• Ein Dosenfisch stuerzt sich lachend ins offene Meer

    Vier Tage ist es her, da habe ich mich von allem verabschiedet was mein bisheriges Leben ausgemacht hat. Was bleibt einem, wenn man alles hinter sich laesst? Nicht viel, nur der Koffer und natuerlich man selbst. Nur ist das Selbst hier irgendwie anders. Es bleiben Erinnerungen, verklaert zwar, aber festgehalten, in Fotodateien auf dem Laptop. Doch wie wenig, wie unzureichend ist das. Es gibt hier keine Strassenecken, die mir bekannt sind. Ich habe hier kein Zimmer in dem meine Moebel stehen. Keines meiner Bilder haengt hier an den Waenden und fluestert mir etwas zu. Und vor allem gibt es hier keine vertrauten Gesichter. Es ist ein Neuanfang. Bei Null. Es ist Super!

    Ich sehe neue Landschaften, formuliere meine Gedanken in einer Sprache die nicht mein eigen ist. Es ist nicht alles grundlegend anders und dann irgendwie doch, denn das Gefuehl ist anders. Das Gefuehl in der Fremde zu sein. Fremd zu sein. Dem vorangegangen ist der Abschied. Auch wenn es hart klingen mag, es fiel mir wesentlich leichter als gedacht. Vermutlich weil es schon so lange feststand. Da gibt es bestimmt Verdraengungsmechanismen, die automatisch aktiviert werden, wenn man sich nur rechtzeitig darauf vorbereitet. Nur bei der kleinen suessen Dagny haben diese nicht gegriffen.

    Gestern haben mich meine Vermieter nochmals sehr eindringlich auf die Gefahren von Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll in Kombination mit Suedafrika hingewiesen. Das Ganze wurde nicht nur dahin gesagt, sondern sehr anschaulich durch einen Zeitungsartikel vom letzten Samstag untermauert: fuenf Tote in einer Nacht, hier in George. Immer wieder erschreckt es mich, wie wenig ein Menschenleben zaehlt. Meins kriegen sie nicht! Ich werde mich fernhalten von diesen Lusttempeln, mit ihren leeren Versprechungen und der suessen Melancholie am naechsten Morgen. Nach sieben Jahren exzessiver Partys in Berlin gibt es eh nicht mehr viel was mich noch locken koennte. Zudem wuerde ich wohl kaum gegen den Groove der Afrikaner mit meinem deutschen Ausdruckstanz bestehen koennen.

    Nach dem Abschied kam der Flug. Neunzehn Stunden Tuerkisch Airlines! Mit Zwischenstopp in Istanbul und Johannesburg. Es gibt Leute, die die Tatsache, dass man recht lang auf engstem Raum zusammen sein wird missverstehen und sich berechtigt fuehlen, ganz ungezwungen die Leute zu bequatschen. So auch die aeltere Dame vor mir beim Check-in. Ich persoenlich mag solche erzwungenen Bekanntschaften nicht. Als ich erkannte, dass sie meine Anwesenheit in der Schlange hinter sich bemerkt hatte, versuchte ich also meinen Blick moeglichst konzentriert auf der Anzeigetafel ruhen zu lassen. Mir war klar, dass ich dieses Manoever nicht ewig aufrecht erhalt en konnte, da dort nicht viel mehr als ein paar Flugdaten zu lesen waren.

    Zum Glueck reihte sich in diesem Augenblick eine russische Familie hinter mir ein. Die aeltere Dame, wie ein Raubtier auf der Jagd nach Kontakt, witterte ihre Chance: Das ist aber ein grosser Koffer, den sie da haben. Man sah es den Russen an, auch sie hatten bemerkt, dass die Situation nicht zu unterschaetzen war. So versuchten auch sie moeglichst ungezwungen nicht darauf einzugehen. Aber dieser Stolz der russischen Maenner. Die aeltere Dame, aeusserst gewieft: Ach sie Verstehen mich wohl nicht!?. Da war es um die Russen geschehen. Sie antworteten, so stolz auf ihr gebrochenes Deutsch. Natuerlig wir verstaehen. Die Beute war erlegt. Der Redeschwall, der Uebergluecklichen riss nicht mehr ab bis sie an der Reihe war.

    Ploetzlich drehte sie sich zu mir und merkte an, dass sie doch lieber zu dem Mann am Check-in gehen wuerde, der saehe wohl so sympathisch aus. Ich zwinkerte ihr vielsagend zu. Daraufhin verstummte sie. Dann Istanbul bei Nacht, ein Traum, ein Lichtermeer umgeben und durchzogen vom tiefschwarzen Wasser. Nach drei Stunden Aufenthalt, einer Tasse Kaffee fuer fuenf Euro, ging es weiter. Wieder Check-in. Eine riesige Warteschlange. Diesmal beherrschte ein kleines schwarzes Kind, mit einer gelben Nylon-Bauarbeiterweste und Spidermanmuetze die Szenerie. Ich nahm auf einer, Mamormauer neben der Schlange platz, um mich einzureihen, sobald diese etwas kuerzer geworden war.

