• Erweckung zur Produktivität

    Bis zu einem gewissen Grade laesst sich das erstaunliches Mass an Religiositaet in den USA auch auf die Angst zurueckfuehren, unter den gegebenen Umstaenden der Beschleunigung, den Anschluss zu verlieren. Allerdings darf man es sich hier mit vorschnellen Erklaerungsansaetzen nicht zu leicht machen. Die spezifische Form der Froemmigkeit in den USA, die calvinistisch gepraegte Erweckungsfroemmigkeit, kann teilweise auf vormoderne Traditionslinien zurueckgreifen und ist dadurch eng mit der Frage nach dem Proprium amerikanischer nationaler Identitaet verknuepft.

    Gleichzeitig aber stellt sie einen Antwortmodus auf Transformationskrisen der oekonomischen Moderne dar. Hierbei spielen dann soziale Abstiegsaengste, insbesondere in den unteren Segmenten der Mittelklassen, eine wichtige Rolle. Die wiederum sind mit Aengsten davor verbunden, nicht mehr mithalten zu koennen, was angesichts der in den USA nur sehr schwachen sozialstaatlichen Institutionalisierung zu verheerenden Folgen fuer die gesamte Familie fuehren kann. Deswegen dienen religioese Gemeinden und Gemeinschaften bis heute auch als soziales Auffangbecken, dessen Rolle durch die ungewoehnlich hohe Mobilitaet der US-amerikanischen Bevoelkerung noch einmal intensiviert wird. Zeitliche, raeumliche und gesamtgesellschaftliche beziehungsweise soziokulturelle Faktoren greifen hier ineinander.

    Die US-amerikanische Religiositaet ist kompatibel mit einer in hohem Masse kapitalistisch durchgeformten Gesellschaft. Ganz gewiss lassen sich Spuren der kapitalistischen Zeitwahrnehmung auch in der US-amerikanischen Religiositaet ausmachen. Gerade im 19. Jahrhundert war die zweite evangelikale Erweckungsbewegung spaetestens ab den 1830er Jahren Bestandteil einer groesseren buergerlich-kapitalistischen Sozialdisziplinierungskampagne, die vor allem dahin zielte, eine laendlich-vormoderne Bevoelkerungsmehrheit in den industruiellen Produktionsprozess des kapitalistischen Systems einzubinden. Ohne die Akzeptanz eines modernen, auf Puenktlichkeit und Geschwindigkeit abhebenden Zeitgefuehls waere das aber undenkbar gewesen. Allerdings handelte es sich dabei um eine indirekte Folge erweckter Zeitvorstellungen.

    Ein anderes, direkt religioeses Moment von intensiviertem Zeitempfinden enspringt demgegenueber dem apokalyptisch-millenaristischen Zug, der den amerikanischen Erweckungsbewegungen von Beginn an innewohnte. Dieser fuehrte und fuehrt immer noch zu einem enthusiastischen Bewusstsein der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi, die wiederum mit der Forderung nach radikalen gesellschaftlichen Veraenderungen gekoppelt war. Diese Veaenderungen wurden aber zeitbedingt als Anpassung an die fortschreitende Industrialisierung des Landes verstanden, ohne dass dies indes eigens reflektiert worden waere. Gleichtzeitig wurde das kapitalistische Zeitempfinden auf diese Weise radikalisiert und spiritualisiert.

    Welche Alternativen zu der kapitalistischen Zeitwahrnehmung die Religionen in den USA zu bieten haben? Es gab immer wieder Tendenzen, auszusteigen. Bereits im Transzendentalismus findet man, etwa bei Thoreau, solche romantischen Bewegungen zurueck zur Natur und einem natuerlichen Zeitempfinden. Interessanterweise griff im 20. Jahrhundert die Bewegung der counterculture, also der Hippies der 1960er Jahre, auf diese moderne, kritische Aussteigermentalitaet zurueck, wurde aber letztlich bereits nach wenigen Jahren vom kapitalistischen mainstream wieder reintegriert, was sehr viel ueber dessen enorme Lebensfaehigkeit aussagt. Eine andere genuin amerikanische Gegenbewegung waere der Kommunitarismus, der aber im Kern kein alternatives Zeitverstaendnis anzubieten hat. Ausseramerikanische Alternativen sind die Hinwendung zu fernoestlicher Spiritualitaet, etwa zum Buddhismus, oder (zumindest fuer weite Teile des 19. und fruehen 20. Jahrhunderts) der roemische Katholizismus, die beide durch eine Wertschaetzung der unproduktiven Kontemplation gekennzeichnet sind, die im buergerlich-viktorianischen Zeitalter ebenso wie in der Gegenwart immer wieder als ineffizient abgetan wurde.

    Die Vorstellung der inneren Uhr ist nicht zentral fuer die amerikanische Erweckungsfroemmigkeit. Eher der Glaube an eine kosmische aeussere Uhr, die gerade dabei ist, beschleunigt abzulaufen, um das endgueltige Ende der Schoepfung einzulaeuten. Man sollte diesen Gedanken freilich nicht ueberbetonen, da die Apokalyptik in den USA ausgesprochen innerweltliche Zuege traegt. Weder wird die Bedeutung des amerikanischen Patriotismus durch die enthusiatische Naherwartung relativiert, noch die Wertzschaetzung des Kapitalismus. Beides ist etwas sonderbar, da man von einem echten Apokalyptiker eigentlich eine Totalrelativierung aller Diesseitigkeit erwarten sollte. Zumindest legt die Erfahrung der christlichen Tradition das nahe.

    Die innere Uhr spielt bestenfalls dort eine Rolle, wo die Erweckungsbewegungen zu einer Individualisierung saemtlicher soziokultureller Bezugssysteme beitragen. Das heisst, das Zeitempfinden wird nicht mehr primaer von religioesen Obrigkeiten bestimmt, etwa durch Glockenlaeuten oder Feiertage. Es meint aber nicht, dass diese religioese Fremdbestimmung durch die blosse Individualitaet eines subjektiven Zeitgefuehls ersetzt wuerde. Ganz im Gegenteil, es wird eine Heteronomie (die kirchliche) durch eine andere (die marktwirtschaftliche) abgeloest, die in Gestalt einer abstrakt gueltigen, durch Uhren geregelten Zeitlichkeit und eine dadurch gesteigerte Puenktlichkeitserwartung daherkommt.


Noch keine Kommentare zu Erweckung zur Produktivität

Bisher wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinterlassen