• Die Tuerkei gestern und heute

    „Immer faellt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Tuerke ein.“ Als Karl May 1893 mit diesen Worten seine Winnetou- Erfolgsgeschichte begann und die Indianer mit dem „kranken Mann am Bosporus“ verglich, stand das Osmanische Reich tatsaechlich vor einem Scherbenhaufen.

    1882 ging Aegypten an Grossbritannien verloren und kurz vor dem I. Weltkrieg blieb der Tuerkei kein Stueckchen Land in Europa zurueck. Es kam noch schlimmer: Wie die Deutschen in Versailles verloren ihre tuerkischen Buendnispartner im Friedensvertrag von Sevres auch die arabischen Provinzen und erlebten sogar die Teilung der Kernprovinz Anatolien.

    Doch mit Mustafa Kemal, bald genannt >Atatuerk<, Vater der Tuerken, begann das tuerkische Maerchen des 20. Jahrhun- derts. Atatuerk schlug die Alliierten zurueck und begruendete den Triumph des tuerkischen Nationalismus. Von 1922-1937 forcierte er die Verwestlichung seines Landes. Er trennte die is- lamische Religion von der Politik und konnte ein Blutbad religi- oeser wie politischer Minderheiten verhindern: Die Tuerkei hat- te sich aus ihrer Asche neu geboren. Unter dem Titel >Die Er- findung der Tuerkei< schaut die Kreuzberger Neue Gesellschaft fuer Bildende Kunst (NGBK) in einer Ausstellung vom 14.07. bis zum 19.08. diesem sonderbaren Phoenix hinterher.

    Acht Monate war die Photographin Katja Eydel zu diesem Zweck in der Tuerkei. Man staunt ueber den Obersten Rech- nungshof mit seiner buergerlichen Fassade und den orienta- lisch verzierten Spitzgiebeln in Ankara sowie das massive neo- klassizistische Mausoleum Atatuerks, vor dem weiss und schwarz gekleidete Polizisten wie Zinnsoldaten verschwinden. Man ist beeindruckt von der Istanbuler Atatuerk-Bibliothek aus Beton und Glas und mit einer sechseckigen Zellstruktur der Dachhauben. Man ahnt, dass die tuerkische Kultur sich nicht einfach durch die Differenz zu unserer westlichen Kultur beschreiben laesst.

    Neben der Architektur naehern sich Eydels Bilder tuerkischen Feiertagen und ihren Inszenierungen sowie Musterinstitutio- nen wie der Hagia Sophia. Gemeinsam bilden die Werke eine Ikonographie des tuerkischen Saekularismus. Der Tuerke ist heute nicht mehr der kranke Mann und mit dem Indianer ver- gleicht ihn heute niemand. Unser Land ist selbst nach dem Scheitern der Islamkonferenz viel zu eng mit der Tuerkei ver- bunden, wirtschaftlich, kulturell wie politisch. Oder um Heiner Mueller zu verbessern: Deutscher sein heisst heute auch Tuer- ke sein.


2 Kommentare zu Die Tuerkei gestern und heute

  • Vielen Dank für diesen informativen und eloquenten Beitrag, der selbst eine Pointe nicht missen lässt!
  • Handan am 22.08.2007 11:57
    Es tut jeden Menschen gut, richtig erkannt zu werden.
    Aber es ist leider schwer den Stempel los zu werden die man den Türken verpasst hat. "Gastarbeiter = minderwertiges Volk" sogar in der Türkei schauen sie auf die Türken herab. Es ist völlig egal ob einer den wahren Wert erkennt oder nicht, liegt in eigene Entscheidung. Das wahre Wert dadurch weder steigen, noch sinken. Aber es hilft ein bisschen mehr aus der Dunkelheit (Welt der Vorurteile) ans Licht (menschliche Waerme) zu gehen.

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