    Das besondere an dieser Mauer, sie stieg zum Ende hin an, da sich der Weg, auf dem sich die Schlange zur Leibesvisitation schlaengelte, absenkte. Auf dieser Mauer also, spielte das gerade benannte Kind. Es rannte hin und her, hin und her. Die halbherzigen Versuche, seiner blonden Rasta-Hippie Mutter, es zu bremsen waren natuerlich nutzlos. Das Geschrei des Kleinen wurde immer lauter, das Gerenne immer schneller und, ja man ahnt es schon, das einzige was ihn bremsen konnte war, die uns allen gut bekannte und nun dem Kleinen auch sehr vertraute, die gute alte Schwerkraft. Das Geschrei war nach einer kurzen Unterbrechung nun noch lauter und wirklich herzzerreissend. Als ich bei der Kontrollstelle ankam sah ich auch warum; die Mauer hatte an diesem Punkt bereits betraechtlich an Hoehe gewonnen. Ein Arzt musste her. Das Kind konnte, nebst Mutter dann doch noch mit

    An meinem Fensterplatz im Flugzeug angekommen sah ich, dass hinter meinem Sitz, eine sehr attraktive, junge Schwarze, es sich gerade gemuetlich machte. Da wir ja nun so viele Stunden gemeinsam auf engstem Raum verbringen wuerden und so eine Flugzeuggesellschaft ja schon etwas Kollektivartiges an sich hat, kamen wir ganz ungezwungen ins Gespraech. Ich bin da ja nicht so, man kann sich ja auch mal nett unterhalten, gegen ein bisschen Smalltalk ist ja nichts einzuwenden. Wir waren beide entsetzt ueber den Vorfall mit dem Kind. Wir aergerten uns ein bisschen ueber die Verspaetung, aber Hauptsache dem Kind ging es gut. Ich erzaehlte ihr, dass ich nicht in Johannesburg aussteige sondern bis nach Kapstadt fliege und ein Jahr dort in der Naehe arbeiten wuerde um dann, vermutlich, nach Deutschland zurueckzukehren.

    Sie unterbrach mich fast, um mir zu eroeffnen, dass sie sehr wohl in Johannesburg aussteigen wuerde, aber mit dem Gedanken spiele sich bald ein Haus, ein bisschen ausserhalb von Kapstadt zu kaufen, es sei so schoen ruhig da. Daraufhin sah sie mich fragend an. Ich wusste wirklich nicht, was ich darauf antworten sollte, ausser Na, super, oder so. Ploetzlich meinte sie, dass sie es gar nicht fassen konnte, so ganz allein hier zu sein. Dabei beruehrte sie ganz unwillkuerlich meine Hand. Nicht lange genug um irgendetwas zu interpretieren. Aber, ich kenne diese zufaelligen Beruehrungen, sie sind gerade lange genug um zu wissen das sie eine wunderbar zarte Haut besass, was ich an Frauen sehr schaetze, was, glaube ich, alle Maenner an Frauen sehr schaetzen.

    Oh ja, diese zufaelligen Beruehrungen. Die ganze Situation erinnerte mich an die Begebenheit, von der Maik mir einst berichtete: Auf seinem Rueckflug von Afrika nach Deutschland nahm eine Afrikanerin auf dem Sitz neben ihm Platz – sie war bildhuebsch! Wenn ich mich recht erinnere plauderten sie ein bisschen, allerdings nichts Bedeutendes. Irgendwann, waehrend des Fluges fing sie immer wieder an sich an ihn zu kuscheln… Maik blieb natuerlich standhaft, versuchte die deutsche Distanz zu waren. Ihm waren die Geruechte bekannt, denen zufolge sie es nur auf sein Geld und/oder seine Staatsbuergerschaft abgesehen haben konnte. Den Maennern unter uns ist klar welche Pein aus dieser Situation (man bedenke wie wunderschoen sie war) entstehen kann und welcher inneren Kraft es bedarf um zu widerstehen.

    Waehrend meiner UEberlegungen gingen die Zeichen zum Anschnallen an und so wurde diese prickelnd prekaere Situation ohne mein Zutun beendet. Nach einem recht duerftigen Nachtmahl machte ich es mir hinter einem Buch gemuetlich und musste nach einiger Zeit feststellen, dass meine Flugzeugbekanntschaft bereits das Land der Traeume betreten hatte. Die Nacht war, gelinde gesagt der Horror. Jeder, der schon mal einen Nachtflug ueberlebt hat, weiss wovon ich rede. Klar, die Sitze lassen sich nach hinten kippen. Nur ein veraenderter Neigungswinkel ist bei besten Willen nicht auszumachen, was wohl daran liegt, dass er nicht wirklich existent ist. Zum Glueck war der Sitz neben mir frei geblieben. Ich verbrachte die Nacht in der Foetus-Stellung. Nun bin ich, Gott gewollt, nicht der Groesste.

