Unter Kulturtransfer versteht man landläufig den "Prozess der Übernahme kultureller Phänomene zwischen verschiedenen Kulturen, so z.B. zwischen verschiedenen Ländern oder zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen". Die Berliner Gazette versteht darunter etwas anderes: Bei uns geht es nicht um Übernahmen, sondern um Transfers im Sinne von Verschiebungen. Kultur und kulturelle Phänomene werden im Zeitalter immer wieder neu verschoben und müssen, sofern man über sie diskutieren möchte, immer wieder neu verortet werden. Dieses Ziel hat der Berliner Gazette-Schwerpunkt des Jahres 2005.
  • Deutsch als Weltsprache

    Die elektronischen Briefkaesten unserer weltweit zerstreuten LeserInnen sind die deutschen Chinatowns des Internet. Anlaesslich des dreijaehrigen Bestehens der Berliner Gazette gab ich diesen Slogan zum Besten und erntete auf unserer Jubilaeumsgala im nbi, damals noch in der Schoenhauser Allee 157, nur maessigen Beifall. Vermutlich konnte das Publikum mit diesem Sprachbild wenig anfangen. Okay, allen ist gelaeufig, dass Chinatowns urbane Satelliten der chinesischen Kultur zwischen Tokio und New York sind. Aber die elektronischen Briefkaesten der Berliner Gazette-AbonnentInnen als das deutsche Pendant dazu? weiterlesen »

  • Mondo English

    Von den heute gesprochenen 6.500 Sprachen werden in den naechsten 50 bis 100 Jahren zwei Drittel ausgestorben sein. Pessimisten sprechen sogar davon, dass es in den naechsten 100 Jahren nur noch 600 Sprachen geben soll. Tendenz sinkend. Und noch nie hatte das Englische einen so grossen internationalen Einfluss wie heute. weiterlesen »

  • Gxis la venontan

    Dieses Mal hatte meine Schwester, eine ueberzeugte Esperantistin, es endlich geschafft. Nach vielen Versuchen hatte sie mich ueberredet, mich beim IJK (Internacio Junularo Kongreso), dem weltweiten Jugend-Esperanto-Treffen, anzumelden. weiterlesen »

  • Das viagraische Vorspiel

    Jede Gesellschaft muss sich reproduzieren und ihr Wissen, ihren Reichtum, ihre Macht, ihre Arroganz und Dummheit weitergeben. Selbst Goetter, Aberglauben und rassistische Vorurteile werden den nachfolgenden Generationen wie Sprachen, Schulden, Rollkragenpullover und Verantwortung ueber den Kopf gestreift. Seit dem 19. Jahrhundert, der Formation von Nationalstaaten, wurde diese Weitergabe und Verewigung verstaatlicht, und unter die Begriffe Bildung und Erziehung gebracht. Der Knueppel der Autoritaet fand in den Schulen und Institutionen der Macht ein perfektes zusaetzliches Medium. weiterlesen »

  • Die Reifepruefung

    Wenn die Musik so laut ist, dass man seine eigenen Gedanken nicht mehr hoeren kann, dann schreibt es sich am Besten. Jetzt ist es gerade so. Rauschschreiben. Come with me to a journey under the skin. Einfach immer weiter schreiben. Beck’s Lemon. Wer das erfunden hat… Ich denke ueber Kommunikationsloecher nach. Neulich bin ich in so ein Ding mal reingefallen… Alles fing an einem lauen Nachmittag im letzten Sommer an. Ich lag auf dem Bett und befand mich in einer Art Daemmerzustand. Jener Zustand, der einsetzt, wenn man gut gegessen hat und alles einfach perfekt ist. Die Sonne blinzelte durch die beigefarbenen Vorhaenge und tauchte das Zimmer in samtenes Licht. Der Fernseher lief, der Ton war abgestellt. VIVA. Ich sah den Clip also im Halbbewusstsein, schlief ein, vergass alles wieder. weiterlesen »

  • Rudimentaeres Deutsch

    Als ich am 27. Juli dieses Jahres auf Mallorca ankam, hatte ich wenige Erwartungen. Ich dachte, es wuerde einfach nur ein weiterer schoener Sommer werden. Das erste, das mich jedoch ueberraschte, war die Calle del Jamon (Schinkenstrasse). In Wirklichkeit hat sie einen anderen Namen, aber die Deutschen nennen sie so und der wirkliche Name ist laengst in Vergessenheit geraten. weiterlesen »

  • Mexikanisches Kreuzwortraetsel

    Es gibt ja viele verschiedene Formen des Uebersetzens. Ich persoenlich dolmetsche viel, weil ich davon ueberzeugt bin, dass heutzutage Loesungen fuer dringende Probleme der Welt nur international, im kultur- und nationenuebergreifenden Kontext, entwickelt werden koennen. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, in Suedfrankreich, und habe deshalb schon von Kindesbeinen an automatisch im Kopf uebersetzt. weiterlesen »

  • Learning by misunderstanding

    Meine erste Lektion in Sachen Lost in Translation erhielt ich im Kino. Genauer gesagt danach. Nach zwei Stunden geballter Langeweile verliess ich mit einem amerikanischen Freund den Saal. Als ich ihn fragte, wie ihm der Film gefallen habe, antwortete er: Oh, it was interesting! weiterlesen »

  • Sound Stories

    Ich weiss nicht, was Sie gerade hoeren; nicht unwahrscheinlich Musik aus Ihrem Mediaplayer, Festplattenzirpen, Buerogeraeusche vielleicht, sehr wahrscheinlich soeben auch das Signal eines Rechners, das Ihnen anzeigte, es sei eine neue Mail fuer Sie eingegangen. Ich jedenfalls sitze, an diesem und einigen anderen Abenden und Morgen im Oktober 2005, an meinem Notebook und schreibe diesen kleinen Text. Nebenher spielen einige Alben von Bob Dylan, das letzte Album von Metric oder Supergrass, Paul McCartney oder Nada Surf. Paul Weller. weiterlesen »

  • Konstruktive Selbstaufloesung

    Ich muss gestehen, dass ich mich lange Zeit geweigert habe, ueber das Uebersetzen nachzudenken. Das mag daran liegen, wie ich zu meinem Beruf kam. Ich wollte ihn nicht. Ich verstand mich als Journalist, sah mich als Vermittler englischsprachiger Literatur fuer einen deutschen Markt. Die ersten Uebersetzungen sind diesem Selbstverstaendnis zu verdanken. Eine Lektorin von Rowohlt-Taschenbuch koederte mich dann eines Tage in einem Buchladen in Cambridge mit dem Angebot: Such dir aus, was dir gefaellt, wir veroeffentlichen deine Uebersetzung. So wurde Martin Amis, den ich von einigen Interviews kannte, ins Deutsche uebertragen, danach folgten literarische Geschichten ueber AIDS, als dieses Kuerzel in Deutschland fast nur in Schwulenkreisen bekannt war. Ich habe diese Buecher nicht sonderlich gern uebersetzt, hielt es aber fuer notwendig, sie deutschen Lesern zugaenglich zu machen. Nach den ersten Buechern kamen weitere Angebote, die ich aus den unterschiedlichsten Gruenden fuer unwiderstehlich hielt, ohne dass ich mich jemals gefragt haette, ob ich eigentlich Uebersetzer sein moechte. Irgendwann schien die Frage auch gar nicht mehr wichtig, und ich habe nicht weiter darueber nachgedacht. weiterlesen »