit, und es haette zu Ende sein koennen damals am Griessee im oberbayerischen Landkreis Obing. Ich dachte, ich wuerde ertrinken, bis ich merkte: Ich kann stehen! Mit unserem europaeischen Grossprojekt The Festival springe ich wieder ins kalte Wasser – dieses Mal gewollt. weiterlesen »

  • Neptun, bleib sauber

    Ich habe ein sehr enges Verhaeltnis zum Wasser. Auf dem mecklenburgischen Pfarrhof, auf dem ich aufwuchs, war ein kleiner Tuempel, der ganzjaehrig Beschaeftigung ermoeglichte. Spaeter dann lange Familienurlaube an mecklenburgischen Seen oder der Ostseekueste, das hat immer etwas mit Wasser zu tun gehabt. Seit langem lebe ich nun nicht weit von der Ostsee, die gehoert ganzjaehrig zum Naherholungsgebiet. Erinnerungen an erste Schwimmversuche fallen mir nicht ein, das muss irgendwie sehr schnell gegangen sein, anderenfalls gaebe es sicher derartige Erinnerungen. Tauchtraumata? Keine Traumata! Doch unter dem Wasser sollte es klar und hell sein, d.h. die dunkle Tiefe meide ich schon. weiterlesen »

  • Japan als Aquarium

    In Japan gibt es viele Aquarien. Sie kamen Schritt fuer Schritt mit dem wirtschaftlichen Aufschwung ins Land. Fuer die Japaner verkoerpern sie die Erfahrung von Zeit. Die Wasseruhr namens Rohkoku kommt zwar aus China, aber in Japan wurde sie zum Inbegriff des Konzepts der Relation zwischen Wassermasse und Zeit. Das Aquarium praesentiert kompakte Mikrokosmen so wie dies zum Beispiel Miniaturgaerten tun. Ich sehe das Aquarium in enger Verbindung zu Ma (deutsch in etwa: Negativraum), ein Konzept, welches Zeit und Raum umfasst. Dazu muss ich etwas ausholen. Aber keine Angst, ich fasse mich kurz. weiterlesen »

  • Liquid, click it, you can lick it

    Als ich das Internet erstmals im Jahr 1991 benutzte – damals auf VM/CMS-Terminals und einen EARN/Bitnet-Gateway im Rechenzentrum der Universitaet Konstanz -, existierten nautische Metaphern, soweit ich mich erinnere, nicht. Die damals bestehenden Dienste E-Mail, FTP, IRC und Usenet basierten auf den Metaphern der Post, des Datentransfers, des Chats und der Diskussionsgruppen. Die erste nautische Metapher, die ich erinnere, kam im Jahr 1994 mit der ersten Version des Netscape Navigator in die Welt. weiterlesen »

  • Die Hafenversion

    Bevor ich das erste Mal bewusst vor einem Aquarium als Fischhaus stand, bueckte ich mich erst einmal Seite an Seite mit meinem Vater im Badezimmer ueber unsere Toilette. Dort sollte ich dem Familienfisch namens Fisch so etwas wie Adieu sagen. Natuerlich sagt man als Kind unter fuenf nicht Adieu, also sagte ich zu meinem Vater: “Aber der lebt doch noch!”, und mein Vater dann: “Ja. Noch.” und zutzelte den schwach mit der Schwanzflosse winkenden Fisch aus dem gruenen Fangnetz. Dann machte es Bloetsch, und wir sahen Fisch mit einem geraden Koepfer in das klare Klowasser eintauchen. “So.” sagte mein Vater dann noch, und “Krank war der. Ganz schlapp.” weiterlesen »

  • Keine Zeit zum Surfen

    Im Amsterdamer Zoo Artis stand ich zum ersten Mal vor einem Aquarium. Ja, dass muss so gewesen sein. Anfang der sechziger Jahre, als ich dort aufwuchs. Ich habe daran keine Erinnerungen, weiss aber, dass es stattfand. Es gibt Fotos von mir in diesem Zoo. Als Medientheoretiker muss ich gestehen, dass ich manchmal froh bin, dass die Welt der Objekte und die der Tiere gegen die Invasion der Mikrotechnologie verteidigt werden sollten. Heutzutage glaube ich nicht (mehr) an diesen totalisierende Tendenz der Medientheorie, und Theorie im Allgemeinen, ueber dies und jenes, ueber alles Aussagen zu machen. Ich hoffe, dass Theorie keine Lebenshilfe ist, keine Ersatzreligion also. weiterlesen »

  • Delphin sein

    Wasser ist das Element, oder sagen wir: Der Ort, an dem ich das erste mal schoene, junge, nackte Menschen gesehen habe. Das muss Ende der Siebziger gewesen sein. Man bewahrt sich da eine gewisse aberglaeubische Dankbarkeit. Ansonsten halte ich es nicht so sehr mit dem Elementaren und mehr mit dem Zusammengesetzten und Komplexen. weiterlesen »

  • Krisenreflexe

    Wenn ich mich in das Bild der Verfluessigung des Sozialen hineintreiben lasse, dann trifft mich die ganze Wucht eines Strudels der Aufloesung hierarchischer Ordnungen, die ich in meinem Buch Dystopia beschrieben habe. Die gegenwaertige Finanz- und Wirtschaftskrise macht dies noch einmal verstaerkt deutlich: Weder nationale Schutzwaelle noch andere Autoritaeten koennen die Flut der globalen Verstrickungen aufhalten. Ploetzlich sitzen alle in einem Boot, welches ohne Steuermann und scheinbar auch ohne Ruderer dahin treibt, und sie sehen sich der unbegriffenen Dynamik eines Malstroms ausgesetzt. weiterlesen »