    Jedoch, mir gelang es nicht meine Beine so anzuziehen, dass auch meine Fuesse innerhalb der Armlehnen ihren Platz fanden. Sie ragten also minimal in den Gang hinein. Dies muss einen unheimlichen Affront fuer die Stewardessen dargestellt haben. Ich habe es genau beobachtet, morgens um vier, im Halbschlaf, mit Laehmungserscheinungen. Jedem meiner Mitreisenden gelang es muehelos meine Fuesse zu passieren, ohne sie zu tangieren. Den Stewardessen nicht. Sie nahmen regelrecht Anlauf um auf dem Hoehepunkt ihres kurzen Zwischenspurts, mit viel Geschick das kleine Ziel meiner Fuesse zu treffen! Man kann sich vorstellen, dass unsere Beziehung am naechsten Morgen recht angespannt war. Mein freundliches Laecheln wich einer finsteren Grimasse. Die herzlichen Danksagungen, fuer jedes gereichte Getraenk wurden durch ein fluechtiges Nicken ersetzt.

    Demzufolge musste ich dreimal nachfragen um ein weiteres Glas Orangensaft zum Fruehstueck zu bekommen. Es war nur halb voll. Die Oma schraeg vor mir bekam mittlerweile ihr Drittes, sie wurde gefragt, sie hatte jedes Mal muehe nicht zu schwaeppern. Die Wolken vor meinem Fenster waren grau. Was soll’s. Diese Aussicht, als die Wolkendecke aufbrach – sie entschaedigt fuer Einiges! In Johannesburg, wie gesagt der Zwischenstopp. Das Flugzeug musste gereinigt werden. Wir hatten es bitter noetig, denn es gab keine Toilette mehr an Bord, in der nicht das Klo oder das Waschbecken verstopft war. Die Reinigungskolonne bestand ausschliesslich aus Schwarzen. Gut, das ist hier unten halt immer noch so. Aber diese grossen roten Aufdrucke, hinten auf ihren Westen: Equality – What will you be?. Muss das sein?

    Ich sehe den Chef vor mir, ein Bure, zynisch geworden ueber die Abschaffung der Apartheid. Ein leichtes Laecheln ziert sein Gesicht, bei der Entscheidung wie die Dienstkleidung seiner Angestellten aussehen soll. Endlich in Kapstadt angekommen – nie wieder Fliegen. Zumindest vorerst nicht. Am naechsten morgen ging es weiter nach George, mit dem Interscape Sleepliner, ein Bus. Sieben Stunden. Es mag anstrengend klingen, sieben Stunden in einem afrikanischen Bus zu verbringen. Ganz im Gegenteil, es ist ein wahrer Luxus und der beste Part der Anreise. Dieser Bus ist so komfortabel, dass ich einiges an Schlaf nachholen konnte.

    Die wachen Phasen in diesem Bus sind allerdings noch besser, man kann wunderbar die Landschaft betrachten. Ein wunderbares Licht. Der Fruehling beginnt hier langsam sich zu entfalten. Ich glaube aber das eindrucksvollste ist diese Weite. Begrenzt auf der einen Seite vom Meer, auf der anderen von den Bergen und mittendrin man selbst – ganz klein. In George wurde ich von Maxi, meiner Vermieterin abgeholt. Maxi ist eine Schwarze, aus Bayern. Den bayrischen Akzent hier unten zu hoeren wirkt ein bisschen surreal. Ihr Mann heisst Otto, ebenfalls aus Bayern und seines Zeichen ebenfalls Tischler.

    Zwei Herzensgute Menschen. Daher vermutlich auch die ganzen Tiere. Sieben Hunde und fuenf Katzen. Was schoen ist, denn wenn ich mich hier unten alleine fuehle und koerperliche Zuneigung brauche gehe ich die paar Meter hinueber zu Otto und Maxi und schwups bin ich im Streichelzoo. So sitze ich hier also, auf meinem kleinen Berg, in Wolfgangs Cottage, das mir ein gutes Heim sein wird. Fuenf Minuten vom Strand entfernt. Und wenn ich ganz leise bin, mich wirklich darauf konzentriere, hoere ich nicht nur die Froesche, welche hier seltsame Klick-Laute von sich geben, sondern auch die tosende Brandung des gewaltigen Ozeans.


2 Kommentare zu Ein Dosenfisch stuerzt sich lachend ins offene Meer

  • hallo basti
    schön was du so schreibst. da möchte man immer weiter lesen. lass uns teilhaben an deinem neuen leben.
    ciao micha

    ps.du hättest vielleicht erwähnen sollen, dass die "kleine süsse dagny"deine schwester ist.
  • sebastian am 25.10.2007 22:17
    schön erlebt und schön geschrieben!
    löst sich das mit dem freiheitsliebendem Dosenfisch noch irgendwie auf? :D

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