• Die Abschlussfahrt

    Samstag morgen um vier Uhr mache ich mich auf den Weg. Die Nacht ist dunkel, ich ein wenig angetrunken. Rotwein. Die Schuhe zu binden, was fuer ein Akt. Ich vergewissere mich noch einmal, ob ich meinen Personalausweis dabei habe. Eine Stunde spaeter stehe ich am Bus und nicke den Leuten aus meiner Klasse zu, kreische laut Hiiiii… und setze mich auf meinen Platz. Hoffentlich muss ich nicht kotzen.

    Die Lehrer fangen an, ihre ueblichen Klassenfahrtwitze zu reissen – ich doese ein. Eine Stunde spaeter dann auf der Autobahn. Es schneit, wird nicht hell draussen. Die Grazien schreien aus dem hinteren Teil des Busses: Dit is arschkalt!. Die Busfahrer wissen um diese Misere, doch das Dach ist undicht und es wird die ganze Fahrt ueber nicht waermer. Gegen Mittag passieren wir die tschechische Grenze in Seifennersdorf. Mein Cousin arbeitet hier beim BGS, ich halte Ausschau nach ihm, vergebens.

    In Tschechien scheint die Zeit still zu stehen. Ein Ort gleicht dem anderen in seiner Trostlosigkeit. Mir wird schlecht davon, dass alles so verfallen ist. Die Klassenkameraden reissen Witze. Es geht um Muelltonnen, Behausungen und die Skodas, die hier ueberall gefahren werden. Ein
    PLUS-Markt in zwoelf Kilometern. Prima Leben und Sparen. Langsam werde ich munter und diskutiere heftig mit, ob Daniel K. aus der RTL-Erfolgsshow Deutschland sucht den Superstar (2), es verdient hat, Morddrohungen zu erhalten. Ich denke schon.

    Es gibt keine Autobahn. Also schleicht unser Bus die Landstrasse entlang. Am Nachmittag erreichen wir unser Ziel. Pec pod snezku. Das heisst Pec an der Schneekoppe, als Kind bin ich hier schon einmal gewesen, wie meine Mutter mir versicherte. Hier grenzt eine sozialistische Kaufhalle an moderne Ferienappartements und die Touristen sind meist Deutsche, reiche Polen oder reiche Tschechen. Um unser Hotel zu erreichen, muessen wir einen Berg erklimmen. Den Lift koennen wir ohne Ski nicht benutzen. Nach eineinhalb Stunden kann ich es sehen: das Hotel Energetik (3). Ruhig und abgelegen, besonders gut fuer Familien geeignet. Fuer die Abschlussfahrt einer dreizehnten Klasse eher ein Fehlgriff. Zum Beschweren fehlt mir die Kraft. Ich versuche dem Ganzen die positiven Seiten abzugewinnen.

    Am Montag und Mittwoch wird es eine Disko mit DJ fuer uns geben. Sehr gut. Es ist alles sehr billig hier. Ein Eisbecher kostet umgerechnet zwei Euro. Die Cola 80 Cent. Die Belegschaft des Hotels ist sehr skurril. Die Putzfrau
    stinkt ungeheuerlich nach Schweiss, der Manager scheint von der russischen Mafia zu sein und die Kellner zechen jede Nacht in der Hotelbar durch. Einige koennen deutsch sprechen und wenn ich mit dem Essen fertig bin, dann
    sind Teller oder Glas innerhalb von Sekunden erschwunden. Sie fragen dann: Noch eins Bier bitte? in einem vorwurfsvoll klingendem Ton und ich traue mich nicht nein zu sagen. Das beste am Hotel ist der Pool, den auch wir nutzen duerfen. Springen und rennen verboten. Lachen erlaubt – in Massen.

    Nachdem die Haelfte der Woche um ist und ich festgestellt habe, das Skifahren nichts fuer mich ist, entschliesse ich mich, mit einigen Freunden, den Abstieg ins Dorf zu wagen. Dort gehen wir lecker essen und lassen es uns gut gehen. Dann wieder der Aufstieg. Diesmal zweieinhalb Stunden. Dann kommt Donnerstag. Der letzte Abend auf meiner letzten Klassenfahrt. Wir unterhalten uns in der Bar und ich froene meiner Sucht nach diesem Computerspiel: Ein utosimulationsspiel mit Lenkrad, Gas, Bremse und vier verschiedenen Strecken. Ich gewinne nie.

    Gegen ein Uhr wird mir auf einmal schlecht und ich gehe aufs Zimmer. Horrorvisionen plagen mich und ich entdecke auf der Toilette Silberfische, die um meine Fuesse schleichen. Ich kann die ganze Nacht ueber nicht schlafen und am naechsten Morgen heisst es dann schon Abschied nehmen. Auf dem Weg nach unten muss ich mich schon einmal uebergeben. Nur ein Vorgeschmack auf die Busfahrt, die ich dann mehr oder weniger auf der Bustoilette verbringen muss. Am Ende der Fahrt geht es noch einmal um Daniel K. Im Delirium bekomme ich jedoch nicht alles mit – wenn man sich Kopfhoerer aufsetzt, ohne Musik anzumachen, dann reden die Menschen ganz sonderbar mit einem. Abends bin ich dann zu Hause und gluecklich.

    Tschechien war eine Erfahrung, auf die ich nicht verzichten moechte. Aber ich moechte sie auch nicht noch einmal machen…


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